Hanwha sieht Chancen in Deutschland und strebt langfristige Partnerschaften an

Lars Hoffmann

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Der südkoreanische Rüstungskonzern Hanwha Aerospace will seine selbst entwickelten Waffensysteme in Zukunft auch der Bundeswehr anbieten. Einen Schwerpunkt legt das Unternehmen dabei auf die Luftverteidigung.

„Wir verfügen als Hanwha Aerospace über Systeme und Fähigkeiten, die aus unserer Sicht durchaus auch hier in Deutschland ihren Platz finden können“, sagt Thorsten Kutz, Geschäftsführer der frisch gegründeten Hanwha Defence Deutschland GmbH, im Interview mit hartpunkt. Dazu zählt er die bodengebundene Luftverteidigung. „Unseres Erachtens besteht hierzulande eine Fähigkeitslücke bei gewissen Reichweiten: Das ist das Spektrum zwischen Patriot PAC 3 und Arrow 3, in Höhen von 40 bis 100 Kilometer.“ In diesem Höhenband geht es um die Abwehr von ballistischen Raketen und Hyperschallflugkörpern.

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Hier biete Hanwha mit L-SAM (Long-range Surface-to-Air Missile) ein bestehendes System an, das in Korea quasi in Serie produziert werde. Perspektivisch könne L-SAM auch in Deutschland oder in Europa mit industriellen Partnern lokal hergestellt werden, sagt Kutz. „Dann würde die Kerntechnologie sicherlich aus Korea kommen. Das ist dann immer ein Government-to-Government-Thema wegen der Entwicklungsthemen, die dahinterstecken.“

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Er sieht in dem Angebot eine „Riesenmöglichkeit für Deutschland, andere europäische Nationen oder NATO-Partner, die Lücke relativ kurzfristig zu schließen“. Seinen Worten zufolge befindet sich Hanwha bereits in Gesprächen mit potenziellen industriellen Partnern.

Gegenwärtig arbeitet Deutschland im Rahmen von zwei vom European Defence Fund mitfinanzierten Projekten an der Entwicklung eines Hyperschall-Abfangflugkörpers, der auch in einem Höhenband oberhalb des Patriot-Systems wirken soll. Außerdem hat die Luftwaffe angekündigt, die israelische Lenkwaffe Arrow 4 zu beschaffen, die wohl ebenfalls für große Höhen ausgelegt wird. Allerdings sind weder der europäische Abfangflugkörper noch die Arrow 4 gegenwärtig marktverfügbar.

Kutz geht davon aus, dass L-SAM „germanisierbar“ wäre und kompatibel mit NATO-Anforderungen eingesetzt werden kann. Schließlich sei Südkorea für Deutschland ein NATO-Partner der Kategorie IP4 (Indopazifik 4). Er verweist dabei auf andere Hanwha-Systeme, vornehmlich die Panzerhaubitze K 9 oder Raketenartillerie, die nach Norwegen, Finnland, Estland, Polen und Rumänien verkauft werden und dort teilweise bereits im Einsatz sind. „Dabei ist es ja schon so, dass wir eine NATO-Kompatibilität hergestellt haben und das wäre auch bei einem Luftverteidigungssystem möglich.“

Nach Einschätzung des Hanwha-Geschäftsführers könnte die erste Batterie von L-SAM – dann allerdings noch aus koreanischer Fertigung – bereits 2028 in den Markt gebracht werden. An welchen Kunden in Europa das System geliefert werden könnte, lässt er offen. Das Interesse an dem System sei aufgrund der russischen Bedrohung und den Erfahrungen des Iran-Krieges jedenfalls im Augenblick international sehr hoch.

Thorsten Kutz fungiert neben seiner Rolle als Geschäftsführer von Hanwha Defence Deutschland in erster Linie als Chief Operating Officer des Unternehmens für Europa und UK.
Thorsten Kutz fungiert neben seiner Rolle als Geschäftsführer von Hanwha Defence Deutschland in erster Linie als Chief Operating Officer des Unternehmens für Europa und UK. (Bild: Hanwha Defence Deutschland)

„Hier wie auch in Europa wird das Thema Marktverfügbarkeit und Qualifikation immer wieder betont. Und ich glaube, Marktverfügbarkeit ist sichergestellt dadurch, dass wir im Grunde genommen in Korea aus bestehender Fertigung liefern könnten.“ Beim Thema Produktionsfähigkeiten verweist Kutz exemplarisch auf die K9-Panzerhaubitze, bei der die Monatsproduktion aktuell bei 25 Einheiten liege.

Dem Manager zufolge verfügt das Luftverteidigungssystem L-SAM über zwei Boden-Luft-Raketen (eine für die Abwehr ballistischer Raketen, die andere gegen klassische Luftfahrzeugbedrohungen) unterschiedlicher Reichweite, je nach Bedarf des Kunden. Neben der Abwehr ballistischer Raketen können laut Kutz auch herkömmliche Ziel wie Drohnen, Drehflügler sowie Starrflügler bekämpft werden. Ein klassisches Batterie-Setup besteht demnach aus mindestens vier Launchern mit einer gemischten Beladung und einem im S-Band arbeitenden Überwachungs- und Feuerleitradar.

Neben der schnellen Verfügbarkeit des Systems sieht Kutz einen weiteren Pluspunkt darin, dass keine Komponenten verbaut werden, die der US-Exportkontrolle gemäß ITAR unterliegen. Das gelte übrigens für alle Produkte, die Hanwha anbiete, betont er.

