Bei der Beschaffung von kostengünstigen und in großen Stückzahlen schnell produzierbaren Wirkmitteln mit operativer Bedeutung – One Way Effector 500 Plus (OWE 500+) – geht offenbar auch Deutschland, wie mindestens eine andere Nation zuvor, zweigleisig vor. Neben der Beteiligung an einem internationalen Vorhaben wird hartpunkt vorliegenden Informationen zufolge offenbar auch eine Studie auf nationaler Ebene durchgeführt. Im Rahmen dieser Studie werden dem Vernehmen nach, Systeme von vier Anbietern betrachtet.
Nach bisherigem Informationsstad handelt es sich bei dem Projekt um ein internationales Vorhaben. Mit dem OWE 500+ wollen mehrere europäische Nationen kostengünstige und in großen Stückzahlen schnell produzierbare Wirkmittel beschaffen, die in der Lage sind, eine feindliche Luftverteidigungsarchitektur zu übersättigen und Ziele in mehr als 500 km Tiefe des Raumes präzise zu bekämpfen.
Realisiert werden soll das Vorhaben im Rahmen der europäischen Initiative zur Entwicklung von konventionellen Langstreckenwaffen „European Long Range Strike Approach“ (ELSA). Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Polen und Schweden haben dazu eine gemeinsame Vereinbarung für die Entwicklung solcher Waffen im Februar 2026 unterschrieben, hartpunkt berichtete.
In einem Beitrag des Verteidigungsministeriums vom 13. Februar 2026 heißt es diesbezüglich, dass Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Polen und Schweden ein Abkommen zur Produktion von Drohnen und Loitering Ammunition mit einer Reichweite von 500 Kilometern geschlossen haben. Verteidigungsminister Pistorius wird in dem Beitrag wie folgt zitiert: „Die werden interoperabel sein, das heißt: Wir können gemeinsam warten, beschaffen, üben und weiterentwickeln…Das ist wichtig angesichts der Herausforderungen, die vor uns liegen.“
Vereinbart wurde die Durchführung von Studien die untersuchen sollen, inwieweit eine gemeinsame, kostengünstige Plattform entwickelt werden kann, die in den jeweiligen Nationen schnell und in großen Mengen gefertigt und mit nationalen Nutzlasten bestückt werden kann. So zumindest die öffentliche Darstellung im Februar dieses Jahres. Gut informierten Kreisen zufolge sollen die OWE 500+ in der Lage sein, Nutzlasten von rund 50 kg über eine Distanz von 500 km präzise ins Ziel zu bringen.
Ob die politisch proklamierte Kooperation auch in der Praxis so gelebt wird, ist jedoch fraglich. Denn einige Aspekte deuten darauf hin, dass am Ende vielleicht doch nicht alle aufgezählten Nationen die „gleichen“ Einweg-Wirkmittel-OWE 500+ beschaffen werden, wie ursprünglich angenommen.
Frankreich – dem seit geraumer Zeit nachgesagt wird, dass das Land eher an Produktionsanteilen als an Kooperation interessiert ist – hat bereits im Januar über die französische Rüstungsbeschaffungsbehörde DGA einen Entwicklungs- und Produktionsauftrag an MBDA France für die sogenannte „DELUGE“ vergeben. Seitens MBDA wird DELUGE – früherer Name „One Way Effector“ – als eine kostengünstige Munition für groß angelegte Sättigungs- und Fernangriffe beschrieben. Die Munition verfügt über eine Spannweite von drei Metern und kann eine Nutzlast der 50-kg-Klasse transportieren. Angetrieben von einem Turbostrahltriebwerk erreicht es dem Hersteller zufolge eine Geschwindigkeit von etwa 400 km/h und bietet eine Reichweite von bis zu 500 km. Ergo ein Waffensystem genau jener Klasse das Frankreich im Rahmen von ELSA als OWE 500+ zusammen mit Deutschland, Großbritannien, Italien, Polen und Schweden entwickeln will.
