Vom Schützengraben zur „Kill Zone“ – die Entwicklung der Feldbefestigungen im Ukrainekrieg unter dem Einfluss der Drohnenkriegsführung

Kristóf Nagy

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Der Krieg in der Ukraine hat innerhalb von nur wenigen Jahren zu einer bemerkenswerten Veränderung der militärischen Feldbefestigung geführt. Zu Beginn der russischen Vollinvasion im Februar 2022 standen zunächst teilweise stark befestigte, jedoch zumeist isolierte Stellungen im Vordergrund. Bereits im weiteren Verlauf des Jahres entwickelte sich daraus auf beiden Seiten zunehmend eine Art der Kriegsführung, bei der systematisch aufgebaute Stellungssysteme und Sperrgürtel eine wichtige Rolle spielten. Russland begann insbesondere nach den ukrainischen Gegenoffensiven im Raum Charkiw und Cherson mit dem großflächigen Ausbau von Verteidigungsstellungen in den besetzten Gebieten. 2023 entstand daraus ein mehrschichtiges System aus Schützengräben, Feuerstellungen für Gefechtsfahrzeuge, Verbindungsgräben, Bunkern, Minenfeldern, Panzerabwehrgräben und betonierten Hindernissen, das vor allem durch die sogenannten „Surovikin-Linien“ internationale Bekanntheit erlangte.

Seit Mitte 2023 verändert jedoch die massenhafte Verwendung unbemannter Systeme die Anforderungen an solche Befestigungen grundlegend. Aufklärungsdrohnen ermöglichen eine nahezu permanente Beobachtung des Gefechtsfeldes, FPV-Drohnen greifen einzelne Soldaten, Fahrzeuge und Stellungen unmittelbar an, während die Verbindung von Drohnenaufklärung und Artillerie oder anderen Präzisionswaffen die Reaktionszeiten erheblich verkürzt. Die Entwicklung geht somit noch mehr als jemals zuvor in Richtung kleiner, verteilter, getarnter und möglichst unterirdischer Stellungen. Die Feldbefestigung verschwindet damit nicht, ganz im Gegenteil. Sie erlebt zum wiederholten Male eine Renaissance und verändert wieder einmal ihren Charakter.

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Vom improvisierten Graben zur tief gestaffelten Verteidigung

Die Feldbefestigungen des Ukrainekrieges haben ihre Wurzeln teilweise in den seit 2014 errichteten Stellungen im Donbass. Mit Beginn der Vollinvasion im Februar 2022 wurden diese vorhandenen Anlagen durch die veränderte Frontlage teilweise weiter genutzt, erweitert oder durch neue Stellungen ergänzt. Satellitenanalysen zeigen zugleich, dass viele der älteren ukrainischen Befestigungen nach der russischen Besetzung in russische Verteidigungssysteme integriert wurden. Andere ältere Stellungen verloren aufgrund der Verschiebung der Front und mangelnder Instandhaltung an militärischer Bedeutung.[i]

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Bereits während der ersten Kriegsmonate entstanden jedoch neue Feldbefestigungen. Russische Truppen legten unter anderem im Raum Charkiw Schützengräben und Stellungen an, um besetzte Räume gegen ukrainische Gegenangriffe abzusichern. Nach dem russischen Rückzug vom Westufer des Dnjepr im Herbst 2022 verstärkten sich die Befestigungsarbeiten erheblich. Die russischen Streitkräfte bereiteten insbesondere das Ostufer des Flusses sowie weitere rückwärtige Räume auf eine mögliche ukrainische Offensive vor.[ii]

Einen entscheidenden Entwicklungsschub erhielt der Ausbau nach den ukrainischen Erfolgen im Herbst 2022. Russland begann 2023, seine Verteidigung nicht mehr nur unmittelbar an der Kontaktlinie, sondern zunehmend in der Tiefe zu verstärken. Satellitenbilder zeigen eine große Zahl neuer Schützengräben und Sperren in den Oblasten Luhansk, Donezk und Saporischschja sowie auf der Krim. Teilweise wurden bestehende Stellungen erweitert, neue Gräben miteinander verbunden oder mehrere Verteidigungslinien hintereinander angelegt.

