Im Schwarzen Meer und an Land – Drohnenkriegsführung stößt an ihre Grenzen

Waldemar Geiger

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Der Umstand, dass die Ukraine über keine eigene Marine klassischer Ausprägung verfügt und dennoch in der Lage ist, russische Marineaktivitäten im Schwarzen Meer de facto zum Erliegen zu bringen, galt für einige Beobachter als Beleg dafür, dass kostengünstige Marinedrohnen in Verbindung mit Langstrecken-Einwegdrohnen hochgerüstete und teure Kampfschiffe ersetzen können. Jüngste Ereignisse zeigen jedoch deutlich, dass dies nicht der Fall ist.

Angesichts der jüngsten Angriffe Russlands auf ukrainische Häfen und Handelsschiffe wird deutlich, dass die Verwehrung russischer Aktivitäten und die Kontrolle von Seeräumen sowie die Fähigkeit, eigene Aktivitäten durchzusetzen, nicht dasselbe sind. Die Aufgabe von Seestreitkräften ist jedoch vereinfacht gesagt genau dieses: feindliche Aktivitäten verwehren und eigene Aktivitäten sicherstellen.

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Damit dies gelingen kann, ist ein komplexer Flottenmix notwendig, der alle für den Auftrag notwendigen Fähigkeiten vorhält. Dazu zählen beispielsweise die U-Jagd, die Überwasserkriegsführung sowie die Minenjagd und die Luftverteidigung. Der Ukraine, die weder über diesen Flottenmix verfügt noch über Alternativen, mit denen die benötigten Fähigkeiten auch abseits der eigenen Küste projiziert werden können, blieb in dem jüngsten Fall nur die Möglichkeit, beim UN-Sicherheitsrat Protest einzulegen.

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Eine ähnliche Entwicklung kann auch schon über längere Zeit in der Dimension Land beobachtet werden. Bekanntermaßen wird das Gefecht durch die beiden Elemente „Feuer“ und „Bewegung“ bestimmt. Feuer – egal ob aus Artillerierohren, Sturmgewehren oder durch Einwegdrohnen – soll die Bewegung feindlicher Kräfte verhindern und die Bewegung eigener Kräfte ermöglichen. Beide Elemente sind zwei Seiten derselben Medaille. Jedoch auch in der Landkriegsführung in der Ukraine beschränkt sich die Leistung der Drohnenkriegsführung im Grunde darauf, die Bewegung des Feindes durch „Drohnen-Feuer“ zu verhindern.

Der großflächige Einsatz von Aufklärungsdrohnen in Verbindung mit Artillerie und Einwegdrohnen unterschiedlicher Ausprägung erlaubt die Aufklärung und Zerstörung logistischer Einrichtungen und Knotenpunkte sowie die unmittelbare Entdeckung und Bekämpfung zusammengezogener Kräfte (auch in der Tiefe des Raumes).

Die Drohnenkriegsführung erlaubt aber weder Russland noch der Ukraine die Kontrolle des Raumes, so dass eigene Kräfte in Bewegung gesetzt werden und Land eingenommen werden kann. Beiden Kriegsparteien fehlt es dazu einerseits an Fähigkeiten, feindliche Drohneneinsätze zumindest räumlich und zeitlich begrenzt wirkungsvoll unterdrücken oder gänzlich verhindern zu können.

Andererseits verfügen nach über vier Jahren Krieg weder die Ukraine noch Russland über genügend freie Kräfte und Mittel, die in der Lage wären, Angriffe im Korps- oder zumindest Divisionsrahmen durchzuführen, um operative Durchbrüche zu erzielen. Denn selbst ohne Drohnengefahr müssten die Großverbände in der Lage sein, den notwendigen Angriffsschwung auch gegen klassische feindliche Bedrohungen – Artilleriefeuer, bodengebundene Panzerabwehr, Sperren, luftmechanisierte Kräfte, … – aufnehmen und aufrechterhalten zu können.

Dafür braucht es nicht nur kampferprobte Einzelschützen, sondern alle für solche Einsätze notwendigen, aufeinander abgestimmten Fähigkeiten: Kampftruppe, Kampfunterstützung, Einsatzunterstützung und Führungsunterstützung. Ebenso erforderlich ist eine entsprechende Führungsexpertise auf allen Ebenen.

Um Krieg erfolgreich führen zu können – zu Wasser, an Land und in der Luft – braucht es daher beides. Unbemannte Systeme, die das Gefechtselement „Feuer“ verstärken und bemannte Fähigkeiten, die das Feuer für die Bewegung ausnutzen.

