Arianespace-CEO: „Wir haben einige Startfenster im Jahr 2028 frei und viele im Jahr 2029.“

Interview mit David Cavaillolès, Vorstandsvorsitzender der Arianespace

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Europa steht vor großen Herausforderungen hinsichtlich des Zugangs zum Weltraum. Während die Nachfrage nach militärischen Satelliten infolge der veränderten sicherheitspolitischen Lage in Zukunft deutlich steigen wird, bringt der Kontinent zwar die Voraussetzungen mit, um diese im großen Maßstab zu bauen. Was aber fehlt, sind Startkapazitäten, um sie auch ins All zu transportieren. Hier haben die USA, China und Russland in den vergangenen Jahren deutlich besser abgeschnitten als die EU.

Für David Cavaillolès, seit Anfang 2025 Vorstandsvorsitzender von Arianespace, ist dabei allerdings nicht die Trägerrakete selbst das eigentliche Problem. Vielmehr müsse Europa zunächst die Nachfrage nach Raumfahrtmissionen erhöhen, sagt er im Interview mit hartpunkt. „Eine Schwäche Europas ist, dass wir viel weniger Missionen haben als in den USA, in China oder in gewisser Weise sogar in Russland.“ Deshalb müsse sich die Diskussion zunächst um den Bedarf drehen und nicht um einzelne Trägersysteme, ist er überzeugt.

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Im Luftfahrtsektor gebe es das Unternehmen Airbus, das Flugzeuge baue, die anschließend von Fluggesellschaften wie Lufthansa betrieben würden, erläutert Cavaillolès anhand dieser Analogie das Tätigkeitsfeld seines Unternehmens: „Wir sind die Lufthansa der Raketen, was bedeutet, dass wir zwei Hauptaufgaben haben: Zum einen verkaufen wir Startplätze an private oder öffentliche Kunden. Zum anderen führen wir die Starts durch. Das heißt, wir bereiten die Mission gemeinsam mit dem Kunden vor. Wir kümmern uns um den Satelliten, wir stellen sicher, dass dieser mit der Rakete kompatibel ist.“

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Während Arianespace für den Transport ins All zuständig ist, produziert die ArianeGroup das europäische Arbeitspferd für die Weltraum-Missionen, die Trägerrakete Ariane 6. Allerdings sind beide Unternehmen eng miteinander verbunden, da die ArianeGroup 100 Prozent der Anteile am Startdienstleister hält.

Als einen entscheidenden Impuls bezeichnet Cavaillolès die jüngsten sicherheitspolitischen Entwicklungen in Europa. Insbesondere die von Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius in Aussicht gestellten Investitionen könnten nach seiner Einschätzung die Nachfrage grundlegend verändern.

Pistorius hatte im vergangenen Jahr angekündigt, binnen fünf Jahren etwa 35 Milliarden Euro in die Weltraumsicherheit zu investieren. Beobachter gehen davon aus, dass im Rahmen allein dieser Planungen weit über 500 deutsche Satelliten in den Orbit gebracht werden müssen.  Zuletzt wurde in einigen Medien sogar von mehr als 1.000 Satelliten berichtet.

„Die Rede von Herrn Pistorius ist ein Wendepunkt. Wir sehen, dass die Nachfrage in Deutschland und auch anderswo dramatisch steigen könnte – bis zum Ende dieses und des nächsten Jahrzehnts.“ Für Arianespace sei die Botschaft daher einfach: „Wir werden da sein, um dieser Nachfrage gerecht zu werden“, sagt Cavaillolès.

Mit Deutschland gibt es seinen Worten zufolge eine jahrzehntelange Zusammenarbeit innerhalb des Ariane-Programms. „Wir haben bereits mehrere Satelliten für die Bundeswehr gestartet. Diese Beziehung ist also nicht neu. Es handelt sich um eine langjährige und starke Partnerschaft.“ Vor diesem Hintergrund laufen nach seinen Angaben bereits intensive Gespräche mit der Bundeswehr, aber auch mit dem DLR und mit Politikern.

