Das Krad im Ukrainekrieg – Verlegenheitslösung oder Wegweiser für die Zukunft des infanteristischen Angriffs?

Kristóf Nagy

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Die russischen und die ukrainischen Streitkräfte setzen im Ukrainekrieg weiterhin und zunehmend Motorräder (Krad) für den frontnahen Transport sowie als agiles Transportmittel für Angriffe ein. Ein Beispiel hierfür ist die unlängst vom Kalaschnikow-Konzern präsentierte Beiwagen-Variante der mit einem Elektroantrieb versehenen Izh-Enduro. Ein deutlich stärkerer Hinweis ist jedoch die kürzlich ebenfalls zugänglich gewordene, vorschriftenartige Handlungsanweisung der 58. Armee der russischen Streitkräfte für Kradschützen, die Lektionen aus dem Ukrainekrieg enthält.

Die Bedeutung von Zweirädern, insbesondere zur Steigerung der Mobilität in der Nähe der Front, nimmt auf russischer Seite seit Anfang 2024 sukzessive zu. Gleichwohl lassen sich grundsätzliche Aussagen über die Bedeutung des Motorradeinsatzes der russischen Streitkräfte und den Grund für die Zunahme der Krad-Nutzung aus der Ferne nicht mit abschließender Gewissheit treffen. Eine mögliche Erklärung für die Nutzung ziviler Motorräder könnte darin liegen, dass die russischen Streitkräfte damit Verluste militärischer Fahrzeuge kompensieren wollen. Ein anderer Erklärungsstrang läge in der überlegenen Mobilität und Agilität von Krafträdern auf der Straße und im Gelände.

Der Umstand, dass je nach Frontabschnitt und Zeitpunkt sowohl der Einsatz von klassischen Gefechtsfahrzeugen als auch die Nutzung von Motorrädern genauso wie der klassische infanteristische Angriff zu beobachten ist, deutet darauf hin, dass die russischen Streitkräfte – zumindest anteilig – das Krad als ein probates Mittel zur Lösung bestimmter taktischer Probleme ansehen. Denkbar wäre beispielsweise die Ausnutzung kurzer drohnenfreier Perioden – bspw. witterungsbedingt – um mittels Motorrädern schnell weitere Strecken zurückzulegen. Sollten die angreifenden Truppen doch mittels Drohnen angegriffen werden, können Verluste so gegenüber vollbesetzten Panzern oder sonstigen Fahrzeugen auf einzelne Soldaten begrenzt werden. Zudem bieten Krads die Möglichkeit, selbst im dichten Unterholz operieren zu können. Der Umstand, dass große Frontabschnitte nur durch vereinzelte Trupps und Stellungen verteidigt und ansonsten mittels Drohnen überwacht werden, begünstigt solche Einsatztaktiken.

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Krafträder mit elektrischem Antrieb sind zudem bereits seit Anfang des Krieges auf ukrainischer Seite dokumentiert worden. So etwa E-Bikes des einheimischen Herstellers Delfast. Die bei Panzervernichtungstrupps oder auch zur Infiltration von Scharfschützen oder zur Aufklärung eingesetzt werden. Zudem wurden Pressebilder bekannt, die ukrainische Soldaten auf einem Emu-E-Bike des deutschen Herstellers ACS Armoured Car Systems zeigen.

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Motorrad mit Beiwagen
Der russische Rüstungskonzern Kalaschnikow stellte erst jüngst eine „militarisierte“ Beiwagen-Variante der mit einem Elektroantrieb versehenen Izh-Enduro vor. (Bild: Kalaschnikow)

Auch wenn die russischen Streitkräfte noch sehr weit von einer breit aufgestellten E-Mobilität mitsamt der dafür notwendigen Infrastruktur sind, zeigt die Weiterentwicklung des Kalaschnikow Izh-Enduro zum Beiwagengespann die Bedeutung von Motorrädern innerhalb der russischen Streitkräfte. Mit dem Fahrzeug soll neben dem individuellen Transport des Fahrers auch das eingeschränkte Verbringen von Material möglich sein. Durch das Gespann kann bei einer vergleichsweise geringen Signatur mit hohem Tempo und Geländegängigkeit Munition oder vergleichbare Verbrauchsgüter an die vorderste Front oder sogar zu den Angriffsspitzen gebracht und bei Bedarf auch Verwundete auf dem Rückweg evakuiert werden.

Leitfaden für die militärische Nutzung des Krads

Dass solche Einsätze voller Gefahren sind, dokumentiert die erwähnte Publikation der 58. Armee mit dem sperrigen Titel „Methodische Empfehlungen zur Verwendung von Motorrädern bei Angriffen und zur Rettung des Lebens von Fahrern“.

