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Rheinmetall setzt auf Patriot und will zum Systemhaus werden

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Der Düsseldorfer Rüstungs- und Automotive-Konzern Rheinmetall will seine Expertise im Segment der bodengebunden Luftverteidigung ausweiten und sich dabei zu einem Systemhaus weiterentwickeln, das alle Sensoren, Effektoren, Plattformen und Führungsmittel miteinander vernetzen kann. Eine Schlüsselfunktion kommt dabei für Rheinmetall der Nah- und Nächstbereichsschutz (NNbS) zu. Mit der gegenwärtig in der  Analysephase befindlichen NNbS-Initiative möchte die Bundeswehr  die einerseits durch die Auflösung der Heeresflugabwehr und andererseits durch neue Bedrohungen wie Drohnen entstandene Fähigkeitslücke zu schließen.

Das so genannte Phasenpapier „Fähigkeitslücke Funktionale Forderung“ (FFF) für den NNbS ist bereits fertiggestellt, wie aus Militärkreisen verlautet. Mit einer Zeichnung der FFF durch den Generalinspekteur der Bundeswehr rechnet Rheinmetall-Manager Harald Mannheim, Leiter Programmbereich Luftverteidigung Deutschland, bis Mitte des Jahres. Bis zu Jahresende solle dann laut Verteidigungsministerium die so genannte Auswahlentscheidung erfolgen, sagte Mannheim am Freitag vor Journalisten in Berlin.

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Rheinmetall bereitet ein eigenes Systemangebot für den NNbS vor, das einen Mix aus Kanonen, Flugkörpern und perspektivisch auch Hochenergie-Lasern enthält. Das Unternehmen will dafür eine „flexible und rollenbasierte“  Führungs- und Gefechtsfeldarchitektur entwickeln. Dabei wird auch der US-Rüstungskonzern Raytheon eingebunden, der das Luftverteidigungssystem Patriot liefert. Beide Unternehmen haben bereits vor geraumer Zeit eine Partnerschaft angekündigt.

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Rheinmetall strebt an, den NNbS-Gefechtsstand mit der Patriot-Feuerleitung zu koppeln, um beide Systeme zu integrieren.   Beide Unternehmen wollen nicht nur in Deutschland kooperieren, sondern auch  internationale Märkte nicht nur im Segment Flugabwehr gemeinsam bearbeiten. Zu den weiteren Kooperationsbereichen zählen  Cyber, Waffen und Munition, Simulation und Ausbildung sowie taktische Fahrzeuge.

In punkto Luftverteidigung schlagen die Düsseldorfer der Bundeswehr vor, statt das zukünftige Taktische Luftverteidigungssystem (TLVS) auf Basis der trilateralen Meads-Entwicklung bei MBDA und Lockheed Martin zu beschaffen, auf eine verbesserte Patriot-Variante als TLVS zu setzen. Die Luftwaffe will Patriot ohnehin auf den Stand Config 3+ modernisieren. Der nächste Modernisierungsschritt auf die Version Patriot NextGen, mit dem auch eine 360-Grad-Abdeckung möglich sein soll, werde dann bei geringen  Kosten den Ansprüchen an ein zukünftiges TLVS gerecht, so Rheinmetall.

Als Effektoren für den NNbS skizziert Rheinmetall unter anderem eine Variante eines 35mm-Mantis-k4-Turms mit eigenem Sensor auf der Plattform des Radpanzers Boxer. Dieser Mantis-Boxer solle auch über eine Schnellabstützung verfügen, um gegen so genannte RAM-Ziele wirken zu können, erläuterte Mannheim.  Der Boxer werde konzipiert für das „Feuer aus der Bewegung gegen alles außer RAM“.

Darüber hinaus sind für den Turm ein C-UAS-Radar, ein Feuerleitradar sowie ein Elektro-optisches-Tracking-Modul vorgesehen. Werde das Fahrzeug heute bestellt, könne es „in zwei Jahren auf dem Hof stehen“, ist der Rheinmetall-Manager überzeugt. Für den kommenden Herbst seien Schießversuche vorgesehen, kündigte er an.

Da aber – wie es aus Heereskreisen heißt – zunächst Vergleichserprobungen stattfinden sollen, dürfte eine sofortige Bestellung eher unwahrscheinlich sein. Um dem Heer mit Blick auf die deutsche Beteiligung an der VJTF im Jahr 2023 eine Lösung für die so genannte qualifizierte Fliegerabwehr bieten zu können, schlägt der Düsseldorfer Konzern eine Boxer-Variante mit einer 40mm-Granatmaschinenwaffe und  Airburst-Munition vor. Dieser Boxer würde dann ebenfalls mit einem C-UAS-Radar, elektro-optischem Tracking sowie einem elektro-optischen Identifikationssensor ausgestattet. Der Vorteil dieser Variante: sie wäre schnell verfügbar und könnte rechtzeitig vor der VJTF geliefert werden, damit die Heeresverbände genug Zeit zum Training haben.  Der Wunschtermin ist offenbar das vierte Quartal 2021.

