Die australische Regierung hat Interesse am Export des Collaborative Combat Aircraft (CCA) vom Typ MQ-28A „Ghost Bat“ nach Deutschland. In einem schriftlich geführten Interview mit hartpunkt betont Australiens Minister für die Rüstungsindustrie, Pat Conroy, dass Berlin bei dem Programm „ganz vorne“ unter den Interessenten liege. Kein anderer potenzieller Kunde habe bislang seinen Verteidigungsminister zur persönlichen Begutachtung der Plattform entsandt. Zudem plane eine Delegation des Bundestags-Haushaltsausschuss eine Reise nach Australien, um das System zu begutachten, so Conroy.
Canberra sieht in Deutschland einen potenziell wichtigen Partner für das Programm. Eine Regierung-zu-Regierung-Vereinbarung (G2G) ähnlich wie beim Schweren Waffenträger 2024 sei „definitiv eine Option“, betont Conroy. Ein solches Modell würde das Beschaffungsrisiko für Deutschland reduzieren, da Australien einen Teil der Lieferrisiken übernehmen würde. „Australien würde davon profitieren, ein sehr bedeutendes Land als ersten Exportkunden zu haben, was dazu beitragen würde, die Entwicklung fortschrittlicherer Varianten in der Zukunft zu unterstützen.“
Gleichzeitig ist der Minister überzeugt, dass die MQ-28A derzeit die einzige verfügbare Plattform ist, die den deutschen Zeitrahmen bis 2029 erfüllen kann.
Die MQ-28A Ghost Bat wird von Boeing Defence Australia im Auftrag der Regierung entwickelt und gilt als eines der weltweit fortschrittlichsten Programme für CCA – also unbemannte Begleitflugzeuge, die gemeinsam mit bemannten Kampfjets operieren. Australien als Pilotkunde hat das Programm bereits mit mehreren Milliarden Dollar unterstützt und damit einen Großteil der Entwicklungsrisiken getragen. Der Erstflug fand 2021 statt; seitdem wurde die Plattform in mehr als 150 Flügen umfangreich erprobt. Ende 2025 erfolgte zudem ein Test mit einer AMRAAM-Luft-Luft-Rakete, die von der Kampfdrohne ins Ziel gebracht wurde.
„Die Ghost Bat ist anderen CCA-Plattformen um Lichtjahre voraus. Aus unserer Sicht stellen wir die Ghost Bat in Dienst, weil wir wissen, dass sie ein Game Changer ist“, so Conroy.
Er hebt hervor, dass Australien im vergangenen Jahr weitere 1,4 Milliarden australische Dollar zusätzlich bereitgestellt hat, um den Übergang von der Erprobung zur Serienproduktion einzuleiten. Die Royal Australian Air Force (RAAF) habe bislang neun MQ-28A Block-2-Drohnen sowie einen Prototyp der Block-3-Version bestellt. Langfristig strebe die RAAF ein Verhältnis von mindestens drei unbemannten Plattformen pro bemanntem Kampfflugzeug an, blickt Conroy in die Zukunft.
Der Minister beschreibt die Ghost Bat als „Game Changer“. Die Drohne verwandle „einen einzelnen Kampfjet in ein ganzes Gefechtsteam“ und schaffe „Hunderte Augen am Himmel“, mit denen sich Gegner auseinandersetzen müssten. Australien sehe sich bei Kampfdrohnen „nicht nur im Spiel, sondern dem Spiel voraus“.
Sollte sich Deutschland für die Ghost Bat entscheiden, dürfte die angekündigte Kooperation zwischen Boeing und Rheinmetall zum Tragen kommen. Das deutsche Unternehmen soll die Integration in bestehende und zukünftige Führungs- und Waffensysteme übernehmen sowie Anpassungen an nationale Anforderungen durchführen.
Selbst eine Fertigung in Deutschland hält der Minister für möglich und weist darauf hin, dass ein solches Angebot „nicht jedem Kunden“ gemacht werde. Deutschlands Vorteil sei das frühe Interesse an dem Programm.
Auch bei der Bewaffnung zeigt sich Australien offen für europäische Lösungen. Canberra habe bereits beschlossen, eine europäische Luft-Luft-Rakete in die Ghost Bat zu integrieren, um Exportkunden zu unterstützen, so Conroy. Zudem sei die Plattform durch ihre modulare Bauweise für unterschiedliche Sensoren und Nutzlasten ausgelegt.
Er betont, dass es sich bei der MQ-28 um eine „souveräne australische Fähigkeit“ handele, die primär australischen Exportregeln unterliege. Zwar müssten bei Komponenten aus Drittstaaten – etwa aus den USA – internationale Exportvorschriften wie ITAR berücksichtigt werden. Grundsätzlich verfüge Australien jedoch über eine große Entscheidungsfreiheit beim Export des Systems.
Neben der australischen Regierung hat auch der Hersteller Boeing Defence Australia Interesse an einem Export nach Deutschland. In einem Gespräch mit hartpunkt stellte Boeing-Managerin Amy List, Vice President und Managing Director von Boeing Defence Australia, die Ghost Bat als technologisch ausgereifte und kurzfristig verfügbare Lösung für die Anforderungen der Luftwaffe dar.
