Bestellte Iris-T SLM bereits mit neuen Fähigkeiten

Das Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) hat mit Diehl Defence in der vergangenen Woche einen Vertrag für die Beschaffung von sechs Feuereinheiten des bodengebundenen Luftverteidigungssystems für die mittlere Reichweite Iris-T SLM unterzeichnet. Für die Beschaffung sind rund 950 Millionen Euro vorgesehen.

Diehl Defence als Generalunternehmer mit seinen Partnern Hensoldt und Airbus werde die erste Feuereinheit planmäßig im kommenden Jahr der Luftwaffe zur Verfügung stellen, schreibt das Unternehmen in einer Mitteilung. Der deutschen Luftwaffe sei das System bereits durch das Training für die ukrainischen Soldaten bekannt. Zugleich markiere die Beschaffung für Deutschland den Auftakt der European Sky Shield Initiative (ESSI), dem sich weitere Nationen anschließen könnten, betont Diehl.

Iris-T SLM, bestehend aus den Komponenten Startgerät, Radar und Gefechtsstand, ist laut Hersteller auf die Abwehr von Bedrohungen durch gegnerische Flugzeuge, Hubschrauber, Flugkörper und Drohnen auf eine Distanz von bis zu 40 km und eine Höhe von bis zu 20 km ausgelegt. Es wird durch Unterstützungselemente wie Werkstatt-, Ersatzteil- und Nachladefahrzeuge ergänzt.

Das Systemhaus Diehl Defence ist für Iris-T SLM Systemintegrator aller Komponenten und liefert darüber hinaus das Startgerät und die Lenkflugkörper. Hensoldt trägt das Multifunktionsradar TRML-4D bei und von Airbus stammt die Gefechtsstand-Software IBMS-FC (Integrated Battle Management Software Fire Control).

Mehr Arbeitsplätze vorgesehen

Gut informierten Kreisen zufolge werden die für die Bundeswehr vorgesehenen Iris-T-Systeme bereits neue Fähigkeiten aufweisen, die nicht für das Exportmodell vorgesehen sind. So soll beispielsweise die Zahl der Arbeitsplätze im Gefechtsstand von zwei auf vier verdoppelt werden. Das bringt Vorteile mit sich, wenn die im Rahmen des „Sofortprogramms“ beschafften Systeme später in das Projekt Nah- und Nächstbereichsschutz (NNbS) eingebunden werden, was offenbar vorgesehen ist. Dann nämlich wird es unter anderem darum gehen, die für den Nächstbereichsschutz vorgesehenen Feuereinheiten der kleineren Schwester Iris-T SLS in das System einzubinden.

Denkbar ist überdies, dass das Mittelbereichsradar TRML-4D noch für weitere Aufgaben eingesetzt wird. So soll der Sensor in der Lage sein, Artilleriefeuer zu detektieren. Ein Operator im Gefechtsstand könnte dann die Bekämpfung der gegnerischen Artillerie koordinieren oder gegebenenfalls selbst eine Loitering Munition zum Standort des Gegners entsenden. Diehl selbst hat für die letztere Aufgabe mit der Loitering Munition vom Typ „Libelle“ bereits selbst ein Produkt im Portfolio, das allerdings nur eine kurze Reichweite aufweist.

Bei der Bundeswehr obliegt die Führung der Feindartillerie-Bekämpfung den Koordinierungszellen der eigenen Artillerie. Die Artillerietruppe des Heeres ist jedoch seit geraumer Zeit bestrebt, weitere Sensoren an das eigene Führungssysteme ADLER anzubinden, um das Lagebild zu verbessern.

Neben zusätzlichen Arbeitsplätzen werden die Gefechtsstände der Bundeswehr mit deutscher Kryptotechnik sowie dem taktischen Datenlink Link 16 ausgestattet. Letzterer ist erforderlich, um das System in den Luftverteidigungsverbund, zu dem auch die deutschen Patriot-Systeme gehören, einzubinden.

Nutzung von Passiv-Radaren

Dem Vernehmen nach soll Iris-T SLM neben dem TRML-4D in Zukunft möglichst auch mit passiver Radartechnik ausgestattet werden. Dazu bieten sich Produkte wie das Passivradar Twinvis von Hensoldt oder – mit einem etwas anderem Konzept – VERA-NG der tschechischen Firma Era an (siehe dazu auch: https://www.hartpunkt.de/fuer-tschechische-era-existieren-keine-stealth-flugzeuge/). Wie es heißt, wurden beim Test dieses Ansatzes bereits sehr gute Ergebnisse erzielt.

Den Angaben von Diehl zufolge überzeugt Iris-T SLM durch seine hohe Leistungsfähigkeit im operativen Einsatz in der Ukraine. „Laut Kundenaussagen hat das System eine Trefferquote von 100 Prozent sogar in Angriffswellen mit über 12 Zielen erreicht“, schreibt das Unternehmen in einer Pressemitteilung.

Gut informierten Kreisen zufolge soll ein Grund für die hohe Trefferquote das Hensoldt-Radar mit seiner hohen Präzision sein. Dies ermöglicht es offenbar, einen Iris-T-Flugkörper bei Bedarf ohne Nutzung ihres eigenen passiven IR-Suchkopfes bis zum Ziel zu führen und dieses zu bekämpfen. Die Praxis in der Ukraine habe überdies gezeigt, dass das Radar auch ohne das Ausfahren der Hydraulik-Stützen zur Stabilisierung eine ausreichende Genauigkeit aufweise. Dies ermögliche ein Vorgehen das dem sogenannten Shoot&Scoot sehr ähnlich sei, womit das Radar nur für kurze Zeit exponiert bleibt.

Das gleiche Prinzip kann auch für den Iris-T-Werfer angewendet werden, da hier die Erfahrungen aus der Ukraine vergleichbar sind: Auch ohne Abstützung wird eine ausreichende Stabilität erreicht. Selbst beim Verschuss einer großen Salve schaukele sich der Werfer nicht auf, berichten Insider. Somit kann das In-Stellung-Gehen, Schießen und Abrücken in sehr kurzer Zeit geschehen.

Wie bereits berichtet, ist Diehl damit beauftragt worden, die kleinere Iris-T SLS in die ukrainischen Iris-T-SLM-Systeme zu integrieren, was offenbar bis Jahresende erfolgen soll. Dazu muss das Dutzend Startgeräte auf Gitterbasis, das bislang auf schwedischen Hägglunds-Knickgelenk-Kettenfahrzeugen montiert ist, auf IVECO-Lkw der ukrainischen Streitkräfte integriert werden. Im Gegensatz zu den im Rahmen von NNbS geplanten Flugabwehrraketenpanzern auf Boxer-Basis verfügen die schwedischen Iris-T-SLS-Fahrzeuge über kein eigenes Radar. Diehl wird dem Vernehmen nach die von Schweden abgegebenen Launcher nachproduzieren. Dabei würde es sich womöglich anbieten, gleiche weitere für die ukrainischen Streitkräfte herzustellen. Denn aufgrund der breiten Verwendung der Iris-T SLS als Flugzeugbewaffnung in Europa dürfte es umfangreiche Depot-Bestände geben, aus denen die Munitionsversorgung sichergestellt werden kann.
lah/27.6.2023