Thyssen-Krupp denkt an Verkauf von Werften

Einem Bericht des Handelsblatts zufolge erwägt der Thyssen-Krupp-Konzern den Verkauf seiner Werftsparte oder gar die Schließung von Standorten, wenn sich kein Käufer findet. Begründet werde der Schritt mit dem Ausscheiden aus dem Beschaffungsprozess für das Mehrzweckkampfschiff MKS 180 der Marine, schreibt die Zeitung unter Berufung auf Konzernkreise von Thyssen-Krupp. Sollte es zu einem Verkauf kommen, stehen womöglich viele Arbeitsplätze auf der Kippe.

So hat der Presseartikel seine Wirkung auf die  Arbeitnehmervertreter nicht verfehlt. Deshalb erwarten die IG Metall Küste und der Gesamtbetriebsrat von thyssenkrupp Marine Systems (tkMS) ein klares Bekenntnis des Mutterkonzerns Thyssen-Krupp zum Marineschiffbau. „Der Konzern muss unmissverständlich erklären, dass er an der Sparte festhält und weder Arbeitsplätze noch Standorte im Überwasser- und Unterwasserschiffbau in Frage stehen.“ Nur so lasse sich verhindern, dass Spekulationen in den Medien zu Sorgen und Verunsicherung in der Belegschaft führen, wird Achim Hass, Vorsitzender des Gesamtbetriebsrates von tkMS, in einer Mitteilung der Gewerkschaft zitiert.

Positiv haben die Arbeitnehmervertreter nach eigenen Angaben die Erklärung der tkMS-Geschäftsführung zur Kenntnis genommen, dass der Überwasserschiffbau ein zentrales Standbein sei und kein Stellenabbau geplant sei. Demnach setze das Unternehmen weiter darauf, am Auftrag MKS 180 mitzuwirken. „An diesen Aussagen werden wir die Geschäftsführung messen und erwarten, dass sie entsprechend handelt“, so Hass weiter.

Die IG Metall bezieht sich dabei offenbar auf eine interne Mitarbeiterinformation von tkMS. Darin heißt es unter anderem, dass kein erfolgreicher Systemanbieter nur U-Boote baue. Erst im vergangenen Jahr habe tkMS sich mit der Übernahme von Atlas Elektronik zu einem ganzheitlichen Systemhaus im Marineschiffbau weiterentwickelt. Diesen Weg plane man konsequent fortzusetzen.

Die Geschäftsleitung verweist in der Mitteilung auf die aktuell gute Auftragslage, die insbesondere im Unterwasserbereich auch zu einer guten Auslastung führe. Gerade mit dem U-Boot der Klasse 212CD wolle das Unternehmen das europäische U-Boot der Zukunft bauen und damit den  NATO-Standard setzen. Bis zum Geschäftsjahr 2022/2023 soll demnach der jährliche Auftragseingang auf 250 Mio EUR gesteigert werden.

Wie es in der Mitteilung weiter heißt, stand der Verkauf der Marine Systems in der Vergangenheit zur Debatte. Es gehöre allerdings zur Tagesordnung jedes Konzerns, sein Portfolio an verschiedensten Geschäften zu überprüfen, räumt die Geschäftsleitung ein. Dass nach dem Verlust des MKS180-Auftrages „Glücksritter“ unterwegs seien, „die in Essen anklopfen“, sei natürlich. Die sich daraus ergebenden Spekulationen werde man jedoch nicht kommentieren.

Der Bezirksleiter der IG Metall Küste, Meinhard Geiken, nahm laut Meldung der Gewerkschaft auch die Politik in die Pflicht: „Die Unternehmen und die Bundesregierung tragen die Verantwortung für das drohende Desaster im Marineschiffbau.“ Statt sich gemeinsam mit der Gewerkschaft in Berlin für den Erhalt des wichtigen Know-hows einzusetzen, lieferten sich die Unternehmen einen dramatischen Verdrängungswettbewerb auf Kosten der Beschäftigten. „Ausgelöst wurde das Ganze durch das Bundesverteidigungsministerium, das mit der europaweiten Ausschreibung des Milliarden-Auftrags MKS 180 das Aus des Marineschiffbaus in Deutschland billigend in Kauf nimmt“, kritisiert Geiken. Von der Bundesregierung erwarten die Arbeitnehmervertreter, dass sie den Überwasserschiffbau – wie im Koalitionsvertrag angekündigt – als Schlüsseltechnologie über die gesamte Wertschöpfungskette eingestuft wird.

Das Handelsblatt spekuliert in seinem Artikel, dass Thyssen-Krupp durch den Rauswurf bei der MKS180 auch Auslandsprojekte verlieren könnte. In der Branche gilt es als erforderlich, dass eine Werft die nationale Marine als Referenzkunden aufweisen muss, um im Export erfolgreich zu sein. Dem Vernehmen nach hatte Ägypten geplant, neue Fregatten bei tkMS zu ordern. Laut Zeitungsbericht geht der Auftrag nach der MKS-180-Schlappe jetzt womöglich an die französische Konkurrenz.

Gut informierten Kreisen zufolge könnte allerdings auch noch ein anderer Punkt, die Ägypter beeinflusst haben: Die Koalitionsvereinbarung von Union und SPD, wonach keine deutschen Rüstungsexporte in Länder gehen sollen, die am Jemen-Krieg beteiligt sind. Dies hat womöglich einen wichtigen Finanzier des ägyptischen Militärs irritiert, dem selbst eine Schlüsselrolle in dem Konflikt zukommt. Sollte tkMS beim Ägypten-Auftrag leer ausgehen, so wäre dies sicher auch für die in den Auftrag eingebundene deutsche Bauwerft tragisch. tkMS muss beim Überwasserschiffbau immer auf einen Partner zurückgreifen, da keine eigenen Werfkapazitäten in dieser Sparte vorhanden sind. Beim MKS 180 musste Lürssen schon einmal diese Erfahrung machen.

Schon seit langem wird in der Branche hinter vorgehaltener Hand darüber geredet, dass die Thyssen-Krupp-Konzernmutter ihre Marinesparte über kurz oder lang loswerden will. Allerdings hat die Bundesregierung insbesondere im Fall des U-Boot-Geschäftes ein Wörtchen mitzureden, weil es sich um eine so genannte Schlüsseltechnologie handelt. Der Druck auf Konzernchef Heinrich Hiesinger, gute Zahlen für seine Investoren abzuliefern, dürfte aufgrund des Einstiegs des  Hedgefonds Elliott jedoch gestiegen sein.
lah/12/8.6.2018