Arianespace sieht sich dabei nicht nur als Startdienstleister, sondern als erfahrener Partner beim Aufbau neuer Konstellationen. „Wir haben Beobachtungssatelliten, Telekommunikationskonstellationen und viele ähnliche Missionen bereits mehrfach durchgeführt. Deutschland muss deshalb nicht bei null anfangen, sondern kann auf dem aufbauen, was wir gelernt haben.“ Es seien auch bereits Aberdutzende von Militärsatelliten ins All gebracht worden.

Die diskutierten deutschen Satellitenprogramme könnten nach Einschätzung von Arianespace mit einer überschaubaren Zahl von Raketenstarts umgesetzt werden. Cavaillolès verweist dabei auf die Startdienstleistungen für Amazon mit der Ariane 6, bei denen mit einem Flug 36 Satelliten ins Weltall verbracht werden. Denn in ihrer jüngsten Ausbaustufe könne die Rakete mehr als 22 Tonnen Nutzlast transportieren.

Die Ariane 6 ist damit deutlich leistungsfähiger als die noch in der Entwicklung befindlichen deutschen Micro-Launcher, mit denen aufgrund der geringeren Nutzlast nur wenige Satelliten auf einmal gestartet werden können. So soll die Trägerrakete Spectrum von Isar Aerospace dem Vernehmen nach Nutzlastkapazitäten von bis zu 1,5 Tonnen tragen. Allerdings steht ein erfolgreicher Test der Rakete noch aus.

„Mit zehn oder zwanzig Starts der Ariane 6 könnten wir eine riesige Anzahl von Satelliten für Deutschland ins All bringen“, betont Cavaillolès. Zehn Starts würden somit rund 360 bis 400 Satelliten der von Amazon verwendeten Kategorie entsprechen. „Die Ariane 6 ist perfekt dafür ausgelegt, Satellitenkonstellationen in die Umlaufbahn zu bringen“, so der Arianespace-Manager.

Häufig werde unterschätzt, wie schnell sich das Ariane-6-Programm derzeit entwickle, betont Cavaillolès. Nach vier Starts im vergangenen Jahr seien für dieses Jahr bereits sieben bis acht Missionen vorgesehen. „Für nächstes Jahr streben wir neun bis zehn Starts an.“ Damit werde der Hochlauf im Wesentlichen abgeschlossen sein. Langfristig schließt Arianespace sogar eine weitere Erhöhung der Startkadenz nicht aus. „Wir prüfen derzeit, ob es sinnvoll wäre, über zehn Starts hinauszugehen, da die Nachfrage eindeutig steigt.“

Trotz der steigenden Nachfrage sieht der Arianespace-Chef kurzfristig keine Kapazitätsprobleme. „Wir haben einige Startfenster im Jahr 2028 frei und viele im Jahr 2029.“ Für ihn sei die Hauptfrage, wann die Raumfahrzeuge verfügbar sein werden, da die Entwicklung der Satelliten und deren Produktion noch nicht begonnen wurde. Das könne mehrere Jahre dauern. „Der limitierende Faktor ist also, um es ganz klar zu sagen, heute der Satellit, nicht die Rakete. Wenn der Satellit da ist, wird auch die Rakete da sein.“

Um die Startkapazitäten für die Jahre 2028 und 2029 nutzen zu können, sei die Voraussetzung allerdings, dass politische Entscheidungen zeitnah getroffen würden. „Wir müssen schnell handeln. Wenn wir auf 2027 oder 2028 warten, wird es natürlich zu spät sein“, warnt Cavaillolès. Arianespace wolle Deutschland beim Aufbau seiner geplanten Satellitenkonstellationen unterstützen, benötige dafür jedoch frühzeitig Planungssicherheit.

Technisch sieht Cavaillolès kaum Einschränkungen für die Ariane 6. Lediglich ein Einsatz für die bemannte Raumfahrt würde zusätzliche Entwicklungsarbeiten erfordern. „Abgesehen davon können wir jeden beliebigen Satelliten starten.“ Dabei verweist er auf die breite Erfahrung des Unternehmens. Man arbeite beispielsweise mit OHB, Airbus, Thales, Maxar und Lockheed Martin zusammen. Ebenso seien bereits Gespräche mit deutschen Behörden und Industriepartnern angelaufen. „Wir haben begonnen, mit OHB, Airbus, dem BAAINBw und der Bundeswehr zusammenzuarbeiten, um sicherzustellen, dass wir die Mission nahtlos vorbereiten.“ Transparenz sei dabei ein wesentlicher Bestandteil der Unternehmenskultur.

