Planstellen werden deutlich aufgestockt

Neue Bedrohungen im Osten der NATO haben offenbar auch den Entscheidern im BMVg die gestiegene Bedeutung der Flugabwehr für den Nah- und Nächstbereich vor Augen geführt. Um die nach der Abschaffung der Heeresflugabwehr aufgetretenen Defizite bei mobilen Operationen zumindest teilweise zu schließen, sollen jetzt die wenigen verbliebenen Kräfte in diesem Bereich gestärkt werden.

Man werde kurzfristig alle Maßnahmen einleiten, um die Fähigkeitslücken sowohl mittels bi- als auch multinationaler Kooperationen abzufedern, aber auch durch eine „personelle und materielle Ertüchtigung“, sagte Oberst Stefan Drexler, Referatsleiter beim Kommando Luftwaffe, während eines vom Förderkreis Deutsches Heer (FKH) veranstalteten Symposiums am Dienstag in Bückeburg.

So solle kurzfristig – im Rahmen der Trendwende Personal – der Gesamtbestand des in der 3. Staffel der Flugabwehrraketengruppe 61 bevorrateten Materials nutzbar gemacht werden. Dort gebe es im Augenblick Flugabwehrsysteme, die nicht bemannt werden könnten, erläuterte Drexler. Deshalb werde die Personalstärke um 100 Prozent – das sind  92 Planstellen – erhöht. Die in Todendorf stationierte Flugabwehrraketengruppe verfügt über die einzigen Ozelot-Waffenträger der Bundeswehr sowie über die für den Feldlagerschutz entwickelten Kanonensysteme vom Typ Mantis.

Leistungsfähige Shorad-Systeme seien „wieder unverzichtbar geworden“, betonte Drexler mit Blick auf die Bedrohungslage für die NATO im Baltikum.  „Wir haben in diesem Fähigkeitsbereich signifikante Lücken“, räumte er ein. Das betreffe sowohl die Qualität als auch die Quantität.

Der Luftverteidigungs-Experte kündigte eine Nutzungsdauerverlängerung des leichten Flugabwehrsystems bis 2025 an. Zu diesem Zeitpunkt soll den augenblicklichen Planungen zufolge das neue Luftverteidigungssystem für den Nah- und Nächstbereich (NNBS) zulaufen. Um die mit Stinger ausgerüsteten Ozelots bis dahin in Betrieb zu halten, würden verschiedene Obsoleszenzen beseitigt, sagte Drexler.

NNBS in der kommenden Dekade

Dem Vernehmen nach sollen mehr als ein Dutzend NNBS-Systeme beschafft werden, in erster Linie zum Schutz der Landstreitkräfte. Drexler geht von einer baldigen Fertigstellung der FFF für das neue System aus. Im Rahmen eines  Teilprojektes  sollen seiner Aussage zufolge bereits ab 2023 erste marktverfügbare Elemente von NNBS vorhanden sein. Erst das vollbefähigte NNBS werde  auch über Fähigkeiten zur Abwehr unbemannter Fluggeräte verfügen. Um diese gefährliche Lücke bei der Drohnenbekämpfung möglichst rasch zu schließen, arbeitet das Kommando Heer gegenwärtig an einem Vorhaben zur qualifizierten Fliegerabwehr.

Man verfolge überdies im Rahmen des Projektes Apollo das Ziel, die gemeinsamen niederländischen und deutschen Shorad-Kräfte für Einsätze nutzbar zu machen, erläuterte Drexler. Etwa ab 2021 zur Verstärkung der deutschen Battle Group in Litauen oder für die VJTF.

Die Kooperation von Luftwaffe und Heer beschränkt sich seiner Aussage zufolge nicht nur auf die ursprünglich vom Heer übernommenen leichten Flugabwehrsysteme. Im kommenden Jahr werde die Luftwaffe bei der  großen NATO-Zertifizierungsübung „Trident Juncture“ mit der Brigade des Heeres den Schulterschluss üben, kündigte Drexler an. So werde das Patriot-Einsatzkontingent der Luftwaffe nicht zur Verteidigung  eines Flugplatzes oder anderer Assets, sondern ausschließlich zum Schutz der deutschen Brigade eingesetzt. Dabei soll die Zusammenarbeit weiter optimiert werden.

Drexler wies darauf hin, dass mittelfristig auch der Fähigkeitserhalt von Patriot realisiert werden muss, um das System bis etwa 2030 nutzen zu können. Dabei sei unter anderem  geplant, die Bedienstationen und das verwendete Radar zu modernisieren.  Langfristig sei eine Fähigkeitserweiterung der Luftverteidigung mit dem Taktischen Luftverteidigungssystem (TLVS) vorgesehen. Die Verhandlungen zur Beschaffung des TLVS laufen gegenwärtig zwischen BMVg und den Generalunternehmern.

Mantis ohne Kanonen nach Afrika

Dass der Nahbereichsschutz auch in laufenden Operationen wichtig ist, verdeutlicht die Entscheidung, Teile des Waffensystems Mantis erstmals im Ausland einzusetzen. Wie es auf der Homepage der Luftwaffe heißt, soll das System für mehr Schutz der UN-Friedenstruppen im Camp Castor in Mali sorgen. Die Einsatzkontingente wurden laut Mitteilung bereits verabschiedet. Das Mantis-System zum stationären Schutz von Einrichtungen  besteht aus Sensoreinheiten, einer Bedien- und Feuerleitzentrale (BFZ) sowie mehreren Geschütztürmen. In Mali werden laut Bundeswehr jedoch nur die Sensoreinheiten und die BFZ eingesetzt. Mit der Sensoreinheit erkenne Mantis anfliegende Geschosse rings um das Feldlager und errechne anhand der Flugbahn automatisch den Abschussort sowie Zeitpunkt und Ort des Aufschlages. Je nach Entfernung werde damit eine Frühwarnzeit von 20 bis 30 Sekunden geschaffen, in der sich die Soldaten in Sicherheit bringen können. Das erste Kontingent wird den Angaben zufolge vier Monate in Mali bleiben. Alles Weitere sei  von politischen Entscheidungen abhängig.
lah/12/16.11.2017