Wenn über Künstliche Intelligenz (KI) im Zusammenhang mit der Gefechtsführung von Streitkräften gesprochen wird, dann fast immer im Kontext der schnellen Analyse massenhaft anfallender Daten, beispielsweise von Aufklärungsbildern, oder der Autonomie von Plattformen wie Drohnen, Kampfflugzeugen oder Bodenfahrzeugen. Dass durch das Potenzial der KI im Führungsprozess die Arbeit ganzer Bataillons-, Brigade- oder Divisionsstäbe revolutioniert werden könnte, wird hingegen öffentlich nur selten bis gar nicht thematisiert. Dabei wäre dies der nächste logische Schritt. Sowohl in der NATO (Project Maven) als auch in der Bundeswehr (Innovationsvorhaben SmartLead des Cyber Innovation Hubs) ist das Thema hingegen sehr präsent.
Eine solche Fähigkeit könnte die Operationsführung nämlich um den Faktor X beschleunigen und die Effektivität der kämpfenden Truppe so entscheidend verbessern. Das Interessante in diesem Zusammenhang ist, dass die dafür notwendigen Technologien bereits heute vorhanden sind. Sie müssten nur für diesen spezifischen Einsatzzweck kombiniert, die notwendige „IT-Infrastruktur“ aufgebaut und die KI-Agenten – das sind Softwareprogramme, die mit der entsprechenden Umgebung interagieren, Daten sammeln und diese verwenden können, um selbstbestimmte Aufgaben auszuführen und damit vorgegebene Ziele zu erreichen – trainiert werden.
Um dieses Potenzial zu verstehen, muss man erst begreifen, wie Streitkräfte im Gefecht funktionieren. Die Hauptlast des Gefechtes wird durch Soldatinnen und Soldaten auf Bataillonsebene und darunter getragen. Der tatsächliche „Waffeneinsatz“ erfolgt zumeist auf dieser bzw. den darunter liegenden taktischen Ebenen. Die Ebenen oberhalb des Bataillons – Brigade, Division, Korps, Armee – setzen keine Waffen oder Waffensysteme ein, sondern sind vielmehr mit Führungsaufgaben betraut. Für diesen Zweck verfügen diese Ebenen über mit zahlreichen Unteroffizieren und Offizieren besetzte Stäbe, die den Kommandeuren im Rahmen der Operationsplanung sowie dem anschließenden Gefecht Entscheidungen für die Entschlussfassung vorbereiten.
Bessere Führung führt zu besseren Ergebnissen
„Vier gut geführte Soldaten, schlagen vierzig ohne Führung“, steht auf einer Plakette geschrieben, die ein ehemaliger Angehöriger als Abschiedsgeschenk seiner Kompanie überlassen hat und die seitdem auf einem Kompanieflur eines in Norddeutschland stationierten Verbandes hängt. Ob das Zitat dem ehemaligen Angehörigen der Kompanie oder jemand anderem zuzuschreiben ist, ist nicht überliefert, es ist im Grunde aber auch nicht entscheidend, wichtig ist die Aussage, die sich in dem Zitat versteckt.
Was sich nach militärischer Folklore anhören mag, trifft den Nagel sprichwörtlich auf den Kopf. Denn eine Armee kann ihr volles Potenzial nur dann entfalten, wenn alle am selben Strang und in dieselbe Richtung ziehen. Kombiniert mit dem Umstand, dass dies zu einem Zeitpunkt und an einem Ort geschehen muss, an dem man dem Gegner überlegen ist. Genau das ist Hauptaugenmerk von Führung im Gefecht. Vergleichbar mit einem Dirigenten in einem Symphonieorchester, sorgen Kommandeure und ihre Stäbe dafür, dass alle Teile des „Orchesters“ zu jedem Zeitpunkt genau das tun, was sie tun müssen, damit am Ende ein „Konzert auf Weltklasseniveau“ veranstaltet werden kann.
