Die zukünftigen Luftverteidigungsfregatten der Klasse 127 der Deutschen Marine sollen nicht nur zur Verbandsflugabwehr, sondern auch zur noch anspruchsvolleren Ballistic Missile Defence (BMD) befähigt werden. Zu diesem Zweck werden sie nach bisheriger Planung mit Aegis, dem wohl modernsten westlichen Führungs- und Waffeneinsatzsystem für BMD, samt Sensoren und Effektoren aus US-Fertigung ausgestattet. Dabei lehnt sich die Bundeswehr bei der Konfiguration eng an das „Program of Record“ für Aegis der U.S. Navy an. So wurde etwa das Radar SPY-6 statt der Alternative SPY-7 ausgewählt. Nur so lasse sich „kurzfristig“ die bestehende Fähigkeitslücke schließen, weil keine leistungsfähige europäische Alternative zur Verfügung stehe, wird die Entscheidung begründet. Wobei das erste Schiff um die Mitte der kommenden Dekade zulaufen soll.
Die Übernahme der US-Standards und die BMD-Fähigkeit wirken sich auch auf die baulichen Anforderungen aus und sollen zu Kosten von mehreren Milliarden Euro pro Schiff führen. Das wird von einigen Politikern als zu teuer kritisiert. Das Projekt scheint deshalb im Augenblick auf dem Prüfstand zu stehen.
Bei aller Kritik an den Kosten – wobei ein Schiff in Kreuzergröße mit den geforderten Fähigkeiten nun mal kein Schnäppchen ist – wird leicht übersehen, dass die umfassende Fokussierung auf die beschriebene US-Kauflösung eine Reihe von Nachteilen mit sich bringt, die politisch ebenso schwer zu vermitteln sein dürften.
So führt der Kauf der von der US-Marine ausgewählten und verwendeten Technologie dazu, dass eine hohe und womöglich jahrzehntelange Abhängigkeit von den Entscheidungen jenseits des Atlantiks eingegangen wird. Denn im Zweifelsfall bestimmt die Navy, wie es mit dem Programm weitergeht, welche Veränderungen an den Systemen vorgenommen werden und welche Waffen zu integrieren sind.
Eine Entscheidung für eine reine US-Konfiguration fällt in eine Zeit, in der sich die USA als politisch und wirtschaftlich deutlich unberechenbarer präsentieren als in den vergangenen Jahrzehnten. Als Beispiel mag hier die Schweizer Bestellung von Luftverteidigungssystemen des Typs Patriot dienen. Nachdem bereits die Administration unter Präsident Joe Biden eine Umpriorisierung der bestellten Lenkflugkörper PAC-3 angeordnet hatte, verschob die Trump-Regierung im vergangenen Jahr kurzerhand die Lieferung aller fünf Schweizer Systeme nach hinten, weil andere Länder bevorzugt ausgestattet werden sollten.
Zwar profitiert die Bundeswehr im Augenblick von der Entscheidung, weil sie mit den Schweizer Patriots die Abgaben an die Ukraine ersetzen kann. Schon bald könnte sie allerdings zu den Benachteiligten derartiger Umpriorisierungen gehören. Die Schweiz rechnet jetzt übrigens mit einer Verschiebung von mindestens sechs Jahren. Damit stellt das Argument, dass sich nur mittels der US-Systeme Fähigkeitslücken schnell schließen lassen, eher eine Hypothese denn ein Faktum dar.
Zur Überraschung der meisten Fachleute haben die USA überdies im weiter schwelenden Iran-Krieg so große Mengen von Abfangflugkörpern aller Klassen verschossen, dass die Bestände nun gefährlich zusammengeschrumpft sind. In den kommenden Jahren werden entsprechend der „America First“-Politik vermutlich zunächst die eigenen Streitkräfte beliefert, während verbündete Nutzer von US-Systemen nur hoffen können, dass sie möglichst zeitnah bedacht werden. Was es bedeutet, selbst keine Abfangflugkörper produzieren zu können und von ausländischen Lieferungen abhängig zu sein, lässt sich gegenwärtig in der Ukraine, aber auch in einigen Golfstaaten beobachten.
Dabei hat die nationale technologische Souveränität zuletzt in allen militärischen Feldern deutlich an Bedeutung gewonnen. Neben der Gefahr des Nichtfunktionierens oder Abreißens von Lieferketten dürfte auch die Ungewissheit über den Zusammenhalt der NATO eine Rolle spielen. Zwar kam es beim jüngsten Gipfel der Verteidigungsgemeinschaft nicht zum befürchteten Bruch. Jedoch kann niemand voraussagen, ob dies so bleiben wird. Die immer wieder demonstrierten Ambitionen Washingtons, Grönland zu vereinnahmen, dürften nicht zur Beruhigung beigetragen haben.
