Den Kampfhandlungen in der Ukraine wird nicht selten das Attribut einer Revolution in der Kriegsführung zugesprochen. Doch findet diese Revolution im Ukraine-Krieg tatsächlich statt? Schließlich ist weder der Einsatz von Drohnen neu, noch können die Kriegsparteien auf vermeintlich althergebrachte Fähigkeiten und damit in Verbindung stehende Waffensysteme, wie etwa Artillerie oder Kampfpanzer, verzichten. Mit dieser Fragestellung setzt sich der ehemalige ukrainische Verteidigungsminister Andriy Zagorodnyuk in einem Artikel für die renommierte Ideenfabrik Carnegie Endowment for International Peace auseinander.
Wie zu erwarten, steht in Zagorodnyuks Analyse die Frage im Mittelpunkt, wie der Krieg zwischen Russland und der Ukraine die moderne Kriegsführung grundlegend verändert. Zagorodnyuk hebt dabei einige Kernpunkte hervor. Ein Schlüsselelement ist dem Autor zufolge der Übergang zu einem technologiegetriebenen Wettbewerb. Seiner Analyse zufolge befindet sich der Krieg in einer Phase, in der nicht mehr primär Geländegewinne, sondern die Fähigkeit zur schnellen technologischen Innovation entscheidend sind. Beide Seiten entwickeln und implementieren fortlaufend neue Systeme wie Drohnen oder Mittel der elektronischen Kriegsführung und passen ihre Taktik in kurzer Zeit an. Ein zentrales Merkmal ist dabei die außergewöhnlich hohe Geschwindigkeit militärischer Lernprozesse. Neue Technologien werden nicht über Jahre, sondern oft innerhalb von Wochen oder Monaten getestet, angepasst und erneut eingesetzt. Dadurch entsteht ein kontinuierlicher Anpassungswettlauf zwischen den Kriegsparteien.
Unbemannte Systeme sind im militärischen Kontext nichts Neues. Ihre massive Dominanz auf dem Gefechtsfeld jedoch schon. Der Einsatz von Drohnen, teilweise mit hohem Autonomiegrad und auch im vierten Kriegsjahr teilweise noch improvisierter Technologie, hat sich als besonders effektiv erwiesen. Laut Zagorodnyuk sind diese Systeme vergleichsweise günstig, schnell produziert und flexibel einsetzbar und somit für den Masseneinsatz geeignet. Sie verändern das Kräfteverhältnis, da auch die ressourcenschwächere Seite damit militärische Wirkung erzielen und im Wettbewerb bestehen kann.
Gleichzeitig entsteht ein vermeintlich transparenteres, jedoch nicht vollständig kontrollierbares Gefechtsfeld. Durch Satelliten, Drohnen und Sensorik ist der Operationsraum deutlich besser beobachtbar als in früheren Kriegen. Dennoch bleibt Unsicherheit bestehen, etwa durch Täuschung, elektronische Kriegsführung und menschliche Faktoren. Laut dem Autor existiert keine vollständige Transparenz, da mit der zunehmenden Nutzung von Technologie auch die Bedeutung von Abwehrmaßnahmen (z. B. Störung von unbemannten Systemen oder Cyberangriffe) zunimmt. Jede neue Fähigkeit erzeugt unmittelbar eine Gegenfähigkeit. Zagorodnyuk beschreibt dies als permanenten Zyklus von Aktion und Reaktion.
Diese Dynamik führt unweigerlich zu einer Metamorphose militärischer Organisationen. Der Konflikt zeige, dass klassische, langsame Beschaffungsprozesse oft zu unflexibel sind. Stattdessen gewinnen Kooperationen mit der zivilen Industrie und Start-ups, sowie dezentrale Innovationsstrukturen und schnelle Produktion und iterative Verbesserung an Bedeutung. Dies stelle traditionelle militärische Strukturen vor strukturelle Herausforderungen.
Trotz aller Innovationen bleibt der Krieg zugleich ein Abnutzungskrieg mit Artillerieschlägen, Kämpfen um Stellungen sowie urbane Räume und daraus resultierenden hohen Verlusten. Zagorodnyuk zufolge ersetzte moderne Technologie die klassische Kriegsführung nicht. Es handle sich vielmehr um eine entscheidende Ergänzung bestehender Fähigkeiten.
Der Krieg liefere somit zentrale Lehren für Militärplaner weltweit. Dem Autor zufolge sei technologische Anpassungsfähigkeit entscheidend. Masse allein reiche nicht mehr aus, um den Krieg zu entscheiden. Diese Anpassungsfähigkeit muss gekoppelt sein an das Erringen der Informationsüberlegenheit und daraus abgeleiteten, schnellen Innovationszyklen. Diese müssen mit einer starken industriellen und technologischen Basis in die skalierbare Produktion von überlegenen Systemen übersetzt werden.
Fazit
Der Krieg in der Ukraine markiert keine vollständige Revolution, wie es gelegentlich postuliert wird. Eine tiefgreifende Weiterentwicklung der Kriegsführung ist jedoch nachweislich erkennbar. Entscheidend ist dabei weniger eine einzelne neue Technologie, sondern vielmehr die Kombination aus schneller Innovation, günstigen Systemen und kontinuierlicher Anpassung. Laut dem Autor dürfte die Erkenntnis über diese Dynamik zukünftige militärische Entscheidungen weltweit nachhaltig prägen.
Der vollständige Aufsatz von Andriy Zagorodnyuk ist unter dem folgenden Link auf der Website von Carnegie Endowment for International Peace kostenlos zugänglich: The New Revolution in Military Affairs
Kristóf Nagy

