Damit ein Orchester Spitzenleistungen erbringen kann, müssen nicht nur alle einzelnen Musiker Spitzenleistungen erbringen, sondern auch die Gesamtkomposition der einzelnen Musiker muss passgenau sein in Bezug auf Raumklang, das Zusammenspiel und die gewählten Musikstücke. Die Musiker müssen Meister ihres Fachs sein und über Spitzeninstrumente verfügen. Schlussendlich muss auch das gespielte Musikstück exzellent sein und den Geschmack des Publikums treffen.
In der Orchesteranalogie sind die Streitkräfte die Orchester, die Kommandeure die Dirigenten, die kämpfende Truppe die Musikanten, der Saal entspricht dem Gefechtsfeld und die Waffensysteme sind mit den Instrumenten zu vergleichen. Wenn alles aufeinander abgestimmt ist und das richtige Musikstück – die richtige Taktik – gewählt wurde, wird das Publikum – der Feind – sprichwörtlich „umgehauen“. Was den Konzertsaal und das Gefecht jedoch grundlegend unterscheidet, ist die Dynamik. Während sich Publikum und Orchester im Konzertsaal im Rahmen des Konzertes nicht verändern, ist die Lage im Gefecht stets dynamisch. Eigene Truppen fallen aus, neuer, bisher nicht bekannter Feind tritt in das Gefecht ein, kurzum, die militärische Lage ändert sich stetig, so dass auch die eigene Gefechtsführung stetig überprüft und angepasst werden muss.
Dieser Prozess wird im militärischen Sprachgebrauch der Bundeswehr als Beurteilung der Lage (BdL) bezeichnet und wird durch jeden militärischen Führer vor dem und im Gefecht – beginnend ab der untersten taktischen Ebene – praktiziert. Je nach Führungsebene dauert eine solche Beurteilung der Lage mit anschließender Entschlussfindung und Befehlsausgabe an den unterstellten Bereich nur wenige Augenblicke bis hin zu mehreren Stunden oder Tagen. Je höher die Führungsebene, desto höher die Komplexität sowie Quantität der zu berücksichtigenden Faktoren und somit auch der Zeitbedarf. Genau hier könnte eine Kombination entsprechend „ausgebildeter“ KI-Agenten „Tempo“ in die Stabsarbeit bringen und die Operationsplanung und -führung erheblich beschleunigen, wie man am folgenden Beispiel erahnen kann.
Im Zuge der BdL würde ein Stab alle verfügbaren Aufklärungsdaten zu feindlichen Kräften und Aktivitäten im eigenen Verantwortungs- und Interessenbereich sammeln und auswerten (Beurteilung der Feindlage). Eine ähnliche Analyse wird bezüglich der eigenen Kräfte (Beurteilung der eigenen Lage) angestellt. Zudem wird eine Beurteilung der Umweltbedingungen durchgeführt, bei unter anderem Wetter, Gelände, Bevölkerung und Medien betrachtet werden und Folgerungen für das eigene Handeln abgeleitet werden. In einem nächsten Schritt erfolgen ein sogenannter Kräftevergleich und die Ausarbeitung von meist zwei bis drei Möglichkeiten des eigenen Handelns, die zum Erfolg führen könnten. Schlussendlich werden diese Möglichkeiten auf Vor- und Nachteile analysiert und gegeneinander abgewogen. Die „beste“ Möglichkeit, also die, welche die höchste Aussicht auf einen Erfolg hat, wird zum „Entschluss“, der im Anschluss in Form eines Befehls an die unterstellte Truppe kommuniziert wird. Dieser Befehl wird durch die Truppe ausgewertet und gegebenenfalls weiter auf die jeweils tiefere taktische Ebene runtergebrochen, bevor der Befehl schlussendlich hoffentlich zum befohlenen Zeitpunkt auf die hoffentlich befohlene Art und Weise in die Tat umgesetzt wird.