So ist es nur vernünftig, dass das Verteidigungsministerium bei in Entwicklung befindlichen strategischen Schlüsseltechnologien wie dem Deep Strike, dem Zugang zum Weltraum oder militärischen Clouds eine möglichst große nationale Souveränität anstrebt.
Zu den Schlüsseltechnologien dürfte allerdings auch die Ballistic Missile Defence und die Luftverteidigung im Allgemeinen gehören. Die Bedrohung durch ballistische Raketen nimmt durch die Proliferation der Technologie seit Jahren zu. So verfügen selbst die Houthi-Rebellen im Jemen offenbar über mittelstreckenfähige ballistische Raketen.
Deutschland wäre also gut beraten, hier auch eigene Fähigkeiten hinsichtlich Software, Sensoren und Effektoren aufzubauen. Womöglich in Kooperation mit Partnern, die bereits über entsprechende Expertise verfügen und bei denen Berlin aufgrund einer zu großen Machtasymmetrie nicht automatisch am Katzentisch sitzt.
So hat beispielsweise Israel bewiesen, dass es trotz enormer eigener Belastungen und der ständigen iranischen Bedrohung der Bundesrepublik in Rekordzeit mit dem Arrow-3-System ein Mittel zur territorialen Flugkörperabwehr zur Verfügung stellen konnte.
Die Zeit für nationale Entwicklungen ist gegenwärtig so günstig wie selten zuvor. Denn noch steht Geld zur Verfügung, das Programmieren von Feuerleitsoftware hat sich aufgrund der Reife Künstlicher Intelligenz stark vereinfacht und Deutschland dürfte durch die Unterstützung der Ukraine Zugang zu für die Luftverteidigung wichtigen Daten haben. Darüber hinaus starten zahlreiche Projekte rund um die militärische Nutzung des Weltraums, die ebenfalls einen Mehrwert für die Luftverteidigung liefern.
Führungssoftware und bestimmte Sensoren aus eigener Entwicklung oder zumindest ohne „Black Boxes“ würden überdies in Zukunft die Integration europäischer Lenkwaffen ermöglichen, die gerade entwickelt werden – etwa solcher zur Bekämpfung von Hyperschallwaffen. Dagegen bezweifeln Insider, dass dies in einem Program of Record der U.S. Navy möglich sein wird.
Bleibt es beim bisherigen Ansatz, könnte dies im schlechtesten Fall bedeuten, dass die deutschen Luftverteidigungsfregatten nach dem Verschuss ihrer Flugkörper womöglich nicht mehr eingesetzt werden können, wenn Lieferungen aus den USA ausbleiben, während europäische Flugkörper verfügbar, aber nicht einsetzbar wären.
Dazu kommt der wirtschaftliche Aspekt: Der Kauf von US-Systemen führt zu Wertschöpfung in Milliardenhöhe in den USA, nicht hierzulande. Gleichzeitig bleibt Deutschland technologisch im High-End-Bereich der Luftverteidigung abgehängt.
Dass es anders laufen kann, zeigt das Beispiel IRIS-T SLM. Das Luftverteidigungssystem wird so erfolgreich in der Ukraine eingesetzt, dass es bereits von zahlreichen Streitkräften auf der ganzen Welt geordert wurde. So soll voraussichtlich sogar eine zweite Produktionslinie aufgebaut werden. Durch die Fertigung in Deutschland entstehen hochwertige Arbeitsplätze und es fließen Steuern in die Staatskasse, womit sich staatliche F&E-Mittel, die in Teilkomponenten von IRIS-T geflossen sind, amortisieren. Überdies dürfte Hersteller Diehl mit dem Vorhaben das notwendige Geld verdienen, um auch in die eigene Forschung und Entwicklung zu investieren.
Fürchtet man trotz dieser Argumente, die für einen nationalen Entwicklungsansatz sprechen, die USA zu verprellen oder zweifelt an den eigenen Fähigkeiten, wäre vielleicht auch eine Zwischenlösung denkbar: So könnten vier statt acht Fregatten mit der geplanten US-BMD-Ausstattung beschafft werden, während vier zunächst mit Technologie aus Deutschland und aus Partnerländern für die Verbandsflugabwehr ausgerüstet würden, um die alternden F124 Anfang der kommenden Dekade zu ersetzen. Bei der ersten Modernisierung dieser Fregatten könnte dann das Thema BMD angegangen werden.
Ein Pluspunkt einer solchen Lösung wäre, dass ein Teil der Sensorik für diese Schiffe bereits vorhanden ist. So stehen offenbar die von Hensoldt für die F124 produzierten Weitbereichsradare des Typs TRS-4D zum Einsatz bereit.
Lars Hoffmann















