Polen forciert den Aufbau einer umfassenden Drohnenkriegsfähigkeit

Kristóf Nagy

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Polen treibt den Ausbau seiner Fähigkeiten im Bereich unbemannter Systeme mit hoher Geschwindigkeit voran. Während sich die Modernisierung der polnischen Streitkräfte in den vergangenen Jahren medienwirksam auf Kampfpanzer, Artillerie, Luftverteidigung und Kampfflugzeuge zu konzentrierten schien, rücken inzwischen Drohnen und Abwehrsysteme gegen unbemannte Luftfahrzeuge (C-UAS) in den Mittelpunkt der Beschaffungs- und Fähigkeitsplanung. Die polnische Regierung betrachtet die Erfahrungen aus dem Krieg in der Ukraine dabei nicht mehr als Anregung für einzelne Rüstungsprojekte, sondern als Ausgangspunkt für einen grundlegenden Strukturwandel innerhalb der Streitkräfte.

Nach Angaben des stellvertretenden Verteidigungsministers Cezary Tomczyk, der sich letzte Woche polnischen Medien gegenüber äußerte, sollen 2026 rund 26 Milliarden Złoty (etwa 6 Milliarden Euro) in Drohnen- und C-UAS Fähigkeiten investiert werden. Gegenüber Ende 2023 entspricht dies Medienberichten zufolge einer Steigerung um den Faktor 260. Die Investitionen umfassen dabei nicht nur die Beschaffung einzelner Systeme, sondern den Aufbau einer umfassenden industriellen und militärischen Drohnenarchitektur.

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Der polnische Ansatz unterscheidet sich Beobachtern zufolge deutlich von klassischen Beschaffungsprogrammen westlicher Streitkräfte. Im Mittelpunkt steht nicht allein die Einführung neuer Plattformen, sondern die Fähigkeit, Drohnen in großer Stückzahl schnell produzieren, anpassen und ersetzen zu können. Die polnische Führung zieht damit direkte Konsequenzen aus den Entwicklungen auf dem Ukrainekrieg. Dort hat sich gezeigt, dass hohe Verbrauchsraten und kurze Innovationszyklen die industrielle Leistungsfähigkeit mindestens ebenso stark fordern wie die technischen Eigenschaften einzelner Systeme.

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Entsprechend verfolgen die Entscheidungsträger innerhalb der polnischen Streitkräfte das Ziel, möglichst viele Schlüsseltechnologien im eigenen Land anzusiedeln. Nationale Entwicklungs- und Fertigungskapazitäten sollen eine weitgehende Unabhängigkeit von ausländischen Lieferketten ermöglichen und gleichzeitig eine kontinuierliche Weiterentwicklung der Systeme erlauben.

Ein sichtbares Beispiel dieser Strategie ist das Programm Hornet beziehungsweise auf Polnisch Szerszeń. Das System wurde vom polnischen Luftfahrttechnischen Institut (ITWL) entwickelt und wird künftig gemeinsam mit der einheimischen Industrie produziert. Die Drohne orientiert sich hinsichtlich Größe und Einsatzprofil an der iranischen Shahed-131 beziehungsweise deren russischen Derivaten, die seit der frühen Phase des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine in großer Zahl eingesetzt werden. Ziel ist jedoch keine bloße Kopie, sondern die Schaffung einer national kontrollierten Fähigkeit für weitreichende One-Way-Angriffsplattformen sowie für Ausbildungs- und Testzwecke.

Bemerkenswert ist dabei die Eigentumsstruktur des Programms. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums verbleiben die geistigen Eigentumsrechte beim polnischen Staat beziehungsweise den staatlichen Forschungseinrichtungen. Dadurch sollen spätere Modernisierungen sowie eine Anpassung an neue Einsatzanforderungen ohne Abhängigkeit von (ausländischen) Lizenzgebern möglich bleiben.

Industriepolitik als Bestandteil der Verteidigungsplanung

Die Drohnenstrategie ist zugleich industriepolitisch ausgerichtet. Polen verfolgt seit mehreren Jahren das Ziel, die eigene Rüstungsindustrie stärker in nationale Großvorhaben einzubinden. Bereits mit Systemen wie der Aufklärungsdrohne FlyEye oder der Loitering Munition Warmate verfügt die polnische Industrie über international beachtete Kompetenzen im Bereich unbemannter Systeme. Nun soll das Portfolio um kostengünstig produzierbare Langstreckendrohnen sowie weitere Klassen unbemannter Luftfahrzeuge erweitert werden.

Anstelle einer ausschließlichen Beschaffung aus dem Ausland setzt Warschau daher zunehmend auf Kooperationen zwischen staatlichen Forschungseinrichtungen und privaten Industrieunternehmen. Dieser Ansatz soll Forschung, Produktion und spätere Weiterentwicklung enger miteinander verzahnen und gleichzeitig die industrielle Skalierung beschleunigen.

Parallel zum materiellen Ausbau verändert Polen auch seine Organisationsstrukturen. Bereits Ende 2024 kündigte das Verteidigungsministerium die Einrichtung einer eigenen Inspektion für unbemannte Systeme an. Dieses soll Ausbildung, Beschaffung, Doktrinentwicklung und Einsatzgrundsätze zentral koordinieren. Darüber hinaus baut das Ministerium sogenannte Drohnenlabore innerhalb der Streitkräfte aus. Diese Einrichtungen dienen nicht nur der Ausbildung von Spezialisten, sondern sollen Drohnenkompetenz bis die untere taktische Ebene vermitteln. Ziel ist es, dass künftig jede militärische Einheit über eigene Fähigkeiten zur Aufklärung und zum Einsatz unbemannter Systeme verfügt. Gleichzeitig sollen Beobachtungsdrohnen und andere unbemannte Systeme bis auf Zug- beziehungsweise Gruppenebene verfügbar werden.

Fazit

Die aktuellen Investitionen markieren einen erneuten Paradigmenwechsel. Im Mittelpunkt steht nicht mehr ausschließlich die Beschaffung leistungsfähiger Einzelsysteme, sondern der Aufbau eines Ökosystems aus Forschung, Produktion, Ausbildung und militärischer Anwendung. Damit orientiert sich Polen konsequent an der aktuellen ukrainischen Rüstungspolitik, wonach die Fähigkeit zur schnellen industriellen Produktion und kontinuierlichen technologischen Anpassung zunehmend über die Wirksamkeit militärischer Drohnen entscheidet.

Sollte es Polen gelingen, die angekündigten Investitionen dauerhaft in industrielle Kapazitäten, innovative Produkte und einsatzreife Verbände umzusetzen, könnte das Land innerhalb weniger Jahre zu einem der führenden europäischen Nationen im Bereich militärischer Drohnensysteme werden. Die Entwicklung könnte zugleich Maßstäbe für andere NATO-Staaten setzen, deren Beschaffungsprozesse bislang häufig auf kleinere Stückzahlen und längere Entwicklungszyklen ausgelegt sind.

Kristóf Nagy