Bundeswehr – Luftverteidigung hat wieder hohe Priorität

Lars Hoffmann

Die unablässigen russischen Luftangriffe auf die Ukraine haben in der NATO zu einem Umdenken geführt. Die in den vergangenen Jahren in vielen Ländern des westlichen Bündnisses eher nachrangig eingestufte Luftverteidigung hat wieder deutlich an Bedeutung gewonnen. Die unterschiedslose Bombardierung von zivilen Zielen, egal ob Kindergärten, Schulen, Einkaufszentren oder Wohnblocks, sei für ihn ein „Schockerlebnis“ gewesen, sagte der stellvertretende Inspekteur der Luftwaffe, Generalleutnant Lutz Kohlhaus, am vergangenen Mittwoch auf der DWT-Tagung „Perspektiven der Verteidigungswirtschaft“ in Bonn. Diese Erfahrungen aus dem Ukraine-Krieg haben seinen Worten zufolge die Luftverteidigung sowohl in Deutschland als auch in der NATO auf die „oberste Priorität“ gesetzt.

Der Luftwaffen-Offizier wies darauf hin, dass die deutsche Luftwaffe sechs Iris-T-SLM-Systeme erhalten wird, während der Ukraine zwölf zugesagt worden seien. Er geht davon aus, dass weitere NATO-Länder ihre Abwehrfähigkeiten mit diesen Systemen ausbauen werden. Die Bundeswehr sei nicht die einzige Streitkraft, die Iris-T und neue Patriot-Systeme beschaffe. Kohlhaus betonte, dass man das Zielbild der Luftwaffe im Rahmen einer integrierten Luftverteidigung in Europa sehe. Dabei gehe es unter anderem um die Planung, Führung und den Einsatz von national gemischten Fla-Rak-Verbänden.

Zudem wird die Luftwaffe nach den augenblicklichen Planungen bereits in Kürze mit der Beschaffung des israelischen Systems Arrow 3 die territoriale Flugkörperabwehr in die Tat umsetzen. Während das System die Bundeswehr in die Lage versetzen soll, auch ballistische Raketen im Mittelstreckenbereich abzufangen, wies Kohlhaus auf die besondere Bedeutung des Radars für die Souveränität der Bundesrepublik hin. Mit diesem leistungsfähigen Sensor erhalte Deutschland erstmals eigene Frühwarninformationen aus dem erdnahen Weltraum. Diese würden bislang in der Regel über US-Aufklärungssatelliten gewonnen und nach dem Durchlaufen von Filtern über die NATO bereitgestellt.

Da in einem potenziellen Krieg nicht davon ausgegangen werden kann, dass die NATO immer in der Lage sein wird, den eigenen Luftraum vollständig zu schützen, wird es nach Aussage des Luftwaffen-Generals in Zukunft erforderlich sein, das offensive Luftkriegspotenzial des Gegners bereits auf seinem eigenen Territorium zu zerstören. In diesem Zusammenhang werde in der NATO das Thema „Deep Precision Strike“ umfassend diskutiert.

Kohlhaus unterstrich die Bedeutung von Mobilität auf dem Gefechtsfeld. „Wer sich nicht bewegt, stirbt“, sei eine der Ableitungen aus dem Ukraine-Krieg. Deshalb werde Mobilität auch für die bodengebundene Verbände der Flugabwehrraketen und die mobilen Gefechtsstände sehr wichtig. Man rechne nicht damit, dass sich die Überlebensfähigkeit der ortsfesten und in der Regel oberirdischen Gefechtsstände in Europa bei einem Konflikt besonderes ausdehne.

Er verwies darauf, dass die NATO in Europa nur zwei große verlegefähige Gefechtsstände für die taktische Führung von Luftstreitkräften – sogenannte deployable CAC – unterhält: einen unter Führung der Luftwaffe nördlich der Alpen sowie einen weiteren südlich der Alpen unter NATO-Kommando.

Eine weitere Priorität für die Luftwaffe bei Rüstung und Weiterentwicklung sei die gesicherte Kommunikation zwischen den Flugzeugen der 4. und der 5. Generation, wobei zu letzterer die Kampfflugzeuge des Typs F-35 gehörten, während der Eurofighter der 4. Generation zugeordnet wird. Die Frage sei: „Wie unterhält sich der Eurofighter mit der F-35 im Fluge?“

Dabei gehe es nicht nur um die Kommunikation zwischen den 35 Maschinen des Typs F-35 der Luftwaffe – von denen ohnehin acht in den USA stationiert würden – und den deutschen Eurofightern. Kohlhaus betonte, dass ein wesentliches Merkmal der Luftwaffe die Multinationalität sei und damit die Kooperation mit Partner-Streitkräften. Innerhalb der laufenden Dekade werden seinen Worten zufolge in Europa rund 500 F-35 im Einsatz sein, wobei die Maschinen der US-Streitkräfte noch gar nicht mitgerechnet seien. Dem Vernehmen nach arbeiten bereits Unternehmen wie Lockheed Martin, Northrop Grumman und Rohde & Schwarz sowie ESG und IAI an entsprechenden Kommunikationslösungen.

Lars Hoffmann