Langfristig entscheidend für einen Erfolg ist für den Manager der Aufbau von nationalen Fertigungskapazitäten und Lieferketten. „Wir sind bestimmt seit fast einem Jahr dabei, in Deutschland mit Landesregierungen zu sprechen, um den richtigen Ort für eine Produktionsstätte zu finden. Da geht der Ansatz von der Herstellung von Munition, Antrieben und Treibladungen etc.“, so Kutz. Diese Produktion müsse skalierbar sein. In dem Prozess, bei dem eine Art „Lastenheft“ für einen Standort erstellt worden sei, habe Hanwha mittlerweile Angebote von fünf Bundesländern erhalten. „In unserem Basisszenario, das wir verfolgen, sind das schon einige Hundert Arbeitsplätze, die da entstehen würden – in Summe über eine Eigenfertigung und auch in der Supply Chain. Und es wäre nachhaltig und langfristig angelegt“, beschreibt Kutz die Planungen.

„Wenn wir im Bereich Luftverteidigung zum Zuge kämen, würden wir auch eine Raketenfertigung aufbauen, komplementär zu dem, was wir in Polen gerade machen. Man muss das sicherlich dann ausbalancieren im europäischen Kontext. Aber grundsätzlich ist geplant, hier in Deutschland signifikant zu investieren.“

Nach Aussage des Hanwha-Deutschland-Chefs hat sein Unternehmen in Polen einen initialen Vertrag zur Lieferung von zunächst 10.000 Artillerieraketen gezeichnet und es sei eine Jahresproduktion bei Einschicht-Betrieb von 3.000 Raketen geplant.

Er räumt jedoch ein, dass ein Markteintritt in Deutschland für sein Unternehmen nicht einfach ist. „Ich glaube, das braucht eine gewisse Zeit und vielleicht auch Überzeugungskraft.“

Das dürfte unter anderem daran liegen, dass sich die Bundeswehr bei der Raketenartillerie bereits auf EuroPULS festgelegt hat, Panzerhaubitzen von KNDS bezieht, während TKMS im harten Wettbewerb mit Hanwha um das kanadische U-Boot-Programm steht, wobei beide Anbieter von ihren Regierungen unterstützt werden. Die Bundesregierung wirbt entgegen bisheriger Praxis intensiv für Boote aus deutscher Fertigung.

Dennoch sieht Kutz Möglichkeiten, auch bei der Raketenartillerie als Partner gegenüber der Bundeswehr aufzutreten. So könne Hanwha eine Artillerierakete mit der Bezeichnung CTM-X mit einer Reichweite bis 500 Kilometer aus dem eigenen Portfolio anbieten.

Zur Angebotspalette von Hanwha gehören dem Unternehmen zufolge auch Lenkflugkörper unterschiedlicher Reichweiten bis 150 oder 300 Kilometern sowie Loitering Munition.

Medienberichten zufolge soll das südkoreanische Unternehmen mit der Hyunmoo-5 überdies eine Boden-Boden-Rakete mit einer Reichweite von etwa 3.000 Kilometern entwickelt haben. Da die Beschaffung von Deep-Strike-Waffen mit Reichweiten jenseits der 2.000 Kilometer große Bedeutung für die Bundeswehr hat, bieten sich hier womöglich Anknüpfungspunkte. Wobei der Fokus des BMVg dem Vernehmen nach bisher eher auf Marschflugkörpern und Hyperschallwaffen liegen soll. Kutz wollte sich nicht zu der Thematik äußern.

Nach seiner Aussage verfügt Hanwha auch über verschiedene Produkte im Bereich der Lasertechnologie, etwa zur Drohnenabwehr, die das Unternehmen vermarkten wolle. Diese Systeme seien bereits auf Hochhäusern in Seoul, das nur wenige Dutzend Kilometer von der Grenze mit Nordkorea entfernt liegt, im Einsatz.

Als Mischkonzern befasst sich Hanwha nicht nur mit dem Schiff- und U-Boot-Bau, sondern auch mit dem Thema Raumfahrt. So hat das Unternehmen Zugang zum nationalen Launch-Bereich und ist am laufenden zivilen südkoreanischen Weltraumprogramm beteiligt. „Wir sind aktuell der Prime Contractor für die Trägerrakete“, sagt Kutz. Diese rein koreanische Rakete habe ein Startgewicht von 200 Tonnen bei einer Höhe von 47 Metern. Darüber hinaus stelle sein Unternehmen auch Satelliten her und verfügte über Sensorik für die Beobachtung aus dem All.

Wie Kutz erläutert, fungiert er neben seiner Rolle als Geschäftsführer von Hanwha Deutschland in erster Linie als Chief Operating Officer des Unternehmens für Europa und UK. Seine Aufgabe sei es unter anderem die Produktionsstätte des in Polen eingegangenen Joint Ventures aufzubauen. Dazu bringt er langjährige Erfahrung, unter anderem aus seiner Zeit in der deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie, mit. Er strebt an, bis Jahresende das Berliner Büro auf rund 15 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aufzustocken. „Es ist das Ziel, eine Firma zu werden, die in Deutschland produziert, mit einem starken südkoreanischen Technologieunternehmen und Mutterkonzern im Rücken“, beschreibt er seine Zukunftsvision. „Wir sehen uns als langfristigen Partner für die Bundeswehr und die deutsche Industrie“, führt Kutz abschließend aus.

Lars Hoffmann