Die Analyse von Satellitenbildern durch den OSINT-Spezialisten Brady Africk vom US-Think Tank American Enterprise Institute dokumentiert diese Entwicklung besonders anschaulich. Danach nahm die Geschwindigkeit des russischen Befestigungsbaus Anfang 2023 deutlich zu. Im Frühjahr wurden insbesondere in Saporischschja und auf der Krim neue Verteidigungslinien angelegt. Im Sommer entstanden zusätzliche Stellungen hinter der unmittelbaren Front, während vorhandene Anlagen miteinander verbunden und Lücken geschlossen wurden. Im Herbst 2023 wurden bestehende Verteidigungen noch weiter verstärkt. Ab 2024 entstanden neue Gräben und Sperren, während ältere Anlagen mit Holz, Beton und Metall ausgebaut wurden, um eine dauerhafte Nutzung zu ermöglichen.

Charakteristisch für diese Verteidigungsarchitektur war die Kombination unterschiedlicher Elemente. Neben Schützengräben kamen Panzerabwehrgräben, Minenfelder, Höckerlinien (landläufig als Drachenzähne bekannt), zunehmend gedeckte Stellungen, Unterstände und vorbereitete Ausweichstellungen hinzu. Die Anlagen orientierten sich häufig an Geländemerkmalen wie Baumreihen, Straßen und Wasserläufen. Dadurch entstand keine durchgehend besetzte Festungslinie, sondern ein System aus miteinander verbundenen und durch Hindernisse verstärkten Verteidigungsräumen.

Während der ukrainischen Gegenoffensive im Sommer 2023 wurde diese Struktur besonders deutlich. Die russische Verteidigung im Raum Saporischschja bestand aus mehreren hintereinanderliegenden Verteidigungszonen. Die vorderen Stellungen sollten den ukrainischen Vormarsch verlangsamen und die angreifenden Kräfte in vorbereitete Feuerbereiche und Minenfelder kanalisieren. Dahinter folgten weitere Schützengräben und Stützpunkte. Die bekannte „Surovikin-Linie“ war deshalb weniger eine einzelne Befestigungslinie als vielmehr ein System gestaffelter Verteidigungsräume.

Die Entwicklung war dabei nicht ausschließlich russischer Natur. Auch die Ukraine begann 2024, ihre Verteidigungsstellungen erheblich auszubauen. Nach dem Fall von Awdijiwka und angesichts des zunehmenden russischen Drucks stellte die ukrainische Regierung erhebliche Mittel für neue Befestigungen bereit. Im Frühjahr 2024 wurden unter anderem Panzerabwehrgräben, Betonhindernisse, Schützengräben und verstärkte Unterstände errichtet. Presseberichte sprachen im April 2024 von einem ukrainischen Programm mit einem Umfang von zunächst rund 509 Millionen US-Dollar sowie weiteren vorgesehenen Mitteln.[iii] Damit erreichte der klassische Feldbefestigungsbau zunächst einen neuen Höhepunkt. Gleichzeitig zeichnete sich jedoch bereits ab, dass die aus dem Kalten Krieg und teilweise noch aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg stammenden Grundprinzipien nicht unverändert auf das heutige Gefechtsfeld übertragen werden konnten.

Unbemannte Systeme verändern die Befestigung

Der entscheidende Bruch entstand durch die zunehmende Dichte unbemannter Systeme, insbesondere im Luftraum. Bereits 2022 spielten Drohnen eine wichtige Rolle bei Aufklärung und Artilleriebeobachtung. Im Verlauf des Jahres 2023 kamen jedoch in großer Zahl FPV-Drohnen, Bomber-UAS und zunehmend vernetzte Aufklärungs- und Wirksysteme hinzu. Befestigungen standen somit, insbesondere im Schwerpunkt der Gefechte, erstmalig einem permanenten und integrierten Sensor-Wirkungs-Verbund gegenüber.

Somit kann Beobachtern zufolge der Sommer 2023 als ein entscheidender Wendepunkt angesehen werden. Die Kombination aus Aufklärungs- und FPV-Drohnen, Bomberdrohnen und Loitering Munition Systemen wie der russischen Lancet schufen eine mehrere Kilometer tiefe Zone, in der konventionelle Stellungen erheblich verwundbarer wurden. Die aufkommende russische Gleitbombenkampagne tat ein Übriges, um die Situation zu verschärfen. Für 2025 ist eine nochmals gestiegene Reichweite der unbemannten Luftsysteme feststellbar, welche die Gefahrenzone maßgeblich prägen und eine Entwicklung hin zu stärkerer Dislozierung, Tarnung und kleineren, teilweise nur durch Einzelschützen besetzten Stellungen fördern.

