Die Unternehmen der Schwarz Gruppe bilden zusammen die größte Handelsgruppe Europas und sind vor allem bekannt durch die Lebensmitteleinzelhändler Lidl und Kaufland. Für rund 14.500 Filialen in Europa, hunderte Logistikzentren, Produktionsstandorte und weitere kritische Infrastrukturen betreibt Schwarz Digits eine hochkomplexe, resiliente IT-Landschaft. Aus dem Bedarf der Handelsunternehmen heraus hat sich die eigene IT- und Digitalsparte Schwarz Digits entwickelt, deren digitale Produkte und Services KRITIS-Anforderungen sowie weiterer essentieller Regulatorik, wie etwa den deutschen Datenschutzstandards entsprechen und Drittkunden angeboten werden.
Vor rund einem Jahr hat Schwarz Digits überdies begonnen, das Thema Sicherheit und Verteidigung zu bearbeiten. Die dafür gegründete Schwarz Digits Defence GmbH & Co. KG bündelt als eigenständige Gesellschaft innerhalb von Schwarz Digits Aktivitäten für den Sektor der inneren und äußeren Sicherheit. Die Cloud- und Kommunikationslösungen sind laut Angaben des Unternehmens so konzipiert, dass sie die strengen Vorgaben des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik erfüllen.
Stephan Hempel, Geschäftsführer der Schwarz Digits Defence, beschreibt die Rolle seines Unternehmens im Verteidigungssektor mit einer Analogie aus dem Hausbau: Es gehe darum, das Fundament zu legen, sagt er im Interview mit hartpunkt. „Was wir tun, ist unseren Partnern eine Plattform zu bieten, auf der sie beispielsweise Sensorfusion und KI durchgängig betreiben können: von der zentralen hochsicheren Cloud, über verlegefähige Führungs- und Gefechtsstände bis hin zum mobilen taktischen Edge.“
Im Zentrum der Strategie steht seinen Worten zufolge die hausinterne, einheitliche Cloud-Plattform STACKIT, die über alle Ebenen hinweg funktioniert. „Das, was für uns Cloud ausmacht, ist, dass es eine Plattform ist, die funktioniert – vom großen Rechenzentrum über Logistik und Produktion bis hin zur Filiale“, sagt Hempel. Ein Unterschied zu klassischen Cloud-Ansätzen liege in der konsequenten Durchgängigkeit. Während viele Architekturen im Rechenzentrum enden, werde bei Schwarz Digits die gleiche Plattform auch in stark eingeschränkten Umgebungen eingesetzt.
„Sie können eine Applikation im großen Rechenzentrum einsetzen, im Gefechtsstand oder in der Edge – und Sie müssen nichts neu bauen, weil die Plattform durchgängig ist“, erklärt der Manager. Diese Vereinheitlichung reduziert Komplexität und erhöht gleichzeitig Skalierbarkeit. „Die Stärke der Cloud ist, dass ich hochflexible Software bereitstellen kann, ohne jedes Mal eine neue Umgebung zu entwickeln.“
Ein zentrales Element dieser Architektur ist die sogenannte Edge – also Rechenleistung direkt am Ort des Geschehens. Für die militärische Anwendung geschieht dies etwa an der Frontlinie. „Die Edge kann entweder das Fahrzeug oder ein vorgeschobener Posten sein“, erläutert Hempel. Die dafür erforderliche Hardware könne von einem Fahrzeug aufgenommen oder auch von einem Infanteristen getragen werden. Diese Systeme müssen unter Bedingungen funktionieren, die weit von klassischen Rechenzentren entfernt sind: instabile Konnektivität, Störungen, physische Belastung.
„Wenn Sie im Contested Environment sind, haben Sie teilweise gar keine Funkverbindung mehr. Das ist eine tote Zone“, sagt Hempel und verweist auf den mehrere Dutzend Kilometer breiten Gefechtsstreifen mit derartigen Bedingungen in der Ukraine. Daraus ergibt sich eine zentrale Anforderung: vollständige Autonomie oder „Air-Gap-Fähigkeit“. Diese Fähigkeit bedeutet, dass das System auch ohne Verbindung zum Rechenzentrum oder Internet weiterarbeitet – Tage oder Wochen lang.
Die technologische Grundlage dieser Architektur stammt aus dem operativen Umfeld der Unternehmen der Schwarz Gruppe selbst. Die Unternehmensgruppe betreibt nicht nur eine enorme Zahl an Filialen, sondern auch eine umfangreiche Logistik- und Produktionslandschaft. „Das kann ich nicht mehr mit klassischer IT bedienen“, sagt Hempel, der seit 2006 bei Unternehmen der Schwarz Gruppe arbeitet. „Das funktioniert nur über hochgradige Automatisierung.“ Zumal der Effizienzgedanke im Discountgeschäft eine besonders leistungsfähige und robuste IT-Infrastruktur erfordert. „Und wir brauchen eine sehr hohe Zuverlässigkeit. Denn bei einem Unternehmen, bei dem jeden Tag Millionen Menschen einkaufen, braucht es IT, auf die jederzeit Verlass ist”, sagt Hempel. Die Systeme müssen demnach extrem stabil sein, gleichzeitig aber nur wenig Personal erfordern. „Wir betreiben sehr große Umgebungen mit sehr kleinen Teams, obwohl sie 24/7 laufen müssen.“
Ein Beispiel aus dem Alltag zeigt die Anforderungen: „Wenn zum Beispiel ein Bagger ein Kabel kappt oder, wie unlängst in der Hauptstadt passiert, ein Stromausfall eintritt, muss die Filiale weiterarbeiten können. Sie kann dann noch verkaufen, kassieren, Kartenzahlung akzeptieren.“ Es gebe dabei keine zeitliche Begrenzung. Allerdings würden die Updates der Filial-IT nach dem Netzwiederanschluss natürlich länger dauern.
