Fregatte F 127 mit Aegis und kanadischem Führungssystem?

Lars Hoffmann

Die Angriffe der Huthi-Milizen auf US-Kriegsschiffe mit ballistischen Raketen verdeutlichen die neue Art der Bedrohung, die von diesen bisher nur im Landkrieg eingesetzten Waffen ausgeht. Gleichzeitig zeigen die Abwehrerfolge der U.S. Navy, dass solchen Angriffen nur mit modernster Technik begegnet werden kann.

Auch die zukünftigen deutschen Fregatten der Klasse F 127 sollen als Nachfolger der Sachsen-Klasse (F 124) neben der Verbandsflugabwehr und dem Gebietsschutz die Fähigkeit zur Ballistic Missile Defence (BMD) wie die US-Schiffe erhalten. Im Zielbild der Marine sind ab 2035 sechs Fregatten F 127 vorgesehen.

Um auch aus dem Weltraum anfliegende ballistische Raketen detektieren, verfolgen und bekämpfen zu können ist neben leistungsfähigen Sensoren und Effektoren auch eine hochentwickelte Führungshard- und Software erforderlich. Nach Angaben des Bundeswehr-Beschaffungsamtes wird deshalb gegenwärtig die Verwendung des amerikanischen Aegis-BMD-Combat-Systems geprüft, das in einen deutschen Schiffsentwurf integriert werden soll. In Fachkreisen heißt es, dass Aegis das am weitesten entwickelte BMD-Combat-System und dass damit bei einer Beschaffung keine Entwicklungsrisiken verbunden sind. Es ist in der Lage, über große Entfernungen aufzuklären und sogar exoatmosphärisch wirkende Abfangflugkörper wie die SM-3 zu führen.

Die Frage ist nun, ob das gesamte Führungs- und Waffeneinsatzsystem (FüWes) der F 127 auf Aegis basieren wird, oder ob unterhalb der BMD-Ebene ein anderes FüWes zum Einsatz kommen soll. Während eine umfassende Aegis-Lösung vermutlich am einfachsten umzusetzen wäre und offenbar diskutiert wird, spricht für den letzteren Ansatz, dass Aegis den US-Exportregeln ITAR unterliegt und nach Meinung von Experten eine Reihe von „Black Boxes“ enthält. Außerdem würde mit einer kompletten Aegis-Suite ein weiteres FüWes in die Marine eingeführt, was die bereits ausufernde Vielfalt und damit die logistische Komplexität weiter erhöht.

Mit den jüngsten Auftragungsvergaben für dem Neubau, bzw. die Modernisierung von Fregatten erhält die Marine bereits zwei neue Systeme. So wird auf den Fregatten der Klasse 126 das FüWes Tacticos von Thales integriert und nach der Modernisierung der F-123-Klasse, die in den Händen von Saab liegt, soll das 9VL Combat Management System des schwedischen Unternehmens zum Einsatz kommen. Diese beiden FüWes kommen als Optionen unterhalb von Aegis für BMD in Betracht. Dem Vernehmen nach haben sowohl Thales als auch Saab Interesse daran, ihre Produkte mit Aegis zu verknüpfen. Ein weiterer Vorteil dieser FüWes dürfte darin liegen, dass sie bereits einen wesentlichen Teil der auf deutschen Marineschiffen verwendeten Sensoren und Effektoren, wie beispielsweise das Marine-Leichtgeschütz, integriert haben, während US-Schiffe einen anderen Ausstattungs-Mix aufweisen.

Wie es aus gut informierten Kreisen heißt, soll allerdings im Augenblick eine andere Lösung bei der Marine im Fokus stehen: Das als CMS 330 bezeichnete System von Lockheed Martin Canada. Wie es heißt, steht eine Demonstrator-Konsole bereits in Wilhelmshaven. Der Vorteil am CMS 330 dürfte unter anderem darin liegen, dass es nicht den ITAR-Regeln unterliegt, eine offene System-Architektur aufweist und sich, da aus dem Hause Lockheed Martin, leicht an Aegis anbinden lässt. Auch sollen Gerüchten zufolge offizielle US-Stellen einer Verknüpfung von Aegis mit einem europäischen FüWes skeptisch gegenüberstehen. Welche Kombination von Führungs- und Waffeneinsatzsystemen auf den zukünftigen Flugabwehrfregatten zum Einsatz kommt, scheint jedoch noch offen zu sein.

Noch nicht entschieden ist offenbar auch, welche weitreichenden Effektoren für die Schiffe beschafft werden. Neben der SM-2, die bereits auf der Sachsen-Klasse eingerüstet ist, dürften die beiden US-Flugkörper SM-6 und SM-3 in Frage kommen. Wobei letzterer exoatmosphärisch wirkt und als sehr teuer gilt. So hat die U.S. Navy  im Jahr 2021 öffentlich zugänglichen Informationen zufolge 11,8 Millionen US-Dollar für die Variante Block IB bzw. 36,4 Millionen US-Dollar für die Variante Block IIA der SM-3 zahlen müssen.