Während Arianespace die Ariane 6 technisch inzwischen auf Kurs sieht, bleibt die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit europäischer Trägerraketen eines der viel diskutierten Themen, insbesondere im Vergleich mit SpaceX von Elon Musk. Mit seinen teilweise wiederverwendbaren Trägerraketen dominiert das US-Unternehmen den internationalen Markt für Startdienstleistungen.

Arianespace-Chef Cavaillolès hält jedoch wenig von einfachen Preisvergleichen. Wer lediglich die Kosten eines Raketenstarts gegenüberstelle, blende wesentliche Faktoren aus, sagt er. Denn die vielfach zitierte Preisführerschaft des US-Unternehmens gelte vor allem für den kommerziellen Markt. „Wenn SpaceX eine Rakete an institutionelle Kunden verkauft – also an die NASA oder die US-Luftwaffe –, kann der Preis drei- bis viermal höher sein als auf dem kommerziellen Markt.“ Außerhalb der Vereinigten Staaten entstehe deshalb ein verzerrtes Bild.

Für Cavaillolès verschaffen lukrative institutionelle Aufträge den US-Unternehmen Planungssicherheit und ermöglichten Investitionen, die anschließend auch den kommerziellen Markt günstiger machten. „Das ist eine der Stärken des amerikanischen Modells: Öffentliche Missionen werden zu einem extrem hohen Preis bezahlt. Das bringt SpaceX viel Geld. So können sie investieren und die Preise außerhalb der USA senken.“

Auch beim direkten Vergleich zwischen Ariane 6 und Falcon 9 von SpaceX warnt der Manager vor zu einfachen Schlussfolgerungen. Entscheidend sei nicht der Preis einer Rakete, sondern der Preis pro transportierter Nutzlasteinheit. Als Beispiel nennt er die Starts für Amazons Kuiper-Konstellation. SpaceX startet nach Einschätzung von Cavaillolès vielleicht 25 oder 27 Satelliten pro Mission für Amazon. „Mit der Ariane 6 starten wir 36. Letztendlich kommt es also auf den Preis pro Satelliten an, nicht auf den Preis pro Rakete.“

Gleichzeitig räumt er ein, dass der Kostendruck existiert. Deshalb arbeite ArianeGroup entlang der gesamten Lieferkette daran, die Kosten zu senken und die Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern. „Heute stammen zwei Drittel unseres Auftragsbestands von kommerziellen Kunden. Diese Aufträge haben wir im Wettbewerb auf dem freien Markt gewonnen.“

Auch wenn gegenwärtig diskutiert wird, ob Europa künftig zusätzliche Startplätze auf dem europäischen Festland benötigen könnte, sieht Cavaillolès Kourou in Südamerika als bewährten Standort. „Unsere Strategie ist ganz klar: Wir wollen das Beste aus Kourou herausholen.“ Der europäische Weltraumbahnhof in Französisch-Guayana verfüge über eine Infrastruktur, die weltweit nahezu einzigartig sei.

„Manche denken, eine Startrampe sei nur eine leere Fläche mit etwas Beton. Nein – es ist eine ganze Fabrik. Tatsächlich haben wir Dutzende Fabriken, in denen Teile der Rakete hergestellt werden.“ Ein Neubau anderswo würde enorme Investitionen erfordern. „Wir investieren lieber in etwas, das bereits ausgereift ist, als etwas von Grund auf neu aufzubauen.“

Hinzu komme der geographische Vorteil. „In Kourou haben wir das Meer im Norden und Osten. In Europa würde ein Start nach Osten bedeuten, dass die Rakete möglicherweise über Paris oder Berlin fliegt. Das bringt ganz andere Schwierigkeiten mit sich.“

Für militärische Satelliten sieht Cavaillolès einen weiteren Vorteil des Standorts. „Eine Rakete ist eine sehr ernste Angelegenheit. Besonders wenn sich eine militärische Nutzlast an Bord befindet, kann sie zum Ziel werden.“ Deshalb werde der Weltraumbahnhof durch französische Streitkräfte umfassend geschützt.