Für die Feldbefestigung hat dies weitreichende Konsequenzen. Eine klassische Stellung bündelt zwangsläufig Personal und Material. Ein Zug oder eine Kompanie benötigt gedeckte Räume, Führungsstellen, Munitionslager und Feuerstellungen. Werden diese Einrichtungen jedoch durch eine Drohne erkannt, können sie heute relativ schnell mit einem FPV-System, Artillerie oder anderen Präzisionsmitteln bekämpft werden.

Damit verändert sich das Verhältnis zwischen Schutz und Sichtbarkeit. Ein größerer und stärker befestigter Unterstand bietet zwar einen höheren physischen Schutz gegen Splitter und bestimmte Waffenwirkungen. Gleichzeitig steigt jedoch die Wahrscheinlichkeit, dass eine solche Stellung aus charakteristischen Geländeformationen heraussticht, dass der zur Versorgung notwendige Fahrzeugverkehr und andere Bewegungen auffallen oder dass thermische und elektromagnetische Signaturen erkannt werden. Besonders deutlich wurde dieses Problem während der Kämpfe um Awdijiwka vom Herbst 2023 bis Februar 2024. Nach Einschätzung des ICDS wurden dort stark befestigte ukrainische Stellungen nicht ausschließlich durch klassische Artillerie- oder Infanterieangriffe überwunden. Vielmehr wurden einzelne Gefechtsstände, Unterstände, Gräben, Fahrzeuge und Nachschubwege systematisch mit FPV- und Bomberdrohnen sowie drohnengestützter Artillerieaufklärung bekämpft. Die Versorgung und Ablösung der Verteidiger wurden dadurch zunehmend erschwert.

Die Konsequenz ist eine zunehmende Dezentralisierung. Anstelle eines großen Gefechtsstandes werden mehrere kleinere Stellungen angelegt. Anstelle eines einzigen großen Unterstandes entstehen mehrere räumlich getrennte Schutzräume. Statt einer dauerhaft stark besetzten Stellung kann ein Abschnitt nur zeitweise durch kleine Gruppen besetzt werden. Entscheidend ist mehr als jemals zuvor nicht allein die Widerstandsfähigkeit einer einzelnen Stellung, sondern die Überlebensfähigkeit des gesamten Systems.

Der Begriff „Kill Zone“ beschreibt diese Entwicklung treffend. Nach Einschätzung des ICDS entstand bereits 2023 eine etwa fünf bis zehn Kilometer tiefe Zone entlang der Kontaktlinie, in der konventionelle, großräumige Feldbefestigungen zunehmend verwundbar wurden. Für 2025 beschreibt die Studie eine weitere Ausdehnung dieser Zone auf möglicherweise 35 bis 40 Kilometer. Dabei handelt es sich nicht um eine scharf abgegrenzte, überall gleich wirkende Distanz, sondern um eine analytische Beschreibung der zunehmenden Reichweite und Dichte von Aufklärung und Wirkung durch unbemannte Systeme.[iv]

Damit verschiebt sich die eigentliche Schutzaufgabe einer Feldbefestigung. Sie soll nicht mehr ausschließlich vor der Wirkung des Gegners schützen. Zunehmend muss sie vor allem verhindern, dass der Gegner die eigene Stellung überhaupt zuverlässig erkennt. Das führt zu einem Paradigmenwechsel: von der Befestigung als physischem Schutzbauwerk zur Befestigung als Bestandteil eines Systems aus Tarnung, Täuschung, Verteilung, Mobilität und elektronischen Gegenmaßnahmen. Dies erklärt auch die wachsende Bedeutung von Tarnung und Signaturmanagement. Vegetation, Tarnnetze, künstliche Abdeckungen, Wärmedämmung und Sichtschutz sowie die räumliche Trennung von Personal, Waffen, Munition und Führungsmitteln gewinnen an Bedeutung. Hinzu kommt die elektronische Kampfführung, die gegnerische Drohnen stören oder deren Einsatz erschweren soll.

