Ground Combat Element 2040: Wie das U.S. Marine Corps den Bodenkrieg der Zukunft denkt

Kristóf Nagy

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Mit „Ground Combat Element 2040“ hat das U.S. Marine Corps im Juli 2026 eine aktualisierte Perspektive auf die künftige Entwicklung seiner Landkomponente vorgelegt. Das Dokument beschreibt nicht nur, welche Technologien die Marines bis 2040 nutzen wollen, sondern versucht, daraus ein umfassendes Konzept für den Einsatz von Bodentruppen in einem zunehmend transparenten, vernetzten und umkämpften Gefechtsraum abzuleiten. Im Mittelpunkt stehen dabei künstliche Intelligenz (KI), autonome Systeme, weitreichende Wirkmittel und verteilte Führungs- und Aufklärungsstrukturen. All diese Beobachtungen sind allerdings ausdrücklich unter der Prämisse zu verstehen, dass der einzelne Marine auch auf dem Gefechtsfeld von 2040 der entscheidende Faktor bleiben soll.

Die Veröffentlichung ist die Fortschreibung des bereits im Jahr 2025 vorgelegten GCE-2040-Konzepts. Die aktuelle Ausgabe soll die bisherigen Vorstellungen auf Grundlage neuer Bedrohungen und technologischer Entwicklungen präzisieren und zugleich als Grundlage für die weitere Priorisierung von Investitionen dienen. Das Dokument versteht sich damit weniger als konkrete Organisationsweisung, sondern als langfristiger Rahmen für die Kräfteplanung, Fähigkeitsentwicklung und die entsprechende Programmplanung.

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Bemerkenswert ist zunächst die Konsequenz, mit der das Marine Corps die Veränderungen des Gefechtsfeldes beschreibt. Allgegenwärtige Sensoren, künstliche Intelligenz, kostengünstige und teilweise entbehrliche Drohnen, weitreichende Präzisionswaffen sowie ein umkämpftes elektromagnetisches Spektrum erhöhen nach Einschätzung der Autoren gleichzeitig Transparenz und Letalität. Damit schrumpfen die Zeitfenster für Bewegung, während konzentrierte Kräfte einem immer größeren Entdeckungs- und Wirkungsrisiko ausgesetzt sind. Technologie schafft somit nicht nur neue Fähigkeiten, sondern auch neue Verwundbarkeiten.

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Genau daraus leitet das Marine Corps einen soldatenzentrischen Grundsatz ab. Technologie soll den einzelnen Marine befähigen, ihn aber nicht ersetzen. Ausbildung, Erziehung und das soldatische Ethos sollen sicherstellen, dass Marines auch dann kampffähig bleiben, wenn technische Systeme ausfallen oder vom Gegner gestört werden. Gerade dieser Aspekt dürfte für die Betrachtung des Dokuments besonders interessant sein. Das Marine Corps geht ausdrücklich davon aus, dass ein künftiger Gegner technologische Überlegenheit nicht einfach hinnehmen wird. Elektronische Kampfführung, Cyberangriffe, die Zerstörung von Sensoren und Führungssystemen oder Störungen der Versorgung können die Vorteile einer hochvernetzten Streitkraft unmittelbar reduzieren. Das künftige Ground Combat Element (GCE) 2040 soll deshalb nicht nur leistungsfähiger, sondern vor allem resilienter werden.

Das künftige GCE soll dennoch eine modulare, aufgabenorientierte und multidomain-fähige Formation sein, die verteilte Operationen, hohe Wirkung, Informationsüberlegenheit und resiliente Führung miteinander verbindet. Die Kombination aus KI-gestützter Entscheidungsfindung und Mensch-Maschine-Teaming soll dabei einen Entscheidungsvorteil schaffen. Die Autoren sprechen in diesem Zusammenhang von „decision and lethality dominance“.

Die Konsequenz ist ein Konzept, das stark auf Dislozierung und verringerte Signatur setzt. Das Marine Corps will Kräfte künftig so einsetzen, dass sie für den Gegner schwer aufzuklären und noch schwerer zu bekämpfen sind. Der im Dokument verwendete Ansatz „Hard to Find – Hard to Kill“ verbindet dazu Mobilität, Täuschung, Tarnung und Signaturmanagement. Gleichzeitig soll die Fähigkeit erhalten bleiben, aus der verteilten Struktur heraus Wirkung über mehrere Domänen zu koordinieren.