Als Beispiel nennt er den Ariane-6-Start, bei dem ein französischer Aufklärungssatellit transportiert wurde. „Die französische Armee setzte Rafale-Kampfflugzeuge und viele weitere Maßnahmen ein, um Rakete und Satellit zu schützen.“ Diese Sicherheitsarchitektur lasse sich an anderen europäischen Standorten kaum kurzfristig aufbauen.

„Wir sehen natürlich ein wachsendes Interesse und einen wachsenden Bedarf an Militärsatelliten oder Dual-Use-Satelliten.“ Arianespace führe daher Gespräche mit zahlreichen Regierungen in vielen Ländern Europas.

Ein weiterer Punkt, den Cavaillolès ausdrücklich hervorhebt, betrifft den Umgang mit sensiblen Satelliten. Aus seiner Sicht bietet der europäische Weltraumbahnhof hier einen entscheidenden Vorteil gegenüber militärischen Startbasen anderer Staaten. „Kourou ist eine zivile Basis. Es ist kein Militärstützpunkt.“ Für die Missionsvorbereitung werden seiner Aussage zufolge lediglich technische Informationen benötigt. „Wir stellen grundlegende Fragen zur Masse und Größe des Satelliten. Aber wir stellen niemals Fragen zum Zweck des Satelliten oder zu seinem Inhalt“, betont der Arianespace-Chef.

Die Kunden könnten ihre Raumfahrzeuge sogar durch eigenes Militärpersonal schützen. „Man hat die Möglichkeit, den Satelliten beispielsweise von deutschen Soldaten bewachen zu lassen.“ Fachkreisen zufolge haben die USA das Recht, einen tieferen Einblick in die von US-Territorium gestarteten Satelliten zu verlangen. Ob sie dies auch tun, steht allerdings auf einem anderen Blatt.

„Für Kunden ist es entscheidend zu wissen, dass ihr Satellit absolut sicher ist und niemand versuchen wird herauszufinden, was sich darin befindet. Das ist ein entscheidender Vorteil“, sagt Cavaillolès.

Neben den sicherheitspolitischen Argumenten verweist er auf die industrielle Dimension. Ein erheblicher Teil der Ariane 6 entsteht in Deutschland. „Jedes Mal, wenn Deutschland einen Start mit der Ariane 6 kauft, fließen Millionen Euro zurück nach Deutschland, um Arbeitsplätze zu schaffen und die Industrie zu fördern.“

Nach seinen Angaben entfällt ein großer Teil der industriellen Wertschöpfung auf deutsche Standorte. „Es sind etwas mehr als 21 Prozent – und zwar bei sehr anspruchsvollen Technologien.“

Besonders hebt er die Arbeiten in Bremen hervor. „Die zweite Stufe wird in Deutschland gebaut und in Bremen montiert.“ Gerade diese Oberstufe bezeichnet er als einen der technologisch anspruchsvollsten Teile der Rakete. „Sie ist sehr innovativ, kann mehrfach gezündet werden und bringt den Satelliten präzise an seinen Zielort im Orbit.“

Arianespace bezeichnet die zweite Stufe auch als „Gehirn und Herzstück“ der Rakete, da sie die Steuerung des finalen Flugabschnitts im Weltraum übernimmt. Bei dem in Bremen entwickelten neuen Fertigungsprozess können jährlich bis zu 10 Oberstufen produziert werden.

Im baden-württembergischen Lampoldshausen befindet sich das europäische Kompetenzzentrum von ArianeGroup im Bereich der Entwicklung und Produktion von orbitalen Antriebssystemen. Hier werden chemische und elektrische Antriebssysteme für Satelliten, Raumfahrzeuge und orbitale Plattformen entwickelt und hergestellt. Demnächst soll auch die Endmontage des mehrfach zündbaren Vinci-Oberstufentriebwerks von Frankreich nach Lampoldshausen verlegt werden.

Am bayerischen Standort Ottobrunn befindet sich das Kompetenzzentrum von ArianeGroup für die Entwicklung und Produktion von Schubkammern für Raketentriebwerke.

Für Cavaillolès steht außer Frage, dass die Ariane 6 zunächst über viele Jahre das Rückgrat des europäischen Zugangs zum Weltraum bilden wird. Zwar werde bereits über Technologien für die nächste Generation von Trägerraketen nachgedacht, doch kurzfristig gehe es vor allem darum, den Betrieb zu stabilisieren, die Startfrequenz zu erhöhen und die Produktionskosten zu senken.