Auch zwischen den übrigen im Vorhaben beteiligten Nationen scheint es dem Vernehmen nach unterschiedliche Vorstellungen zu geben, welche Forderungen tatsächlich maßgeblich für die OWE 500+ sein sollen. Während einige Vertreter den primären Einsatz der Munition im Verbund mit Aufklärungsmitteln – bspw. Satelliten – sehen und den Fokus der Forderung auf eine höhere Marschgeschwindigkeit legen, um aufgeklärte Ziele „schnell“ bekämpfen zu können, gibt es offenbar auch eine andere Ansicht. So ist zu vernehmen, dass es offenbar auch mindestens in einer potenziellen Nutzernation die Forderung gibt, wonach die OWE 500+ über eine „echte“ Loiteringfähigkeit verfügen müssen, so dass die Einwegdrohnen ohne vorherige Aufklärung in Einsatzräume geschickt werden können, um dort dann Ziele aufklären und direkt bekämpfen zu können. Beobachter gehen davon aus, dass solche Systeme jedoch über deutlich mehr „Reichweite“ verfügen müssten, um genug Treibstoff für die „Stehzeit“ im Einsatzraum zu haben. Die benötigte Flugreichweite wäre dem Vernehmen nach mehr als doppelt so hoch wie die eigentlich gedachte Einsatzreichweite der OWE 500+.
Mit dem Sachverhalt vertraute Kreise scheinen sich jedoch einig zu sein, dass beides nicht gleichzeitig realisiert werden kann, wenn daneben noch andere Forderungen wie Größe und geringe Stückpreise erfüllt werden sollen. Eine OWE 500+ mit Verbrennerantrieb wäre theoretisch in der Lage, mehr als 1.000 km weit zu fliegen, jedoch mit einer Marschgeschwindigkeit im Bereich der 200 bis 300 km/h. Die Truppe müsste also zwei bis drei Stunden nach dem Start der OWE 500+ warten, bis 500 km weit entfernte Ziele bekämpft werden könnten. Ein Jetantrieb bietet höhere Marschgeschwindigkeiten im Bereich 400 km/h und mehr, dies jedoch zum Preis der Reichweite bei gleicher Tankgröße. Und selbst mit einem Jetantrieb müsste man rund eine Stunde warten, bis Ziele in 500 km Entfernung bekämpft würden. Eine Stunde Differenz oder 200 bis 300 km/h Tempounterschied mag nach wenig klingen, ist in der Praxis ein riesiger Unterschied, wie man aktuell in der Ukraine beobachten kann. Der Zeitunterschied erlaubt es dem Verteidiger, besser auf den Angriff reagieren zu können, Positionen können geräumt, teilmobile Systeme abgebaut und verlegt werden. Gleichzeitig können Abwehrmaßnahmen aktiviert oder in Position gebracht werden. Der Geschwindigkeitsunterschied hingegen erlaubt die Nutzung anderer Abwehrmaßnahmen, wie man in der Ukraine aktuell gut sehen kann. Die propellerangetriebene Geran-2 kann dort sehr effektiv mit Abfangdrohnen bekämpft werden, gegen die jetangetriebene Geran-4 verlieren viele der Abfangdrohnen signifikant an Effektivität.
Lage in der Bundeswehr
Wie es heißt, scheint das Interesse der Bundeswehr eher an einer schnelleren OWE 500+ zu liegen, als an einer Einwegdrohne mit einer höheren Flugreichweite. Gut informierten Kreisen zufolge wurde das auf Beratung, Analyse und Testdienstleistungen spezialisierte Unternehmen IABG von der Bundeswehr mit einer Studie bezüglich einer OWE 500+ für die deutschen Streitkräfte beauftragt. Wie es heißt, sollen im Rahmen der Studie mögliche OWE-500+-Lösungen von vier Anbietern genauer untersucht werden. Dem Vernehmen nach, handelt es sich dabei um Destinus, Diehl Defence, Helsing und MBDA Deutschland. Offenbar ist vorgesehen, dass die in Betrachtung kommenden Wirkmittel bereits im Herbst dieses Jahres die Flugfähigkeit nachweisen müssen. Wie es heißt, sind mehrere Designs mit Jetantrieb im Rennen. Beobachter halten es für nicht ausgeschlossen, dass dann bereits kurze Zeit später Lieferverträge für eine geringe Stückzahl OWE 500+ an mehrere Unternehmen vergeben werden könnten. Analog wie es bei der Einführung der Loitering Munition Mittlerer Reichweite gemacht wurde. In einem Folgeschritt könnten dann wiederum größere Rahmenverträge vergeben werden, jedoch nur an jene Systeme, die sich dann auch bei den bundeswehrinternen Tests bewähren konnten.
