In den letzten sechs Wochen war die Ukraine schweren Raketenangriffen aus Russland ausgesetzt – wohl den schwersten seit Kriegsbeginn.
Im Gegensatz zu früheren Angriffswellen konzentrieren sich die aktuellen russischen Raketensalven stark auf Hochgeschwindigkeitssysteme, insbesondere auf boden- und luftgestützte ballistische Raketen. Die erschöpften Bestände der ukrainischen Raketenabwehr scheinen nicht mehr in der Lage zu sein, eine wirksame Verteidigung aufrechtzuerhalten.
Dieser Beitrag untersucht die Ursachen und Folgen der Raketenabwehrkrise in der Ukraine und skizziert, was in den kommenden Monaten zu erwarten ist, einschließlich der Frage, ob mit einer Verbesserung der Lage zu rechnen ist.
Russlands Bedrohung durch ballistische Raketen: Iskander, Kinzhal und Zircon
In den letzten Monaten hat sich die primäre russische Raketenbedrohung in Richtung des Hochgeschwindigkeitsspektrums verlagert. Im Mittelpunkt stehen dabei die ballistischen Raketenfäigkeiten Russlands, insbesondere die Kurzstreckenrakete 9M723, die im Iskander-M-System zum Einsatz kommt, sowie die Kh-47M2 Kinzhal, eine aus der Luft abgefeuerte ballistische Rakete.
Auch die 3M22 Zircon spielt bei diesen Salven eine zunehmend wichtige Rolle. Offiziell wurde sie 2019 vorgestellt und ursprünglich als hyperschallfähiger Marschflugkörper mit Scramjet-Antrieb beworben; in der Praxis scheint es sich jedoch um eine weitere Art von aeroballistischer Rakete zu handeln, deren Leistungsprofil dem der 9M723 und der Kinzhal recht ähnlich ist. Im Juni und Juli wurden jeweils etwa 15 davon abgefeuert.
Russland ergänzt diese ballistischen Raketenangriffe durch den Abschuss von S-400-Boden-Luft-Raketen, die für Bodenangriffe umfunktioniert wurden. Diese sind zwar weniger präzise und haben eine geringere Sprengwirkung, stellen aber dennoch eine Bedrohung für die zivile Infrastruktur dar, insbesondere wenn sie gegen dicht besiedelte Gebiete abgefeuert werden.
Die ukrainische Verteidigung kann nicht mithalten. Daten der ukrainischen Luftwaffe, die von Pavlo Krasnomovets zusammengestellt wurden, deuten darauf hin, dass Russland im Juli 180 ballistische und quasi-ballistische Raketen (9M723, Kinzhal, Zircon, umfunktionierte S-400-Abfangraketen) abgefeuert hat, von denen 143 nicht abgefangen werden konnten. Der August sieht noch schlechter aus. Von 52 abgefeuerten ballistischen Raketen wurde bislang nur ein erfolgreicher Abwehrversuch gemeldet.
Warum die Abwehr ballistischer Raketen schwierig ist
Die Ukraine scheint zunehmend unfähig zu sein, sich wirksam gegen die wachsende Zahl ballistischer Raketen zu verteidigen, die Russland abfeuert. In vielerlei Hinsicht ist dies nicht überraschend und die natürliche Folge der strukturellen Gegebenheiten, die der Bereich der Hochgeschwindigkeitsraketen mit sich bringt.
Erstens ist die Abwehr ballistischer Raketen technologisch anspruchsvoll. Sie erfordert hochoptimierte Abfangflugkörper, die in der Lage sind, einen wirksamen Schutzbereich gegen Ziele zu schaffen, die sich aus großer Höhe mit hoher Geschwindigkeit nähern und aktiv manövrieren, um der Abwehr zu entgehen. Das bedeutet, dass die Abfangrakete sehr schnell an Höhe gewinnen muss und dabei im Endanflug eine hohe Manövrierfähigkeit sowie extreme Präzision beibehalten muss.
Zweitens ist die Abwehr ballistischer Raketen teuer, da sie Hightech-Lösungen erfordert und einzelne Abfangflugkörper Millionen von Dollar kosten. Da zudem die Anforderungen an die einzelnen Komponenten dieser Systeme so hoch sind, ist es von Natur aus schwierig, die Lieferkette auf die Produktion großer Stückzahlen von Abfangraketen auszurichten – insbesondere ohne lange Vorlaufzeiten.