Technologisch basiert das Modell auf modernen Cloud-Prinzipien. „Cloud bedeutet für mich Container, Automatisierung und die Fähigkeit, Workloads dynamisch zu skalieren“, erläutert Hempel das Konzept. Das System könne Ressourcen in Sekunden hoch- oder herunterfahren, abhängig von der Last. „Je nachdem, was ich brauche, kommen mehr Container dazu oder werden wieder entfernt – innerhalb von Sekunden.“ Ein weiterer zentraler Baustein ist die Updatefähigkeit über große Distanzen hinweg: „Früher sind Sie mit USB-Sticks zu jedem System gegangen – heute updaten Sie hunderttausende Geräte over the air.“
Sehr wichtig ist überdies die Konnektivität. Dabei spielt 5G eine zentrale Rolle bei der Automatisierung industrieller Prozesse, denn 5G gilt als schneller und verlässlicher als WLAN. Industriepartner für Schwarz Digits ist bei dieser Entwicklung Siemens. Das Unternehmen liefert dafür die Infrastrukturkomponenten wie etwa die 5G-Antennen und -Router für Campus-Netze.

„Das haben wir zuerst in unseren Werken eingesetzt, um Logistiksysteme zu automatisieren“, erklärt Hempel die Genese dieses Ansatzes. Ein entscheidender Vorteil sei die geringe Latenz. Ein Notstopp von Maschinen müsse aufgrund von Vorschriften der Berufsgenossenschaften innerhalb von 50 Millisekunden funktionieren. „Das kriegen Sie mit WLAN, Funk oder LTE nicht hin.“
Nach Aussage des Managers kann ein lokales 5G-Netz für einen Brigadegefechtsstand, aber auch für eine Panzer- oder UGV-Werkstatt im rückwärtigen Raum eingesetzt werden. Für die Bestellungen der erforderlichen Ersatzteile und das Logistik-Management sind hohe Rechenkapazitäten erforderlich, ebenso wie für die virtuellen Brillen der Mechaniker, über die sie angeleitet werden. Diese Technik werde immer wichtiger, wenn kein umfassend ausgebildetes Fachpersonal zur Verfügung stehe, wie das Beispiel Ukraine belege, sagt Hempel.
Anspruchsvolles Umfeld auch in der KRITIS-Industrie
Schwarz Digits verfügt über langjährige Erfahrung, wenn es darum geht, in komplexen Umgebungsbedingungen von Produktionsstätten stabile IT zu betreiben, etwa in Bäckereien: Die IT-Systeme müssen in dieser Umgebung zuverlässig funktionieren, während sie Vibrationen, erheblichen Temperatursprüngen und kontinuierlichem Betrieb ausgesetzt sind. Gerade diese Kombination aus Extremen mache den Standort zu einem praxisnahen Testfeld für hochresiliente IT-Systeme, wie sie später auch in anderen kritischen Umgebungen eingesetzt werden können, betont Hempel.

Ein zentraler Unterschied zwischen industriellen Umgebungen und militärisch geprägten Szenarien ist für Stephan Hempel die gezielte Störung durch Dritte. Im Defence-Kontext wird genau diese „aktive Gegenwirkung“ zur Normalität – Systeme müssen also nicht nur robust sein, sondern auch unter bewusster elektronischer Störung, Ausfall von Funkverbindungen oder bei Angriffen weiter funktionieren.
Um für solche Anforderungen Lösungen zu bieten, arbeitet Schwarz Digits unter anderem mit dem Integrations- und Engineering-Spezialisten steep zusammen. steep übernimmt dabei insbesondere Aufgaben im Bereich geschützter Infrastruktur, Systemintegration und physischer Härtung von IT-Systemen. So haben beide Unternehmen das Konzept eines mobilen Rechenzentrums in 20-Fuß-Containern inklusive Arbeitsplätzen entwickelt. Den erforderlichen Schutz gegen Beschuss und die Abstrahlsicherheit stellt dabei steep mit deren Technologien und Erfahrungen sicher. Darüber hinaus bringt steep operative Erfahrung aus militärischen Einsätzen ein.