„Zu Beginn des Einsatzes der Ariane 6 sehen wir eine sehr starke Nachfrage. Die Starts verlaufen sehr, sehr gut. Bislang gab es nur Erfolge“, sagt der Vorstandsvorsitzende von Arianespace. Deshalb liege der Fokus zunächst klar auf dem bestehenden System.

Erst danach werde die nächste Generation von Trägerraketen zum Thema. Dabei warnt der Arianespace-Chef davor, vorschnell eine neue Schwerlastrakete anzukündigen. Angesichts immer kürzerer Innovationszyklen müsse Europa zunächst technologische Grundlagen schaffen. „Wir sollten uns heute auf bestimmte Bausteine konzentrieren – fortschrittliche Werkstoffe, Wiederverwendbarkeit und so weiter. Das beherrschen wir in Europa derzeit noch nicht“, erklärt er. Seine Schlussfolgerung lautet: „Bevor wir eine neue Trägerrakete – insbesondere eine neue Schwerlast-Trägerrakete – ankündigen, sollten wir die Risiken minimieren und diese Technologien beherrschen.“

Parallel arbeitet Arianespace daran, die Kosten der Ariane 6 zu reduzieren. Über sinkende Startpreise wolle er jedoch erst sprechen, wenn die Kosten tatsächlich gesunken seien. „Zunächst müssen wir an den Kosten arbeiten, und dann werden wir sehen, wie es mit dem Preis aussieht“, betont Cavaillolès.

Als Vorbild nennt er erneut das amerikanische Beschaffungsmodell. Aus seiner Sicht profitieren US-Unternehmen nicht nur von hoch vergüteten institutionellen Missionen, sondern auch von langfristigen Großaufträgen. „Die USA beschaffen Starts nicht einzeln, wie es in Europa der Fall ist. Sie kaufen zehn, 20 oder 30 Raketen am Stück und bieten Planbarkeit über mehrere Jahre hinweg“, erläutert er. Dadurch verfügten amerikanische Unternehmen frühzeitig über einen belastbaren Auftragsbestand und könnten wesentlich effizienter mit ihrer Lieferkette planen.

Europa hat dagegen ein anderes Modell. „Kunden kaufen Raketen jedes Mal einzeln; das führt zu sehr langwierigen Diskussionen über vertragliche Aspekte“, kritisiert Cavaillolès. Gleichzeitig fehle den Zulieferern die notwendige Planungssicherheit, um Investitionen vorzunehmen.

Aus seiner Sicht könnten größere Sammelbestellungen einen deutlichen Unterschied machen. „Wenn Deutschland oder die Europäische Kommission morgen 10 oder 20 Raketen am Stück kaufen würden, würde das die Art und Weise, wie unsere Lieferkette plant, investiert und an den Kosten arbeitet, völlig verändern. Das ist ein positiver Kreislauf, den wir in Gang setzen müssen.“

Auf die Frage, ob ein deutsches Paket über zehn Starts automatisch zu niedrigeren Preisen führen würde, antwortet Cavaillolès vorsichtig. „Zumindest versetzt das die gesamte Lieferkette in eine bessere Lage, ihre Zukunft zu planen und zu erkennen, welche Maßnahmen sie ergreifen kann.“ Gleichzeitig mahnt er zu realistischen Erwartungen. „Die Entwicklung einer Trägerrakete ist sehr kostspielig und sehr komplex. Weltweit beherrschen das nur sehr wenige Akteure.“ Zu glauben, dass Arianespace mit sehr begrenzten Mitteln schnell die Preise senken könne, entspreche einfach nicht der Realität.

„Souveränität hat ihren Preis“, sagt Cavaillolès. Wer Raketenstarts lediglich als handelsübliche Dienstleistung betrachte, verkenne die strategische Dimension. „Zu glauben, man könne eine Rakete einfach von der Stange kaufen, als wäre sie eine Ware, halte ich für einen Fehler. Heute ist man von einem Anbieter abhängig, der nicht aus Europa stammt. Dieser Anbieter kann jederzeit die Preise ändern oder seine Prioritäten verändern – und dann steckt man in sehr großen Schwierigkeiten.“

Lars Hoffmann