Gleichzeitig bleibt die klassische Befestigung keineswegs bedeutungslos. Panzerabwehrgräben, Minenfelder und physische Sperren behalten ihre Funktion, insbesondere gegen mechanisierte Kräfte und zunehmend auch unbemannte Bodensysteme (UGV). Auch größere Verteidigungsanlagen können weiterhin sinnvoll sein, wenn sie tief genug angelegt, gut getarnt und mit mehreren Ausweichstellungen verbunden sind. Die Entwicklung bedeutet daher nicht das Ende des Grabens, sondern dessen Transformation.

Von der Verteidigungslinie zum verteilten Gefechtsraum

Die ukrainischen Erfahrungen zeigen, dass die militärische Planung von Befestigungen zunehmend stärker von den tatsächlichen Erfahrungen der taktischen Einheiten beeinflusst werden muss. Beobachter kritisieren, dass in der Ukraine teilweise weiterhin großflächige, nach älteren Standards errichtete Befestigungen gebaut wurden, ohne die späteren Nutzer ausreichend einzubeziehen. Besonders bei der ukrainischen Verteidigung an der Grenze zur russischen Oblast Charkiw im Frühjahr 2024 habe sich gezeigt, dass einige umfangreiche Befestigungsanlagen aufgrund ihrer Lage und ihrer hohen Sichtbarkeit nur eingeschränkt nutzbar gewesen seien. Eine auf Karten und Bauplänen überzeugende Verteidigung kann auf dem Gefechtsfeld unbrauchbar sein, wenn sie von Drohnen leicht erkannt, durch Präzisionsfeuer bekämpft oder aufgrund fehlender gedeckter Anmarschwege nicht sicher erreicht werden kann.

Auch aus dieser Erfahrung entwickelt sich das bereits skizzierte, neue Modell. Feldbefestigungen werden kleiner, stärker verteilt und zunehmend gestaffelt angelegt. Ein einzelner Soldat oder ein kleines Team kann über einen eigenen gedeckten Platz verfügen. Größere Unterstände werden durch zusätzliche Ausweichstellungen ergänzt. Führungs- und Versorgungseinrichtungen werden räumlich getrennt. Bewegungen zwischen den Positionen sollen möglichst kurz und gedeckt erfolgen. Die Entwicklung hat damit eine paradoxe Folge. Je präziser die Waffen werden, desto weniger sinnvoll erscheint die Konzentration von Kräften. Gleichzeitig steigt der Bedarf an Befestigungen, weil die Soldaten trotz der verbesserten Aufklärung und Präzision weiterhin physisch geschützt werden müssen. Die Feldbefestigung wird deshalb nicht überflüssig. Sie strebt vielmehr nach Unsichtbarkeit auf einem vermeintlich gläsernen Gefechtsfeld.[v]

Hinzu kommt eine weitere Entwicklung in Form der zunehmenden Robotisierung. So sind auf beiden Seiten des Konfliktes Anstrengungen zu beobachten, bei denen die Verteidigung durch unbemannte Systeme ergänzt wird. Dazu gehören ferngelenkte Waffenstationen, unbemannte Bodenfahrzeuge und perspektivisch robotisierte Elemente der Logistik und der Feuerunterstützung. Die Konsequenz könnte langfristig darin bestehen, dass gefährdete Tätigkeiten, insbesondere Verwundetentransport oder die Versorgung vorgeschobener Stellungen mit Munition und Verbrauchsmaterial, fast ausschließlich von unbemannten Systemen übernommen werden.

Damit verändert sich auch die Bedeutung der Entfernung zwischen einzelnen Verteidigungspositionen. Eine klassische Verteidigung versucht, mit Feuerüberlappung und personeller Besetzung eine möglichst geschlossene Front zu erzeugen. Im Krieg der Zukunft kann es unter bestimmten Bedingungen sinnvoller sein, größere Zwischenräume zu akzeptieren und diese durch Sensoren, indirektes Feuer, Drohnen und Sperren zu kontrollieren. Die Verteidigung wird damit zunehmend zu einem Netzwerk aus kleinen Positionen und Sensoren. Ihre Stärke liegt weniger in der einzelnen Stellung als in der Fähigkeit, nach der Entdeckung und Bekämpfung einer Position weiterhin wirkungsfähig zu bleiben.