Ein wesentlicher Baustein ist dabei die zunehmende Integration unbemannter und autonomer Systeme. Das GCE 2040 sieht vor, dass Roboter und autonome Systeme Marines insbesondere bei besonders gefährlichen Aufgaben ersetzen oder ergänzen können. Damit soll bewusst Hardware statt Soldaten einem Teil des Risikos ausgesetzt werden. Zugleich sollen autonome Systeme zusätzliche Masse für Aufklärung, Wirkung und Bewegung bereitstellen. Interessant ist, dass das Konzept diesen Gedanken ausdrücklich über einzelne Plattformen hinausführt. Mit zunehmender Reife autonomer Systeme könne das als „autonomous mass“ (unbemannte Masse) bezeichnete Phänomen zunehmend „menschliche Masse“ ersetzen und damit das Risiko des ersten Kontakts innerhalb der gegnerischen Wirkzone reduzieren. Das Marine Corps stellt sich deshalb eine Bandbreite von robotergestützten bis hin zu vollständig autonomen Einheiten vor.

Beim Blick auf die konkret geforderten Fähigkeiten zeigt sich, wie umfassend dieser Ansatz gedacht ist. Zu den zehn sogenannten Concept Required Capabilities gehören neben Gliederung der Kräfte, multidimensionaler Wirkung und taktischer beziehungsweise amphibischer Mobilität unter anderem das dimensionsübergreifende Führungsprinzip Combined Joint All-Domain Command and Control (CJADC2), welches die Integration von Logistik in umkämpften Räumen, bodengebundene Flugabwehr, Robotik und Autonomie, verteilte Datenverarbeitung, elektromagnetische, Cyber- und Weltraumresilienz sowie Täuschung und Signaturmanagement beinhaltet.

Damit wird zugleich deutlich, dass das Dokument die Lehren aus dem gegenwärtigen Drohnen- und Sensorzeitalter aufnimmt. Besonders die Bedrohung durch unbemannte Systeme wird als wesentliches Risiko für Landsysteme beschrieben. Bis zur Mitte der 2030er Jahre sollen deshalb unter anderem organische Drohnenabwehrfähigkeiten bis hinunter auf die Ebene des Zuges beziehungsweise der Gruppe bzw. des Fahrzeugs verfügbar sein. Parallel soll die Integration von Aufklärung, Führung und Wirkung über verteilte Netzwerke weiter vorangetrieben werden.

Für die zweite Hälfte des Planungszeitraums wird das Bild noch ambitionierter. Zwischen 2036 und 2040 sollen KI-gestützte Systeme am taktischen Rand, resilientere CJADC2-Strukturen und Human-Machine Teaming den Ablauf von Aufklärung, Entscheidung und Wirkung beschleunigen. Roboter und autonome Systeme sollen dabei nicht mehr nur unterstützende Funktionen übernehmen, sondern in bestimmten Fällen auch Teile von Manöverelementen ersetzen. Gleichzeitig soll die Zahl der tatsächlich auf dem Gefechtsfeld eingesetzten Soldaten durch die höhere Kampfkraft verteilter Verbände reduziert werden.

Trotz aller technologischen Ambitionen bleibt das klassische Aufgabenprofil von Bodentruppen dabei erhalten. Das Marine Corps betont ausdrücklich, dass es weiterhin darum geht, Gelände zu nehmen, zu halten und zu verteidigen. Die besondere Ausrichtung liegt dabei auf dem küstennahen Raum. Die Marines sehen ihre Bodentruppen als Bestandteil der Naval Expeditionary Forces und wollen mit ihnen insbesondere die Kontrolle über strategisch relevantes maritimes Gelände unterstützen.

Das GCE 2040 ist damit kein konkreter Blick in das Jahr 2040, sondern vielmehr ein Planungsrahmen dafür, welche Fähigkeiten das Marine Corps bereits heute entwickeln und priorisieren will. Das GCE 2040 versucht zudem, wie bereits erläutert, einen schwierigen Spagat: Marines sollen technologisch deutlich leistungsfähiger werden, gleichzeitig aber ihre Fähigkeit zum Kampf ohne diese Technologie bewahren. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass, je stärker die künftige Abhängigkeit von KI, Sensoren und Netzwerken wird, die Bedeutung der Fähigkeit des einzelnen Marines, auch ohne sie weiterkämpfen zu können, mit ansteigt.

Das in englischer Sprache veröffentlichte Dokument kann auf der Website des U.S. Marine Corps kostenlos abgerufen werden: Ground Combat Element 2040 – FY2026

Kristóf Nagy