Drittens kann – anders als bei anderen Arten von Flugkörpersystemen – operativer Einfallsreichtum einen Mangel an Technologie nicht ausgleichen. Ohne Zugang zu den erforderlichen Hightech-Systemen wird selbst der operativ versierteste Verteidiger nicht in der Lage sein, eine glaubwürdige Verteidigung aufzubauen. Dies unterscheidet sich grundlegend beispielsweise von der Abwehr von Langstrecken-Drohnen, bei der die operative Erfahrung der Ukraine auch ohne modernste Technologie eine hochwirksame Verteidigung ermöglicht hat. Im Kontext der ballistischen Raketenabwehr lässt sich dies nicht nachahmen.
Viertens sind die Geschwindigkeiten und damit auch die Annäherungsgeschwindigkeiten so hoch, dass die Verteidiger Abfangraketen nach einer sogenannten „Ripple-Fire“-Doktrin abschießen müssen, um eine höhere Erfolgswahrscheinlichkeit zu gewährleisten. „Shoot-Look-Shoot“-Ansätze sind dagegen nur gegen langsamere Bedrohungen möglich, bei denen die Zeitfenster für den Abschuss deutlich länger sind. Mittel- bis langfristig macht dies den Kostennachteil der ballistischen Raketenabwehr besonders erdrückend.
Daher sind die Schwierigkeiten, mit denen die Ukraine bei der Abwehr russischer ballistischer Raketen konfrontiert ist, weder vorübergehend noch das Ergebnis einer unglücklichen Verkettung von Umständen (auch wenn kurzfristige Entwicklungen wie der Iran-Krieg, der die weltweite Verfügbarkeit von Abfangraketen weiter einschränkt, das Problem verschärfen). Sie sind das Ergebnis der strukturellen Realität, die die Kriegsführung mittels ballistischer Raketen den Verteidigern auferlegt.
Kurzfristige Lösungen: passive Verteidigung und Angriffe in die Tiefe
Was können die Ukraine und ihre Partner, wenn überhaupt, tun, um den Druck zu mindern? Kurzfristig wird es schwierig sein, die Lage zu verbessern, und eine Erweiterung der Möglichkeiten der Ukraine zur aktiven Verteidigung (d. h. Mittel zur wirksamen Abwehr anfliegender ballistischer Raketen) scheint weitgehend ausgeschlossen.
Die europäischen Bestände an Patriot-Abfangraketen haben einen Punkt erreicht, an dem es für militärische und politische Entscheidungsträger mehr oder weniger unmöglich ist, die Abgabe weiterer Bestände zu rechtfertigen. Die letzte bestätigte PAC-3-MSE-Lieferung von nur 35 Abfangraketen um den März 2026 herum, deren Sicherung Berichten zufolge erhebliche politische Anstrengungen des deutschen Verteidigungsministeriums erforderte, verdeutlicht, wie knapp die verfügbaren europäischen Bestände geworden sind.
Daher besteht die beste Verteidigungsmaßnahme, die die Ukraine kurzfristig ergreifen kann, darin, ihre passive Verteidigung zu stärken. Dies bedeutet, die Widerstandsfähigkeit hochwertiger Ziele zu verbessern, indem sie gestreut und gegen Angriffe gehärtet werden, unter anderem durch die Beschleunigung der Bemühungen, kritische Infrastruktur unterirdisch zu verlegen. Ebenso entscheidend wird es sein, Ersatzteile zu bestellen und zu horten, um zerstörte Infrastruktur rasch wiederherzustellen.
Darüber hinaus kann die Ukraine nur weiterhin ihre eigenen Fähigkeiten zum Führen von Angriffen in die Tiefe des russischen Territoriums ausbauen und vorantreiben, wobei der Schwerpunkt auf der Zerstörung kritischer Ziele innerhalb Russlands liegt, um die Abnutzung gegenseitig und nicht einseitig zu halten. Wo immer möglich, wird die Ukraine weiterhin russische Produktionskapazitäten ins Visier nehmen, doch ist es unwahrscheinlich, dass ein einzelner Angriff oder eine Abfolge von Angriffen die russische Produktion ballistischer Raketen grundlegend stören wird.