Darüber, dass ein solcher ausgewogener Mix an „klassischen“, bemannten Waffensystemen und neuen unbemannten Fähigkeiten essenziell für die Kriegsführung der Zukunft ist, herrscht jedoch nicht überall Einigkeit. Insbesondere aus Kreisen, die Streitkräfte und Gefechtsführung ausschließlich aus Erzählungen und theoretischer Auseinandersetzung kennen, wird immer lauter kritisiert, dass NATO-Streitkräfte – darunter auch die Bundeswehr – weiterhin substanzielle Finanzmittel in die Beschaffung von „Legacy“-Waffensystemen wie Panzer, Kampfschiffe und Kampfflugzeuge investieren.

Vertreter jener Fraktion, die für die Führung von Streitkräften verantwortlich sind, äußern sich da deutlich pragmatischer und sehen weiterhin einen hohen Bedarf klassischer Waffensysteme. Aktuelle Beispiele dafür gibt es mehrere.

So argumentierte Verteidigungsminister Boris Pistorius erst in dieser Woche im Rahmen eines Truppenbesuches während seiner Sommerreise, dass Investitionen in bemannte Waffensysteme weiterhin wichtig seien. Von einem Journalisten gefragt, ob Drohnen oder Großgerät wichtiger seien, antwortete Pistorius am Dienstag in Unna wie folgt: „Ich höre immer wieder, die selbsternannten Experten, die sagen: ‚Der Krieg der Zukunft wird nur noch einer mit Drohnen sein, wir brauchen keine Panzer, keine Schützenpanzer, keine Artillerie.‘ Ich sage es mal mit der mir eigenen norddeutschen Klarheit. Das ist Unsinn. Es wird kein Kriegsbild geben, bei dem wir auf Panzer, Artillerie oder Schützenpanzer verzichten. Es wird sich verschieben, es wird mehr denn je darauf ankommen, dass wir das eine mit dem anderen verbinden. Unbemannte Systeme, zu Land, zu Wasser und zur Luft, werden mehr und immer enger verbunden sein und operieren müssen mit den bemannten Systemen. Aber wenn Sie zum Beispiel Raum einnehmen und halten wollen, brauchen Sie gepanzerte Fahrzeuge. Das können Sie nicht alleine mit Drohnen. Und umgekehrt ist heute eine Gefechtsführung ohne Drohnen und ohne unsere Satellitenverbindungen im Weltall überhaupt nicht mehr vorstellbar. Von daher, es geht nicht mehr um das eine oder um das andere, sondern es geht darum, den Mix so zu modernisieren, dass wir alles können. Und daran arbeiten wir.“

Mit seiner Ansicht ist Pistorius nicht allein. Ähnlich argumentiert auch der ehemalige Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte Oleksandr Syrskyi noch kurz vor seiner Entlassung.

Syrskyi veröffentlichte am 20. Juli im ukrainischen Fachmedium Militarnyi einen Gastbeitrag, in dem er sich ebenfalls mit der Drohnenkriegsführung auseinandergesetzte. Der General verwies in dem Text darauf, dass er sich für den Drohneneinsatz eingesetzt und sogar eine eigenständige Teilstreitkraft für den Einsatz von unbemannten Systemen etabliert hat. Zudem hätte er ausgewiesene Experten der Drohnenkriegsführung wie beispielsweise Robert Brovdi (Kampfname Magyar) gefördert. Dennoch argumentiert Syrskyi, dass es nur mit Drohnen nicht geht. „Drohnen erzielen heute einen großen Anteil der Wirkung. Das ist eine Tatsache. Aber um das Gefechtsfeld für den effektiven Einsatz von Drohnen vorzubereiten, braucht es Artillerie, Mörser, Pioniermittel, Flugabwehr, elektronische Kriegsführung und noch Dutzende weiterer Waffengattungen. Der Generalstab legt dem Ministerium eine vollständige Liste dessen vor, was für den Krieg benötigt wird. Es muss alles beschafft werden, nicht nur das, was gerade im Trend liegt“, schreibt der Viersternegeneral. Er warnt zudem davor, einseitig in unbemannte Systeme zu investieren. „Wir kämpfen nicht gegen ein hypothetisches kleines Land. Uns gegenüber steht ein in jeder Hinsicht überlegener Feind, der unter anderem mit Artillerie, Luftwaffe und Infanterie kämpft. Ich kann eine Millionenarmee nicht innerhalb von zwei Monaten ‚auf Drohnen‘ umstellen und sagen: Jetzt führen wir den Krieg so. Abgesehen davon, dass dies ein offensichtliches Abenteuer ist, wird jedes Experiment dieser Größenordnung mit unserem Land und unseren Menschen bezahlt“, warnte Syrskyi.

Waldemar Geiger