List betont, dass die MQ-28 von Beginn an modular und mit einer offenen Missionssystemarchitektur entwickelt worden sei. Dadurch könne die Plattform vergleichsweise einfach an nationale Anforderungen angepasst werden. Gerade dies mache die Drohne für Deutschland interessant. „Souveräne Fähigkeiten waren kein nachträglicher Gedanke, sondern von Anfang an Teil des Designs“, sagt sie. Deutschland könne eigene Sensoren, Software oder Waffen integrieren, ohne die Grundarchitektur des Systems verändern zu müssen.
Die MQ-28A sei zudem auf eine schnelle Einführung ausgelegt. Während andere Konzepte noch in frühen Entwicklungsstadien seien, verfüge die Ghost Bat bereits über acht Jahre Entwicklungsarbeit, umfangreiche Flugtests und operative Erprobungen, etwa mit Datenlinks.
Besonders hervor hob List den im Dezember 2025 durchgeführten Test, bei dem eine MQ-28 autonom ein Luftziel mit einer Rakete abschoss. Die Drohne operierte dabei gemeinsam mit einem Frühwarnflugzeug E-7A Wedgetail und einer F/A-18 Super Hornet. Nach Angaben von Boeing erhielt die MQ-28 während der gesamten Mission lediglich vier grundlegende Befehle: Start, Aufbau einer Luftpatrouille, Abfangen des Ziels und Feuerfreigabe. Die eigentliche Zielbekämpfung sei autonom erfolgt. Während des Vorgangs sei eine Person lediglich „in the Loop“ gewesen.
List sieht den Test als einen zentralen Nachweis der Einsatzreife, es handele sich um die „weltweit fortschrittlichste CCA-Plattform“. Besonders bemerkenswert sei, dass die Integration des eingesetzten Luft-Luft-Lenkflugkörpers AMRAAM – inklusive Hardware, Software und Missionssystem – innerhalb von nur acht Monaten erfolgt sei. Dies zeige die hohe Anpassungsfähigkeit der offenen Systemarchitektur.
Mit Blick auf die deutschen Anforderungen sagt List zudem, dass Boeing die MQ-28 perspektivisch auch für Luft-Boden-Missionen und stärker für autonome Einsätze in hochbedrohten Lufträumen weiterentwickeln würde, wenn dies vom Kunden verlangt werde.
Bekanntlich will die Bundeswehr nicht nur ein CCA beschaffen, das mit bemannten Kampfflugzeugen operiert, sondern eine sogenannte Jagdbomberdrohne einführen, die im Extremfall ein Ziel tief im feindlichen Hinterland autonom bekämpfen kann. Gleichzeitig fordert die Bundeswehr Stealth-Fähigkeiten für ihr zukünftiges CCA, um die Durchsetzungsfähigkeit zu erhöhen.
Nach Aussage von List wird die neue Block-3-Version der Ghost Bat neben größeren Tragflächen und höheren Nutzlastkapazitäten auch interne Waffenschächte erhalten, die für das Aufrechterhalten der Stealth-Fähigkeit erforderlich sind.
Die Boeing-Managerin macht zwar keine Angaben zu möglichen Waffen, sagt aber, dass sie offen für europäische Waffensysteme sei. Die Plattform werde „an die Anforderungen des jeweiligen Nutzers angepasst“, so List.
Sie verwies auf die Kooperationsvereinbarung mit dem deutschen Rüstungskonzern Rheinmetall, die neben der Rolle als Systemintegrator für den Düsseldorfer Konzern langfristig möglicherweise auch Produktionsanteile umfasst. Rheinmetall verfüge mit seinen F-35-Produktionskapazitäten bereits über relevante industrielle Voraussetzungen und Kenntnisse dafür, sagt List.
Die gegenwärtig genutzte Missionssoftware basiert auf einer gemeinsam mit der Royal Australian Air Force entwickelten australischen Softwarearchitektur. Die Boeing-Managerin betont jedoch, dass die offene Architektur langfristig Anpassungen oder nationale Erweiterungen ermögliche. Aufgrund des engen Zeitplans bis 2029 wolle man Deutschland zunächst jedoch eine bereits erprobte und getestete Lösung anbieten, um Entwicklungsrisiken gering zu halten.
Nach ihrer Einschätzung liegt die größte Herausforderung derzeit weniger in der Technik als vielmehr im Zeitfaktor. Die grundlegenden Fähigkeiten seien vorhanden, entscheidend sei nun eine schnelle Beschaffungsentscheidung. Sobald Deutschland eine Entscheidung treffe, und die detaillierten Forderungen an ein zukünftiges CCA vorliegen, könne Boeing gemeinsam mit seinen Partnern die Anpassung der Plattform an die deutschen Anforderungen beschleunigt vorantreiben.
Lars Hoffmann

