Der Einwurf „hoffentlich“ ist der Tatsache geschuldet, dass auch Auswertung und Weitergabe des Befehls Zeit erfordern, so dass ein Korps-Befehl mehrere Stationen durchlaufen muss, bevor dieser bei der untersten Ebene ankommt. In diesem Zeitraum, der mehrere Tage dauern kann, können sich die für die Entschlussfindung entscheidenden Faktoren grundlegend ändern. Es könnte sich beispielsweise das Wetter ändern und so den Einsatz spezifischer Fähigkeiten verhindern, oder der Eintritt neuer Feindgruppierungen erfolgt sein, der die eigentliche „Idee des Gefechts“ zunichtemachen könnte, so dass der Befehl unter Umständen zurückgenommen oder angepasst werden müsste. Kurz zusammengefasst: Je länger es dauert, bis der Befehl umgesetzt werden kann, desto größer das Risiko, dass der Plan nicht aufgeht und angepasst werden muss.
Wie kann KI nun dabei helfen diesen Führungsprozess im Gefecht „besser“ zu machen? Wobei sich das besser weniger auf die qualitative Arbeit im Rahmen der Beurteilung der Lage bezieht, sondern eher auf das Tempo der Arbeit auf allen Führungsebenen.
KI im Führungsprozess
Mit zunehmender Sensordichte steigt auch der Umfang an gewonnen Daten, die zusammengefasst und ausgewertet werden müssen. Wo vor fünfzig Jahren Aufklärungsergebnisse fast nur durch einige wenige Spähtrupps gewonnen werden konnten, steht dem heutigen militärischen Führer auf einer höheren taktischen Ebene ein deutlich größeres Sensor-Netzwerk zur Verfügung, mit dem er Lageaufklärung betreiben kann. Neben Aufklärungsdaten von Radar- und klassischen Aufklärungssatelliten gehören dazu Daten aus dem elektromagnetischen Spektrum, dem Cyberraum sowie der immer weiter zunehmenden Zahl an Drohnen, welche heute zusätzlich zu den klassischen Aufklärungsergebnissen verarbeitet werden müssen. Fachkreise sind sich einig, dass dieser Trend zukünftig noch weiter zunehmen wird.
Die zeitgerechte Auswertung dieses unvorstellbar großen Datenkonvoluts ist mit rein menschlicher Kraft nicht praktikabel, so dass Künstliche Intelligenz vermehrt zum Einsatz kommen muss, um den größten Teil der Arbeit zu übernehmen. Menschliche Aufklärungsspezialisten und Bildauswerter würden sich so auf die Kontrolle der KI-Ergebnisse sowie die Auswertung von Grenzfällen konzentrieren können, die die Fähigkeiten der KI überschreiten. Dieser Teil der KI-Nutzung ist keine Zukunftsmusik, sondern bereits heute marktverfügbar, wobei die Güte von Anbieter zu Anbieter unterschiedlich ist.
Dies ist jedoch nur der erste Schritt der KI-Nutzung im Führungsprozess von Streitkräften im Gefecht. Denn selbst wenn die Auswertung der gewonnen Aufklärungsergebnisse in Echtzeit erfolgen würde – was sie nicht tut und wohl auch noch lange nicht tun wird –, würde die anschließende durch Menschen stattfindende Nutzung der Aufklärungsergebnisse im Rahmen der Beurteilung der Lage immer noch sehr viel Zeit in Anspruch nehmen. Genau diese Zeit kann mittels Nutzung weiterer KI-Agenten signifikant verkürzt werden.