Das dem Autor vorliegende Dokument gibt auf 29 Seiten in zehn kurzen Kapiteln Einblick in die taktische Nutzung des Motorrads. Neben Themen wie Wartung, psychische Herausforderung an den Fahrer und geländebedingte Fahrtechniken liegt der Schwerpunkt der Publikation eindeutig auf die Verwendung des Kraftrades für den Angriff. Der Fahrer kämpft dabei weiterhin in einer Gruppe oder einem Trupp als Einzelschütze, erfährt jedoch eine Mobilität und Angriffsgeschwindigkeit, welche ohne das Motorrad undenkbar wäre. Den Feuerkampf führt er laut dem Dokument nach dem Absitzen, aus dem kurzen Halt und auch aus der Fahrt heraus. Für letztere Anwendungen sind Montagen am Lenker vorzusehen. Hierdurch sollen feindliche Stellungen in der Flanke oder ganz umfasst angegriffen und das Abwehrfeuer „defokusiert“ und in der Effizienz herabgesetzt werden. Zeitgleich mit dem Angriff muss das Feuer der Unterstützungawaffen an das gestiegene Tempo des Angriffs angepasst werden.

Dass die ukrainische Seite dieser Entwicklung nicht tatenlos zusieht, wird ebenfalls thematisiert. Insbesondere die Gefahren durch mechanische Sperren unterschiedlichster Art sowie durch Minen und Sprengfallen werden hervorgehoben. Durch die idealerweise hohe Fahrgeschwindigkeit sind diese häufig nur im letzten Moment oder überhaupt nicht zu erkennen. Durch die zunehmende Verbreitung von unbemannten Bodensystemen ist damit zu rechnen, dass diese auch gehemmt werden sollen. Diese einfachsten mechanischen Sperren, wie etwa quer gespannte Stahlkabel über einen möglichen Anmarschweg oder gar Krähenfüsse, welche im Vorfeld auch von Drohnen ausgebracht werden können, stellen auch für den Kradschützen eine große Herausforderung dar.

Als weitere, bedeutende Gefahr wird wenig überraschend die FPV-Drohne identifiziert. Den Autoren des Dokumentes zufolge ist ein Motorrad gegenüber einem leichten Geländewagen wegen der geringeren Signatur und kompakten Größe im Vorteil. So sei ein Krad leichter zu verbergen und bei einem Angriff in bebautem oder bewaldetem Gelände die Möglichkeit gegeben, so unterziehen zu können, dass eine Verfolgung durch die FPV-Drohne zumindest erschwert werde. Auch sei das Situationsbewusstsein auf dem Motorrad deutlich besser. Gleichzeitig können Jammer mitgeführt werden, welche für den abgesessenen Einzelschützen eine beträchtliche Last darstellen würden. Dieser Umstand wird zudem dadurch begünstigt, dass FPV-Drohnen eine vergleichsweise „träge“ Wirkmittelkategorie sind. Je nach Abstand zwischen Ziel und Startpunkt der Drohne, können selbst bei vergleichsweise kurzen Einsatzdistanzen von wenigen Kilometern wichtige Minuten zwischen Zielaufklärung und möglicher Bekämpfung vergehen. Zeitabstände in denen das mittels Krad motorisierte Ziel sich bereits außerhalb der Reichweite – Entfernung oder Deckung – bringen kann.

Bewertung

Die Verwendung von Motorrädern, zumeist aus ziviler Fertigung und somit nicht standardisiert und mit unterschiedlichsten Leistungsparametern, scheint auf den ersten Blick eine Verlegenheitslösung zu sein. Sie wirft aber den Blick auf eine Entwicklung voraus, welche bereits in zahlreichen Streitkräften zumindest in Versuchsstadien erprobt wird: Die Steigerung der Mobilität und Lastentragfähigkeit des Einzelschützen.

Durch die hohe Letalität des in der Tiefe gestaffelten Abwehrfeuers ist die Verbesserung der individuellen Mobilität und insbesondere der Geschwindigkeit des Angriffs unumgänglich. Gleichzeitig ist die steigende Belastung durch Wirk-, Kommunikations- und Schutzelemente zu betrachten. Somit könnten querschnittliche, individuelle Transport- und Hilfsmittel wie etwa elektrische Zweiräder, aber auch kraftbetriebene Exoskelette, oder gar eine mögliche, kombinierte Lösung, ein probates Mittel für die Lösung vieler taktischer Problemstellungen sein.

Dabei muss jedoch berücksichtigt werden, dass nicht jeglicher auf dem Gefechtsfeld in der Ukraine zu beobachtende Trend auch eine globale Anwendung finden muss. Neben der spezifischen Art und Weise der Kriegsführung im Ukrainekrieg können hier auch ganz profane Dinge wie die Fähigkeit des Motorradeinsatze in der Breite der Truppe eine Rolle spielen. Während das Motorrad insbesondere in den ländlich geprägten Regionen Russlands ein wesentliches Mittel der individuellen Mobilität darstellt und somit ein großer Teil der männlichen russischen Bevölkerung im Umgang mit dem Krad geschult ist, ist die Lage beispielsweise in Deutschland oder anderen Teilen Europas eine gänzlich andere.

Kristóf Nagy