Verwundetenabzeichen: Warum die Bundeswehr jetzt diskutiert

Marcel Bohnert

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Der 28. Mai erinnert viele Afghanistan-Veteranen an einen Krieg, der die Bundeswehr verändert hat. Am 28. Mai 2011 fielen Major Thomas Tholi und Hauptfeldwebel Tobias Lagenstein bei einem Anschlag im nordafghanischen Taloqan. Verwundung, Tod und Einsatzfolgen rückten damals für viele Soldaten endgültig sichtbar in die Mitte der Bundeswehrrealität. Fünfzehn Jahre später wird erneut über eine Frage diskutiert, die lange als schwierig galt: Braucht die Bundeswehr ein Verwundetenabzeichen?

Die Debatte darüber ist keineswegs neu. Sie wird seit Jahren in wechselnden Intensitäten geführt – mal öffentlich sichtbar, mal im kleineren Kreis. Spätestens mit den intensiven Auslandseinsätzen der Bundeswehr wurde klar, dass Verwundung – physisch wie psychisch – auch hierzulande wieder zu einem Teil militärischer Realität geworden ist. Dennoch existiert keine eigenständige Auszeichnung für Verwundete der Bundeswehr.

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Zwischen Dezember 2025 und April 2026 beteiligten sich 1.715 Menschen innerhalb und außerhalb der Bundeswehr an einer Untersuchung zum Verwundetenabzeichen. Die bisherigen Untersuchungsergebnisse zeigen, dass die Debatte längst angekommen ist. Die Auswertung einer Pilotstichprobe (n=98) hat ergeben, dass sich mehr als zwei Drittel der Befragten grundsätzlich für die Einführung aussprechen. Etwa 20 Prozent lehnen sie ab; knapp 10 Prozent sind unsicher. Die Zustimmung wird an hohe Anforderungen in Bezug auf Nachweisbarkeit und faire Verfahren geknüpft. Besonders intensiv diskutiert worden sind Fragen psychischer Verwundungen, die Nutzung von Stufenmodellen sowie die Gefahr einer inflationären Vergabepraxis. Die vollständige Auswertung der Untersuchung erfolgt im weiteren Jahresverlauf.

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Es gibt wohl keine andere Frage des militärischen Auszeichnungswesens, die derzeit emotionaler diskutiert wird: Denn vielen Befürwortern geht es längst nicht nur um ein neues Abzeichen. Die Debatte berührt Grundfragen militärischer Anerkennung: Wie sichtbar dürfen Einsatzfolgen sein? Welche Formen von Anerkennung gelten heute innerhalb der Bundeswehr überhaupt noch als angemessen? Und wie geht eine einsatzerfahrene Armee mit physischen und psychischen Verwundungen um? Gerade deshalb erscheint ein vorschneller politischer Schnellschuss wenig sinnvoll. Die Frage berührt Veteranenkultur, Anerkennung, Tradition und Einsatzrealität gleichermaßen und verlangt deshalb einen sorgfältigen und möglichst inklusiven Diskussionsprozess.

Auf Grund der Emotionalität und Komplexität der damit zusammenhängenden Entscheidungen wurde die Untersuchung zum Verwundetenabzeichen inzwischen auch ausgeweitet: Neben qualitativen Interviews mit Verwundeten läuft derzeit eine Befragung zum Auszeichnungssystem der Bundeswehr für den „Runden Tisch der Veteranen“, bei dem es nicht nur um das Verwundetenabzeichen, sondern die grundsätzliche Bedeutung von Orden, Ehrenzeichen und Einsatzmedaillen geht. Aktive und ehemalige Soldatinnen und Soldaten sind ausdrücklich eingeladen, sich an der Befragung zu beteiligen. Ziel ist es, die Debatte endlich breiter auf Basis einer Datenerhebung statt nur mit Einzelmeinungen zu führen. Gerade deshalb kommt es jetzt auf möglichst viele unterschiedliche Perspektiven aus der Truppe und von Veteranen an. Die Teilnahme dauert nur wenige Minuten und erfolgt anonym: Zur Umfrage

QR-Code zur Umfrage für aktive und ehemalige Soldatinnen und Soldaten zum Auszeichnungswesen der Bundeswehr (gültig bis 30.09.2026).

Der bevorstehende Veteranentag bietet die Chance, diese Fragen nicht nur in Veteranenkreisen und der aktiven Truppe, sondern auch gesellschaftlich breiter zu diskutieren. Denn unabhängig davon, ob am Ende tatsächlich ein Verwundetenabzeichen eingeführt wird oder nicht, zeigt die Debatte schon heute: Die Bundeswehr verändert sichtbar ihren Umgang mit Verwundung, Einsatzfolgen und militärischer Anerkennung.

Gastautor: Marcel Bohnert ist Oberstleutnant im Generalstabsdienst der Bundeswehr und Fellow am Institut für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel. Zuletzt ist sein Buch „Vom Schatten ins Licht. Zeitenwende in der deutschen Veteranenkultur“ im Miles-Verlag erschienen.