Potenzial der Stealth-Drohne Anka von Turkish Aerospace

Kristóf Nagy

Der türkische Staatskonzern Turkish Aerospace Industries hat kurz vor dem Jahreswechsel den Erstflug seiner als Anka III bezeichneten Nurflügel-Stealth-Drohne bekannt gegeben. Das Luftfahrzeug ist auf den ersten Blick nichts Besonderes, auch wenn hochrangige türkische Politiker das Ereignis auf ihren Social-Media-Kanälen medienwirksam teilten. Dennoch lohnt ein etwas genauerer Blick auf die Plattform vor dem Hintergrund, dass die Türkei mit dem unbemannten System (UAS) zu einer Gruppe von Nationen aufgeschlossen hat, welche die Fähigkeit zur Herstellung solcher Luftfahrzeuge aufweist.

Turkish Aerospace Industries hat ein beeindruckendes Tempo bei der Entwicklung von unbemannten Luftfahrzeugen (UAV) und der Konstruktion von bemannten Stealth-Kampfflugzeugen vorgelegt. Die als Anka-A (I) bezeichnete „Medium Altitude Long Endurance (MALE)“-Drohne verzeichnete ihren Erstflug bereits 2010. Die Weiterentwicklung in Form der Anka-S (II) steht kurz vor Beginn der Serienfertigung und konnte wie das Vorgängermodell bereits einige Exporterfolge verbuchen. Zudem erfolgte im Frühjahr 2023 die Vorstellung des ursprünglichen als Turkish Fighter Experimental (TFX) und seitdem Kaan getauften Stealth-Kampfflugzeugs, welches die Lücke schließen soll, welche durch den Wegfall der F-35 entstanden war. Allerdings scheint es Verzögerung bei dem Projekt Anka III zu geben, da Beobachter mit dem Erstflug bereits im Sommer 2023 gerechnet hatten.

Herstellerangaben zufolge soll die Anka III ein höchstmögliches Startgewicht von 6.500 kg aufweisen und eine maximale Zuladung von 1.200 kg mitführen können. Dabei sollen die Wirkmittel von Freifallbomben wie der MK 82 bis hin zu unterschiedlichen Luft-Boden- und Luft-Luft-Lenkflugkörpern reichen. Außenlasten können sowohl in einem geschlossenen Waffenschacht, als auch an externen Hardpoints aufgenommen werden. Dies ist von besonderer Relevanz, da eine außen angebrachte Waffenlast die Stealth-Eigenschaften des Luftfahrzeuges drastisch verschlechtert, da der Radarquerschnitt erhöht wird. Der Nurflügler soll projektiert eine Höchstgeschwindigkeit von 787 km/h (0,7 Mach) erreichen und eine Flugzeit von bis zu 10 Stunden bei einer Marschgeschwindigkeit von 463 km/h aufweisen.

Die gezeigten und angekündigten Fähigkeiten sind im Vergleich mit bereits eingeführten System nicht herausragend und seit geraumer Zeit Industriestandard. Die USA und Russland verfolgen Projekte mit Stealth-Drohnen, welche mit zahlreichen Aufklärungs- und Wirkmitteln beladen werden können und von Strahltriebwerken angetrieben werden. Aber auch Länder wie Indien und selbst der Iran, welcher durch das Reverse Engineering einer abgestürzten Lockheed Martin RQ-170 sein eigenes Programm verfolgt, sind in der Lage, unbemannte Luftfahrzeuge ähnlich der Anka III zu fertigen. Die Vorteile des Anka-III-UAS werden daher erst klar, wenn man ihre Einbettung in ein bestehendes Ökosystem betrachtet.

Das System scheint Herstellerangaben zufolge kompatibel mit den Bodenstationen der Vorgängersysteme Anka-A/S und Teilen der Serviceinfrastruktur zu sein. Somit kann die türkische Luftwaffe, aber auch Exportkunden der Anka in Asien und Afrika, nur das Luftfahrzeug und dazugehörige Wirkmittel erwerben, welches Breschen in die gegnerische Luftverteidigung schlagen und so die Operationsfreiheit und Überlebensfähigkeit eigener unbemannter Systeme erhöhen könnte. Durch die angekündigte Integration von Lenkflugkörpern zur Unterdrückung der gegnerischen Luftverteidigung (SEAD) und der schweren Detektierbarkeit durch die Stealth-Eigenschaften scheint die Anka III bei Aufnahme solcher Wirkmittel im internen Waffenschacht dafür durchaus geeignet. Zeitgleich würde das System auch zur Bekämpfung von feindlichen MALE-Drohnen und bemannten Drehflüglern in der Luft-Luft-Rolle eingesetzt werden. In Regionen der Welt, wo Nationen aktuell hauptsächlich in unbemannte Luftfahrzeuge investieren, bedingt durch die großen Distanzen und schlechte Bodeninfrastruktur jedoch Hubschrauber für logistische Aufgaben zwingend benötigen, ist das Potenzial eines Systems wie der Anka III daher durchaus vorhanden.

Kristóf Nagy