In Deutschland wird überdies die Fähigkeit zur territorialen Flugkörperabwehr von der Luftwaffe mit dem israelischen Arrow-3-System übernommen, das ebenfalls exoatmosphärisch eingesetzt wird. Allerdings hätten mit der SM-3 bewaffnete Fregatten den Charme, auch Aufgaben von Partnerländern übernehmen zu können, wenn deren Einheiten nicht verfügbar sind oder anderweitig benötigt werden. So hat die U.S. Navy mehrere BMD-fähige Zerstörer für den Einsatz im Mittelmeer im spanischen Marinehafen von Rota stationiert.

Darüber hinaus soll die F 127 dem Vernehmen nach den in den kommenden Jahren zu entwickelnden europäischen Anti-Hyperschall-Flugkörper erhalten. Für diesen leisten zwei Konsortien – eines unter Führung von Sener und Diehl Defence und eine zweites unter Führung von MBDA – die technischen Vorarbeiten. Der Lenkflugkörper soll so ausgelegt werden, dass er schiffstauglich ist und auch aus einem Vertical Launching System verschossen werden kann. Es ist zu vermuten, dass der zukünftige norwegisch-deutsche Seezielflugkörper Tyrfing, der 2035 seine Einsatzreife erreichen soll, ebenfalls auf dem Schiff eingerüstet wird.

Zu entscheiden ist überdies, welches Radar die zukünftigen Luftverteidigungsfregatten der Deutschen Marine erhalten werden. Im Rahmen eines Foreign-Military-Sales-Vorhabens könnte das SPY-6 von Raytheon beschafft werden, das den Standard auf US-Marineschiffen darstellt und in unterschiedlichen Konfigurationen verfügbar ist. Auch die BMD-fähigen Lenkwaffenzerstörer und Kreuzer der U.S. Navy sind damit ausgerüstet.

Darüber hinaus bietet Lockheed Martin sein SPY-7-Radar an. Laut Hersteller ist dieser Sensor voll kompatibel mit dem Aegis Combat System und soll auf den zukünftigen spanischen Fregatten der Klasse F-110 sowie den kanadischen Surface-Combatant-Fregatten eingerüstet werden. Beide Fregatten-Typen werden Aegis erhalten und die kanadischen Schiffe dazu noch das CMS 330. Damit wäre Deutschland nicht der erste Nutzer einer Kombination dieser beiden FüWes.  

Dann stellt sich noch die Frage, welche Werft mit dem Bau der F 127 beauftragt wird. Insider gehen davon aus, dass nicht zuletzt wegen der geänderten Rahmenbedingungen seit dem russischen Überfall auf die Ukraine eine deutsche Lösung die wahrscheinlichste ist – der Bau der F 126 war an ein Konsortium unter Führung der niederländischen Werft Damen Shipyards vergeben worden. Da die Bundeswehr in einem Digitalisierungsprojekt die Direktvergabe gemäß Artikel 346 AEUV erfolgreich durch alle Instanzen gebracht hat, gehen Beobachter davon aus, dass dieser Ansatz auch bei der F 127 angewendet werden könnte.

Bereits in Position gebracht hat sich thyssenkrupp Marine Systems aus Kiel mit dem Entwurf einer Meko-A-400-Fregatte, die eine ausreichende Größe für die Aufnahme der leistungsfähigen Radare und Effektoren aufweist und die dafür erforderliche Energieversorgung erbringen kann. Der vor allem auf U-Boote spezialisierte Konzern verfügt mit der Übernahme der MV Werften in Wismar auch nach vielen Jahren wieder über eigene Kapazitäten im Überwasserschiffbau und könnte so womöglich eine F 127 auch in den eigenen Docks bauen.

Dem Vernehmen nach hat auch Naval Vessels Lürssen (NVL) Interesse an dem Projekt. Denkbar wäre, dass das Unternehmen zusammen mit Damen – nur diesmal in umgekehrter Rollenaufteilung – die Schiffe baut, die vom Entwurf der F 126 abgeleitet würden, was Synergieeffekte sowohl beim Bau als auch bei der späteren Nutzung durch die Marine nach sich ziehen würde. Schon in der aktuellen Konfiguration weist die F 126 eine Verdrängung von rund 10.000 Tonnen auf und liegt damit in einer ähnlichen Größenklasse wie die US-Lenkwaffenzerstörer der Arleigh-Burke-Klasse. Idealerweise sollte sich an einem solchen Programm auch die niederländische Marine beteiligen, um die eigenen Flugabwehrfregatten zu ersetzen. Damit würde die deutsch-niederländische Zusammenarbeit im Marineschiffbau fortgeführt und Kosten gespart.

Lars Hoffmann