Für die Streitkräfte Europas ergibt sich daraus eine erhebliche Konsequenz. Die Erfahrungen aus der Ukraine betreffen nicht nur den Bau von Schützengräben. Sie stellen grundlegende Annahmen über die Gestaltung von Gefechtsständen, Logistik, Sanitätsversorgung und Führungsinfrastruktur infrage. Wenn sich Aufklärungs- und Wirkdrohnen in einer Tiefe von mehreren Kilometern bis in den rückwärtigen Raum bewegen können, reicht es nicht mehr aus, lediglich die vorderste Verteidigungslinie zu härten. Gleichzeitig muss mitgedacht werden, dass der Ukrainekrieg ein einmaliges Ergebnis ist und Lehren immer mit Vorsicht und unter Berücksichtigung der eigenen Situation zu ziehen sind. Insbesondere die Fähigkeit einer Seite, Großverbände für einen Durchbruch zu massieren (aktuell ist dies weder der Ukraine noch Russland möglich), könnte eine, wenigstens lokale, Veränderung der Anforderungen an die Auslegung von Befestigungen erfordern. In diesem Fall ist Masse nur mit Masse zu begegnen. Als weiterer Punkt ist die zukünftige Entwicklung der querschnittlichen Drohnenabwehr zu betrachten. Gelingt es dieser, die aktuell zuweilen erdrückende Überlegenheit unbemannter Luftfahrzeuge unterschiedlicher Kategorie auf dem Gefechtsfeld wieder in Balance zu bringen, so wird dies auch einen unmittelbaren Einfluss auf die Ausgestaltung von Feldbefestigungen nach sich ziehen. Das betrifft auch die Logistik und weitere Unterstützungskräfte. Ein gut befestigter Gefechtsstand verliert seinen Wert, wenn seine Versorgung über eine Straße erfolgt, die permanent von Drohnen überwacht wird. Ebenso wenig nützt ein sicherer Schützengraben, wenn die Ablösung der Besatzung aufgrund der Drohnenüberwachung nicht mehr durchgeführt werden kann. Die eigentliche „Befestigung“ eines Verbandes muss deshalb zunehmend auch seine Bewegungs-, Führungs- und Versorgungskonzepte umfassen und durch eine mehrlagige Drohnenabwehr bis auf die unterste taktische Ebene die Handlungsfähigkeit sichern.

Die Entwicklung des Ukrainekrieges lässt sich damit als Übergang von der linearen Feldbefestigung zum verteilten Gefechtsraum beschreiben. Die großen Grabensysteme und gestaffelten Verteidigungslinien der Jahre 2022 und 2023 waren eine logische Reaktion auf Artillerie, Kampfpanzer und mechanisierte Angriffe. Die massenhafte Verbreitung von Drohnen hat jedoch die Bedingungen verändert. Hierdurch sichtbare Konzentrationen werden zunehmend zu Schwachstellen. Die wichtigste Lehre lautet daher nicht, dass Schützengräben im modernen Krieg überholt wären. Im Gegenteil: Der Schutz durch Erddeckung bleibt unverzichtbar. Überholt wird vielmehr die Vorstellung, dass eine Verteidigungsstellung primär durch ihre Größe, Tiefe und bauliche Stärke geschützt werden kann.

Die Befestigung der Zukunft dürfte deshalb weniger wie eine durchgehende Linie aussehen und mehr wie ein tief gestaffeltes, verteiltes und getarntes Netzwerk aus kleinen Positionen, dessen einzelne Elemente durch Sensoren, Drohnen, elektronische Kampfführung, indirektes Feuer und mobile Reserven miteinander verbunden sind. Die Entwicklung in der Ukraine deutet damit höchstwahrscheinlich auf eine neue Phase des Stellungskrieges hin. Salopp formuliert, wird nicht der Graben verschwinden, sondern seine Sichtbarkeit. Aus der statischen Linie wird ein System von kooperativen Inseln, welche sich möglichst spät erkennen lassen, nach der Aufklärung und Bekämpfung nicht zwangsläufig zusammenbrechen und deren Kampfkraft auch nach dem Verlust einzelner Positionen erhalten bleibt.

Kristóf Nagy


[i] Pre-2022 field fortifications in Russian-occupied Ukraine

[ii] Russian field fortifications in Ukraine

[iii] Ukrainian soldiers, engineers toil round the clock to build defences | Reuters

[iv] Russia’s War in Ukraine: Fortification for Drone Warfare – International Centre for Defence and Security

[v] Enter the kill zone: Ukraine’s drone-infested front slows Russian advance | Reuters