Die Deutsche Marine plant offensichtlich, die Zahl der zukünftigen Fregatten der Klasse 127 aufzustocken. Während bislang vorgesehen war, fünf Schiffe plus optional ein weiteres zu kaufen, soll mittlerweile mit 8 Schiffen kalkuliert werden, wie hartpunkt aus gut informierten Kreisen erfahren hat. Das würde mit den heute vom Magazin Politico veröffentlichen Zahlen korrespondieren, wonach in der für Juni kommenden Jahres vorgesehenen Vorlage für den Haushaltsausschuss rund 26 Milliarden Euro für die neuen „Air Defender“ vorgesehen sind. In dieser Summe dürfte allerdings auch die Ausstattung mit Waffen enthalten sein. Die Schiffe werden für die Luftverteidigung optimiert und sollen erstmalig in der Deutschen Marine zur Abwehr ballistischer Flugkörper (Ballistic Missile Defence; BMD) befähigt werden.
Gebaut werden sollen die Schiffe von TKMS und NVL, die dafür eine Joint Venture gegründet haben, bei dem TKMS über die Mehrheit verfügt. Schließlich soll für die F127 das von TKMS entwickelte Design MEKO A-400 AMD verwendet werden. Als übergreifendes Führungssystem ist Aegis von Lockheed Martin vorgesehen, als Radar soll das SPY-6 von Raytheon ausgewählt worden sein und nicht das SPY-7 von Lockheed Martin, das auch zur Auswahl stand. Diese Entscheidung scheint final zu sein, da der Generalinspekteur der Bundeswehr die sogenannte Auswahlentscheidung unterzeichnet hat. Insider vermuten, dass die Auswahl des Hauptsensors nur dann zur erneuten Disposition stehen könnte, sollte die US-Regierung einen Anteil an den Entwicklungskosten des SPY-6 verlangen sollte. Dadaruch könnten womöglich mehrere Hundert Millionen Euro Mehrkosten anfallen.
Ein Auftrag für zusätzliche F127 dürfte den beiden Schiffbauern weiteren Auftrieb verleihen. TKMS steht kurz vor der Abspaltung von der Muttergesellschaft thyssenkrupp und vor einem Börsengang und NVL wird gerade vom Rüstungskonzern Rheinmetall übernommen. Das Closing könnte hier in wenigen Monaten erfolgen.
Dem Vernehmen nach soll auch eine Entscheidung hinsichtlich des weiteren Vorgehens bei der Beschaffung der Fregatten der Klasse 126, die für die U-Boot-Jagd optimiert sind, in Kürze bevorstehen. Der Bau der Schiffe hat sich bislang deutlich verzögert und eine Lösung des Problems war bislang nicht abzusehen. Wie es hießt, konnten die Daten für den Bau aufgrund von Software-Problemen beim niederländischen Hauptauftragnehmer Damen nicht korrekt an die deutschen Werften, die für den Schiffbau verantwortlich sind, übermittelt werden.
Bisher hieß es in gut informierten Kreisen, dass drei Optionen zu Auswahl stehen: Weiterführung in der bisherigen Konstellation mit der niederländischen Werft Damen als Hauptauftragnehmer, Abbruch des Vorhabens sowie die Weiterführung unter deutschem Lead.
Womöglich gibt es jedoch noch eine weitere Variante. So schlug der Präsident des Verbandes für Schiffbau und Meerestechnik (VSM), Harald Fassmer, heute bei seiner Rede auf dem Marineworkshop der DWT in Linstow einen zweigleisigen Ansatz vor: Die Weiterführung des Projektes F126 und gleichzeitig die Beschaffung einer Übergangslösung.
Dem Vernehmen nach soll eine solche Option im Augenblick von den Verantwortlichen in Berlin tatsächlich diskutiert werden. Demnach könnte das Projekt der F126 weitergeführt werden, da bereits erhebliche Investitionen ins Design geflossen sind und zum Teil bereits Unterauftragnehmer mit Leistungen beauftragt worden. Dazu gehört etwa das Unternehmen Thales, das das Führungs- und Waffeneinsatzsystem beisteuert und schon erhebliche Mittel in das Projekt gesteckt haben soll.
Wie es heißt, könnte jedoch die Hauptverantwortung für das Projekt von Damen auf NVL und damit ein deutsches Unternehmen übertragen werden. Bereits heute ist NVL der größte Unterauftragnehmer des Vorhabens, was insbesondere von Blohm + Voss, eine Tochter von NVL, von großer Bedeutung ist.
Gleichzeitig wird offenbar eruiert, inwieweit eine Übergangslösung bis zur finalen Einsatzreife der F126 gefunden werden kann – denn Zeit gilt vor dem Hintergrund der russischen Bedrohung im Augenblick als der kritischste Faktor bei der Beschaffung, während Geld zur Verfügung steht.
Um eine Befähigung zur U-Boot-Jagd für die deutsche Marine für die Übergangszeit zu erhalten, gehen Beobachter davon aus, dass TKMS mit dem Bau von Fregatten der Klasse MEKO 200 beauftragt werden könnte. Dieser Schiffstyp könne flexibel ausgerüstet werden und ist auch für den Kampf gegen U-Boote geeignet. Auch soll es möglich sein, die Schiffe für den Einsatz im Eismeer zu ertüchtigen. Der Vorteil dieses Ansatzes besteht darin, dass die Schiffe aufgrund des erprobten Designs und etablierter Produktions- und Lieferketten – etwa durch die Einbindung des Stahlbauers Rönner – in kürzester Zeit gebaut werden könnten. Insider gehen davon aus, dass das erste Schiff bei zeitnaher Beauftragung bereits im Herbst 2029 an die Marine übergeben werden könnte. Überdies gilt die MEKO 200 als vergleichsweise günstig. So vermuten Beobachter, das vier dieser Schiffe nur wenig mehr kosten würden als zwei F 126 im gegenwärtigen Design.
Wie es aus gut informierten Kreisen der Bundeswehr zu vernehmen ist, gilt die parallele Beschaffung der F 126 und MEKO 200 jedoch als sehr unwahrscheinlich, weil dieses schon organisatorisch kaum darzustellen sei, zumal in etwa zwei Jahren die modernisierten F 123 wieder zulaufen. Insider in den Streitkräften gehen deshalb davon aus, dass es zu einer Entscheidung entweder für die F126 oder der MEKO 200 kommen würde, wobei zunächst nach Möglichkeit die F 126 fortgeführt werden solle.
Die finale Entscheidung über das weitere Vorgehen bei der F126 muss das Verteidigungsministerium jedoch möglichst schnell treffen, sollen die Seestreitkräfte wie gefordert, in wenigen Jahren kriegstauglich gemacht werden. Auch den Werften würde dies zu Gute kommen. So befinden sich beispielsweise Teile von GNYK in Kiel in Kurzarbeit, weil die versprochene Beteiligung am F126-Vorhaben bislang nicht umgesetzt wurde.
Lars Hoffmann
