Mit dem Sachverhalt vertraute Kreise gehen davon aus, dass vdie Streitkräfte bei Massenproduktion Systempreise von rund 100.000 Euro anvisieren. Dadurch soll es der Bundeswehr möglich sein, auch über eine längere Zeit hinweg mehr als 100 solcher Wirkmittel pro Tag verschießen und im Bedarfsfall nachbeschaffen zu können. Beobachter halten dies für durchaus realistisch. Mögliche Produktionsengpässe könnte es höchsten bei der Produktion von Nutzlasten geben, wenn spezifische Gefechtsköpfe benötigt werden sollten. Es wird offenbar auch die Idee verfolgt, wonach die Systeme bei Bedarf Artilleriegranaten ins Ziel bringen könnten. Die Wirkung solcher Granaten wäre dann vielleicht nicht ideal im Vergleich zu einem optimierten Gefechtskopf der 50kg-Klasse, dafür sind die Granaten in großen Stückzahlen verfügbar und nachproduzierbar.
Um die Waffen nicht nur in großen Stückzahlen produzieren, sondern auch einsetzen zu können, sollen die Systeme zudem intelligent genug sein, um die vorgegebenen Ziele ohne manuelle Steuerung anfliegen zu können. Ein Bediener soll eine zweistellige Anzahl an Wirkmitteln einsetzen können, wie es heißt.
Das BMVg wollte sich nicht zu den im Zusammenhang mit OWE 500+ gestellten Fragen von hartpunkt äußern und begründete dies mit der Wahrung von Sicherheitsinteressen.
Mit welchen Systemen die vermeintlichen vier Anbieter ins Rennen um den möglichen OWE 500+Auftrag der Bundeswehr gehen ist aktuell nicht bekannt. Bei MBDA Deutschland bestünde unter Umständen die Option, die gleiche Lösung wie in Frankreich anzubieten. Die aktuell in Entwicklung befindliche Joint Fire Support-Missile von MBDA Deutschland dürfte zwar die Reichweitenanforderungen erfüllen, stellt aber kein kostengünstiges Einweg-Wirkmittel dar. Der Stückpreis dürfte deutlich oberhalb der angepeilten 100.000 Euro liegen. Diehl Defence und Helsing haben bis dato öffentlich kein Waffensystem vorgestellt, was der beschriebenen Leistungskategorie entsprechen würde, Destinus hingegen schon. Im Rahmen der Eurosatory 2026 wurde vor wenige Wochen den Mini-Marschflugkörper Kryla vorgestellt, der 50 kg Nutzlast tragen kann und eine Reichweite von mehr als 800 km aufweisen soll.

„Kryla wurde für groß angelegte Angriffsszenarien entwickelt und ermöglicht dezentrale Sättigungsangriffe, mit denen Luftverteidigungssysteme in umkämpften Gebieten durch koordinierte Angriffe aus mehreren Richtungen und die zeitliche Synchronisation der Treffer überlastet werden können“, beschreibt Destinus das Waffensystem auf seiner Webseite. Der Flugkörper ist so konstruiert, dass bis zu 12 Kryla in einem 20-Fuß-Container mitgeführt und aus diesem verschossen werden können. Alternativ können die Flugkörper laut Hersteller auch palettiert aus einem Luftfahrzeug abgeworfen und in der Luft gestartet werden, was die Vielseitigkeit der Einsatzmöglichkeiten enorm steigert.
Fazit
Als primäres Waffensystem der Korpsebene für Angriffe in die Tiefe kommt dem OWE 500+ eine wichtige Bedeutung bei der Gefechtsführung auf operativer Ebene zu. Die aktuellen Gefechtshandlungen in der Ukraine und im Iran haben gezeigt, dass die Fähigkeit, größere Angriffswellen über einen längeren Zeitraum in die Tiefe des feindlichen Raumes aufrechterhalten zu können, von kritischer Bedeutung für die Operationsführung ist. Kostengünstige Wirkmittel wie die OWE 500+ scheinen da eine vielversprechende Lösung zu sein.
In dieser Hinsicht wäre die zügige Beschaffung und Einführung solcher Waffen in größeren Mengen von hoher Bedeutung für die Abschreckungsfähig- und Kriegstüchtigkeit der Bundeswehr. Angesichts der Tatsache, dass internationale Vorhaben all zu oft nicht die erhofften Resultate bringen, erscheint der zweigleisige Ansatz als besonders vielversprechend. Unter Umständen gibt es ja sogar die Möglichkeit, die beiden Entwicklungsstränge zu einem späteren Zeitpunkt zusammenzuführen.
Waldemar Geiger


