Neben diesen beiden Kanonen-Lösungen beinhaltet das Rheinmetall-Konzept auch zwei Module für unterschiedliche Lenkflugkörper: Einmal handelt es sich um die Boden-Luft-Rakete Iris-T SL auf einem geländegängigen Lkw und zum anderen um den leichten Lenkflugkörper Iris-T SLS auf einem hochgeländegängigen Fahrgestell,  wie der des Transportpanzers Fuchs. Der Kunde habe die beiden Varianten der Iris-T als gewünschte Lösung skizziert, sagte Mannheim.

Hinsichtlich des leichten Flugkörpers Iris-T SLS mit einer Reichweite von etwa 10 Kilometern seien allerdings auch noch alternative Produkte wird die Mistral von MBDA oder RBS 70 Bolide von Saab in der Diskussion.  Bei Verwendung der Iris-T SLS ergäbe sich jedoch ein bedeutender Kostenvorteil. Denn die Raketen sind leicht modifizierte Luft-Luft-Flugkörper, die im Flugzeugeinsatz aufgrund der bereits geleisteten Flugstunden – etwa im Baltikum-Einsatz – nicht mehr einsetzbar seien, so Mannheim.  Für die Nutzung als Boden-Luft-Effektor wären diese „abgeflogenen“ Raketen voll verwendungsfähig. Der Hersteller Diehl hat die schwedischen Streitkräfte bereits mit der Iris-T SLS zur Luftverteidigung beliefert.

Weithin ist ein Hochenergie-Laser auf Boxer-Fahrgestell vorgesehen. Im Gegensatz zu den anderen Effektoren dürfte hier noch erhebliche Entwicklungsarbeit erforderlich sein, um die Waffe zur Serienreife zu bringen.  Nach Einschätzung von Mannheim könnte Mitte der 2020er Jahre ein einsatzgeprüfter Laser verfügbar sein.  Gegenwärtig laufen nach Angaben von Rheinmetall-CEO Armin Papperger die  Vorbereitungen zum Zusammenschluss der Lasersparte seines Hauses mit der von MBDA.

Koordiniert werden die Effektor-Module in dem Rheinmetall-Vorschlag von einem Gefechtsstand  auf Lkw-Basis, dem so genannten TOC-LV, das wiederum seine Daten von einem vorgeschalteten Mittelbereichsradar bezieht.  Dieses Mittelbereichsradar – Anbieter dafür sind unter anderem  Hensoldt und Thales – soll auch über einen direkten Link zu den Iris-T SL-Einheiten verfügen.

Mit dem TOC soll nach Vorstellungen von Rheinmetall eine Anbindung der NNbS-Einheiten zum Patriot-Gefechtsstand möglich sein. Die für einen Führungsverbund erforderliche Software sei modular in den deutschen Streitkräften bereits  vorhanden, sagte Mannheim. So nutze die Bundeswehr das System IBMS von Airbus als querschnittliches Flugabwehrführungssystem. Die Grundannahme sie, dass dieses System weitergeführt werde. „Wir werden uns dann mit den entsprechenden Applikationen da aufsetzen.“

Das System könnte nach Einschätzung des Rheinmetall-Managers in etwa zwei Jahren verfügbar sein. Diese Zeit benötige man einfach immer, weil gewisse Qualifikationszyklen durchlaufen werden müssten. „Unser Ansatz ist der offene Führungssystemansatz“, betonte Mannheim.  Wenn sich das TLVS/Meads-System offen zeige gegenüber anderen Systemen, könne man diese durchaus anbinden. Er schränkt aber ein: „Nur derzeit aus unserer Sicht ist es kein offenes System“.  Damit entspricht es in der Wahrnehmung von Mannheim nicht den Qualifikationsanforderungen, sondern es handelt sich seiner Meinung nach  zunächst um Power-Point-Darstellungen.  Rheinmetall habe in der Vergangenheit nachgewiesen, dass es seine Systeme Mantis und LeFlaSys an IBMS angebunden habe. „Auf Samoc-Ebene ist auch Patriot integriert.“

Nach Einschätzung von Mannheim hat die Bundeswehr einen dringenden Bedarf für den NNbS, während bei TLVS keine Lücke besteht. Im Gegenteil: Sollte  TLVS auf Meads-Basis beschafft werden, sei dieses System dem gegenwärtigen mit Patriot sogar teilweise unterlegen, sagte der Rheinmetall-Manager. Denn die für TLVS/Meads gesetzte Iris-T SL weise nur eine Reichweite von 40 Kilometern auf, während die zur Abwehr ballistischer Raketen vorgesehene PAC-3 MSE extrem teuer sei, um klassische Ziele zu bekämpfen. Die 15 Patriot-Einheiten der Bundeswehr verfügten jedoch über mehr als 800 PAC-2-Lenkflugkörper, die auch feindliche Jets abschießen können, bevor diese in einer Entfernung von 60 bis 80 Kilometern ihre Anti-Radar-Raketen ausklinken. Und diese PAC-2-Flugkörper sind laut Mannheim bei entsprechender Wartung und Zertifizierung praktisch unbegrenzt haltbar.
lah/20.3.2018