Mit dem Aufklärungs- und Wirkverbund (AWV) führt das Deutsche Heer erstmals eine Fähigkeit ein, mit denen KI-gestützte Drohnenverbünde in komplexen Szenarien eingesetzt werden können. Als erster Großverband des Heeres wird die in Litauen stationierte Panzerbrigade über eine Einheit verfügen, die den AWV einsetzen soll. Mit dieser Fähigkeit soll es der Brigade möglich sein, Ziele in ihrem Verantwortungsbereich unbemannt aufkzulären und zu bekämpfen.
Mit dem AWV – die vollständige Bezeichnung lautet Aufklärungs- und Wirkverbund unbemannte Systeme – führt das Heer dabei eine Fähigkeit ein, bei der Aufklärungs-, Wirk- und Führungselemente in ein und derselben Einheit vereint sind; konkret geht es dabei um eine Artilleriebatterie. Zukünftig soll jede Brigade über eine solche Batterie verfügen, parallel werden ähnliche Fähigkeiten auf den weiteren taktischen Ebenen unterhalb und oberhalb der Brigade ausgerollt.
Kernbestandteil des AWV in der aktuellen Ausbaustufe ist die KI-unterstützte Führungssoftware „Command & Control Unmanned Management System Bundeswehr“ (C2-UMS Bw), die ein Unternehmen im Auftrag der Bundeswehr programmiert hat. Deren Quellcode sowie die Rechte daran liegen bei den deutschen Streitkräften. C2-UMS Bw dient sowohl zur Steuerung von Aufklärungsdrohnen als auch der Loitering-Munition-Systeme, mit denen die aufgeklärten Ziele letztendlich bekämpft werden sollen. Wichtig in diesem Zusammenhang ist die Definition des Begriffs „Steuerung“. Damit ist nicht die Übertragung von Flugbefehlen gemeint, die ein Pilot über seinen Joystick an das Flugzeug überträgt, sondern vielmehr die Übermittlung von Aufträgen, die die Drohnen und Loitering-Munition-Systeme (LMS) im Anschluss automatisiert abarbeiten. Ein Beispiel dafür wäre der Auftrag an eine Drohne, in ein vorbestimmtes Gebiet zu fliegen und dort die an Bord befindlichen Sensorik auf bestimmte Punkte zu richten oder der Auftrag an die LMS, in einen bestimmten Raum zu fliegen und dort zuvor aufgeklärte Ziele zu bekämpfen. Diese Art der „Auftragstaktik“ erlaubt es einem menschlichen „Bediener“, mehrere Systeme gleichzeitig einzusetzen und zu führen. Der hohe Automatisierungsgrad sowie die „einfach“ gehaltene Bedieneroberfläche erlauben es, dass die Bedienerausbildung in weniger als einer Woche durchgeführt werden kann. Aus den veröffentlichten Bildern der Bundeswehr geht zudem hervor, dass die Bedienung der Systeme offenbar durch Feldwebeldienstgrade erfolgen soll.
Auf der Seite der Hardware wird der AWV produkttechnisch aktuell durch das Aufklärungssystem FALKE (ferngeführtes Aufklärungssystem, luftgestützt, kurze Entfernung) – dabei handelt es sich um die senkrecht startende und landende Aufklärungsdrohne vom Typ Vector des deutschen Drohnenbauers Quantum Systems – sowie die Loitering-Munition-Systeme vom Typ HX-2 (Helsing) und Virtus (STARK) abgebildet. In Kürze wird mit der FV-014 von Rheinmetall ein drittes LMS zur Verfügung stehen. Der Beschaffungsvertrag wurde hier erst vor wenigen Tagen unterschrieben. Generell sieht das AWV-Konzept des Heeres vor, dass alle zur Verfügung stehenden Drohnen, sowohl die für Aufklärung als auch die für Wirkung, als Bestandteil des AWV eingebunden werden können. Die einzige Voraussetzung ist, dass die Systeme eingeführt und der Einheit zugeteilt worden sind. Die stetige Implementierung neuer Fähigkeiten (beispielsweise Ausbau der Schwarmfähigkeit) bzw. das ausrollen neuer Softwarestände soll zudem dazu dienen, dass die „Leistungsfähigkeit“ des Aufklärungs- und Wirkverbundes sukzessive gesteigert bzw. weiterentwickelt werden kann.
Die Konzentration aller für die Zielbekämpfung notwendigen Fähigkeiten in einer Einheit (Batterie) ist bewusst gewählt, um den Aufklärungs- und Bekämpfungszyklus so kurz und hochdynamisch wie möglich zu halten. Gleichwohl soll der Aufklärungs- und Wirkverbund nicht als „Silo“ auf dem Gefechtsfeld operieren und im Bedarfsfall Ziele bekämpfen, die durch andere Kräfte und Mittel aufgeklärt wurden bzw. auch Mittel der sogenannten Streitkräftegemeinsamen Taktischen Feuerunterstützung (bspw. Rohr- und Raketenartillerie) einsetzen, um durch den AWV aufgeklärte Ziele zu bekämpfen.
Aktuell befindet sich der Aufklärungs- und Wirkverbund in der Testphase, die dem Vernehmen nach bis Ende des Jahres abgeschlossen werden und ab 2027 der Panzerbrigade 45 zur Verfügung stehen soll. Den Angaben der Bundeswehr zufolge fand Anfang Dezember 2025 die erste Testreihe statt, bei der der AWV in vergleichsweise einfachen Szenarien erprobt wurde. Dem Vernehmen nach sollten damals einzelne Ziele aufgeklärt und dann zielgenau bekämpft werden. Mitte April 26 wurde eine zweite Testreihe mit komplexeren Szenarien durchgeführt. Einer gestern veröffentlichten Mitteilung der Bundeswehr zufolge wirkte der AWV in dieser Testreihe „in realitätsnahen Szenarien erfolgreich gegen statische und dynamische Ziele. Parallel wurden Einsatzgrundsätze und taktische Verfahren der neuen Drohnenkräfte der Bundeswehr erprobt. Dies ist ein weiterer wichtiger Schritt zur zeitgerechten Verstärkung der Panzerbrigade 45 mit Drohnenkräften“. Die getesteten Szenare sahen dem Vernehmen nach vor, dass mehrere Ziele gleichzeitig aufgeklärt und orchestriert bekämpft werden mussten.
Waldemar Geiger


