Hempel beschreibt diese Aufgabenteilung als bewusst komplementär: Schwarz Digits fokussiere sich auf den Innenausbau, damit für die eigene Software die passende Hardware verbaut werde, die dann auch resilient sei, während Partner wie steep die physische Umgebung, Schutzanforderungen und Einsatzintegration abdecken. Flankiert wird diese Hardware-Komponente auf der Cybersicherheits-Ebene durch strategische Allianzen mit führenden Krypto- und Sicherheitsunternehmen wie Secunet, Seclous und Infodas. Auf der reinen Software-Ebene wiederum öffnet Schwarz Digits seine Plattform für eine Vielzahl komplementärer Anwendungen von Drittanbietern – mit einem stark wachsenden Fokus auf KI-gestützte Lösungen.
Vervollständigt wird dieser Plattformansatz bei Großprojekten durch Kooperationen mit etablierten Beratungen und Integratoren wie der IABG, Accenture, Deloitte und Strategy&. Hempel beschreibt diesen partnerschaftlichen Gesamtprojektansatz als ein dynamisches Ökosystem.
Ein weiterer wichtiger Partner ist das Unternehmen Hensoldt, das im Bereich Sensorik, Aufklärung und Lagebilder zu den führenden europäischen Anbietern zählt. Der Sensorspezialist ist auf die Erzeugung und Verarbeitung komplexer Sensordaten spezialisiert, die in Zukunft in übergeordnete digitale Lagebilder einfließen sollen. „Hensoldt entwickelt MDO Core konsequent weiter, wird damit die ganze Systemwelt der Sensoren zusammenbringen und daraus ein Lagebild erzeugen“, beschreibt Hempel den Ansatz. Während Hensoldt die sensorische Wahrnehmung und Datenbasis liefere, stelle Schwarz Digits die Plattform für die Nutzung dieser Daten in skalierbaren Cloud- und Edge-Systemen.
Im Zentrum steht dabei das Konzept der Sensorfusion im Rahmen von „Multi-Domain Operations“: Daten aus unterschiedlichen Quellen sollen in einem durchgängigen digitalen System zusammengeführt, verarbeitet und für Entscheidungsprozesse nutzbar gemacht werden. Die Plattform von Schwarz Digits soll dabei als Rückgrat fungieren, um diese Datenströme zwischen Rechenzentrum, Gefechtsstand und Edge-Einheiten zu verknüpfen.
Die Schwarz Digits Defence GmbH ist noch ein junger Bereich von Schwarz Digits. „Wir sind vor etwa einem Jahr gestartet“, sagt Hempel. „Heute arbeiten rund 100 Leute an der Distributed Cloud und unseren Kernprodukten.“ Darüber hinaus kann sich seine Einheit auf Tausende Programmierer des Unternehmens stützen sowie Unternehmens-Dienstleistungen. Die Hardware selbst werde bewusst nicht selbst entwickelt. „Wir kaufen Military-Grade Hardware zu – unsere Stärke liegt in der Software- und Plattformschicht sowie in der Betriebsexpertise.“
Im Kontext europäischer Digital- und Technologiesouveränität plädiert Hempel für einen pragmatischen Ansatz. Vollständige Autarkie sei weder realistisch noch unbedingt notwendig. „Souveränität heißt nicht, alles selbst zu machen“, sagt er. Es gehe darum, die Kontrolle über Daten und Technologien zu behalten und unter allen Umständen handlungsfähig zu sein.
Hempel beschreibt die vergangenen Jahrzehnte als eine Phase, in der Europa und Deutschland die Entwicklung digitaler Infrastruktur und IT-Industrie nur unzureichend strategisch begleitet haben. „Wir haben in Europa 25 Jahre Technologie- und Industriepolitik verschlafen“, gibt er zu bedenken. Dies sei nicht in zwei, drei oder fünf Jahren aufzuholen.
Während in den USA große staatliche Aufträge – etwa aus dem Verteidigungsbereich – zur Skalierung von Tech-Unternehmen beigetragen hätten, bestehen in Europa heute Abhängigkeiten von den USA bei Cloud- und Infrastrukturtechnologien. Statt vieler einzelner kompletter Eigenentwicklungen plädiert Hempel daher für einen pragmatischen Ansatz: kritische Bereiche identifizieren, dort gezielt industrielle Fähigkeiten ausbauen und gleichzeitig mit Partnern arbeiten.
In diesem Zusammenhang äußert er auch Kritik an den industriepolitischen Ambitionen in Deutschland und Europa: „Wenn wir in Richtung USA oder China schauen, muss Souveränität strategisch gedacht werden. Eigenentwicklungen einzelner staatlicher Akteure und nationale Alleingänge bringen keine internationalen Champions hervor, sondern sie verkleinern den Markt für Industrieunternehmen“, sagt er. „Wir brauchen den Staat als Ankerkunden, um Lösungen gemeinsam durch Industrieunternehmen zu entwickeln und dabei die Bedarfe der Streitkräfte und der zivilen Sektoren gleichermaßen zu decken. So entwickeln sich Anbieter und Technologien, die auf Augenhöhe mit den globalen Playern agieren und unsere Souveränität und Unabhängigkeit in Deutschland und Europa dauerhaft sichern können.“
Lars Hoffmann