Langfristige Lösungen: PAC-2-GEM-T-Produktion und SAMP/T-NG-Lieferungen
Bis 2027 könnte sich die Lage verbessern, wenn auch nur im Vergleich zu der zugegebenermaßen katastrophalen Ausgangslage Mitte 2026.
Im Laufe dieses Jahres wird das Lizenzwerk von MBDA Deutschland mit der Produktion von PAC-2-GEM-T-Abfangraketen für das Patriot-System beginnen, um eine Bestellung von 1.000 Abfangflugkörpern zu erfüllen, der im Januar 2024 über die NATO-Rüstungsagentur im Auftrag von Deutschland, den Niederlanden, Rumänien und Spanien erteilt wurde.
Bei der ursprünglich geplanten Kapazität wird das deutsche Werk voraussichtlich zwischen 120 und 170 PAC-2-GEM-T-Abfangraketen pro Jahr produzieren, wobei möglicherweise bereits Anstrengungen zur Erweiterung dieser Kapazität im Gange sind. In jedem Fall wird, sobald das Werk irgendwann im Jahr 2027 mit der Auslieferung kompletter Raketen an die Kunden beginnt, ein stetiger Zulauf neu gebauter Abfangflugkörper entstehen, auf den zurückgegriffen werden kann, anstatt auf die zunehmend knapper werdenden Bestände. Selbst dann dürfte die Ukraine jedoch wahrscheinlich nur mit einer Anzahl zusätzlicher Abfangraketen im hohen zweistelligen bis niedrigen dreistelligen Bereich pro Jahr rechnen können (im Vergleich zu den 700 bis über 800 ballistischen Raketen, die Russland derzeit produziert).
Neben dem PAC-2 GEM-T hat die Ukraine vier Feuereinheiten des SAMP/T NG bestellt, der nächsten Generation des französisch-italienischen Luftverteidigungssystems, deren Auslieferung 2027 beginnen wird. Frankreich hat zudem zugesagt, die Lieferlücke mit zwei Feuereinheiten des SAMP/T der aktuellen Generation zu überbrücken, die voraussichtlich bis Ende dieses Jahres eintreffen werden.
Zusammen mit dem SAMP/T NG wird die Ukraine auch den verbesserten Abfangflugkörper Aster 30B1NT erhalten, der eine verbesserte Leistungsfähigkeit gegen ballistische Raketenbedrohungen bieten könnte, insbesondere durch einen Ka-Band-Radarsucher, der eine höhere Auflösung und Endgenauigkeit als der Aster 30B1 der aktuellen Generation bietet.
Über das Jahr 2027 hinaus könnten zudem längerfristige Projekte wie das ukrainische Projekt Freya und andere europäische kostengünstige Programme zur Abwehr ballistischer Raketen zum Tragen kommen, obwohl ihr Status derzeit noch unbekannt und schwer einzuschätzen ist. Auch hier sind keine schnellen Lösungen zu erwarten.
Fazit
Die Raketenabwehrkrise der Ukraine ist struktureller Natur. Bei der Abwehr ballistischer Raketen ist der Angreifer derzeit in Bezug auf Kosten, Produktionsgeschwindigkeit und Umfang im Vorteil, und keine kurzfristige Lieferung oder operative Lösung kann dieses Ungleichgewicht ausgleichen. Bis neue Abfangraketen geliefert werden, bleiben passive Verteidigung und anhaltende Angriffe mit weitreichenden Waffen auf Ziele tief in Russland die einzigen wirksamen Hebel, über die die Ukraine noch verfügt, um die russische Fähigkeit zum Einsatz ballistischer Raketen abzuschwächen.
Autor: Fabian Hoffmann ist Senior Research Fellow am Norwegian Defence University College. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Verteidigungspolitik, Flugkörpertechnologie und Nuklearstrategie. Der Beitrag erschien erstmalig am 8. August 2026 in englischer Sprache im „Missile Matters“ Newsletter auf Substack.


