Im Gegensatz zur landläufigen Meinung ist der Großteil der Taktik keine Kunst, sondern Handwerk. Es gibt zwar Elemente die Kreativität erfordern, um dadurch beispielsweise durch unkonventionelle Handlungen Überraschungsmomente kreieren zu können, der absolut größte und zeitintensivste Teil des BdL-Prozesses ist jedoch reinste Fleißarbeit. Dabei wird dann im Grunde immer wieder das gleiche Schema-F abgearbeitet. Im Zuge dieses Prozesses sammeln die für das jeweilige militärische Fachgebiet zuständigen Unteroffiziere und Offiziere eines Stabes alle für die Schritte der BdL verfügbaren relevanten Informationen zusammen und arbeiten diese entsprechend auf, so dass sie für die nächsten Schritte genutzt werden können. Diese Fleißarbeit können entsprechend trainierte KI-Agenten sicherlich schneller durchführen und dabei auch signifikant mehr und aktuellere Daten verarbeiten. In Kombination mit KI-Sprachmodellen können die Ergebnisse zudem in gleicher Form präsentiert werden, wie dies bereits heute durch Soldaten erfolgt. Der Mensch würde in dieser Form dann nur noch eine begleitende und kontrollierende Rolle zukommen. Was den Ablauf angeht, könnte man sich eine Analogie zu einem Studenten vorstellen, der seine Seminararbeit durch ChatGPT oder ähnliche KI schreiben lässt.
Der Vorteil einer solchen Technologie wäre militärisch gesehen phänomenal. Nicht nur könnten solche KI-Agenten die Beurteilung der Lage schneller durchführen, sie könnten sich dabei auch auf eine Datenbasis abstützen, die durch klassische Stäbe aufgrund der Menge schlichtweg nicht verarbeitet werden kann. Zudem würde eine solche BdL-KI konstante Arbeitsergebnisse abliefern, frei von negativen Auswirkungen wie Müdigkeit, Gefechtsstress und ähnlichen Faktoren. Gleichwohl muss die KI entsprechend trainiert werden, damit sie verlässliche Ergebnisse liefern kann. Dies ist ohne Zutun der Streitkräfte nicht leistbar, da nur diese über entsprechende Expertise verfügen und ein geeignete Trainings- und Kontrollumgebung für eine solche KI bieten können.
Genau in der Bereitstellung valider Trainingsdaten liegt das größte Risiko. Selbst erfahrene Offiziere und Unteroffiziere sind nicht vor Fehlern gefeit. Der Grund dafür liegt weniger in dem Unvermögen der Soldaten, sondern in der Natur der Sache, dass die Masse der BdL auf Basis von nicht eindeutigen Lagebildern erstellt wird. So können beispielsweise Falschmeldungen oder nicht aufgeklärter Feind dazu führen, dass eine vorbildlich durchgeführte BdL schlussendlich zu einer falschen Entscheidung führt. Genau solche und noch viele andere Fälle müssen beim Training der KI-Agenten berücksichtigt werden, damit am Ende ein funktionsfähiges Instrument entstehen kann.
Fazit
Gute Führung im Gefecht erfordert nicht nur richtige Entschlüsse, sie erfordert die richtigen Entschlüsse auch zum richtigen Zeitpunkt. Genau hier kommen selbst die besten Kommandeure in der modernen Kriegsführung zunehmend an die Grenzen der Machbarkeit. Die „Formulierung“ des Entschlusses beansprucht mit zunehmender Komplexität des Gefechtsfeldes immer mehr Zeit, so dass der Truppe immer weniger dieser Zeit zur Umsetzung des Entschlusses bleibt. KI-befähigte sowie geschulte Kommandeure und Stäbe wären zukünftig in der Lage, die Beurteilung der Lage schneller durchzuführen und der Truppe dadurch Zeitvorteile in der Umsetzung der Gefechtsidee gegenüber dem Feind zu verschaffen.
Die technologischen Bausteine für eine solche KI sind heute bereits vorhanden, gleichwohl wird es sicherlich einige Zeit bedürfen, diese entsprechend den notwendigen Vorgaben zu kombinieren und zu schulen. Zudem bedarf es eines Entschlusses seitens der Streitkräfte, sich eine solche Fähigkeit aneignen zu wollen und diese auch mit entsprechend notwendigen Trainingsdaten versorgen zu können. Die Industrie könnte eine solche KI „bauen“, die Streitkräfte müsste dann im Anschluss die „Ausbildung“ übernehmen.
Waldemar Geiger

















