Vor einigen Tagen berichtete die Financial Times, dass die Abfangrate der ballistischen Raketenabwehr der Ukraine trotz einer geringeren Anzahl von ballistischen Raketenstarts von rund 37 Prozent im August auf nur noch sechs Prozent im September gesunken sei.
Dies fällt zeitlich mit mehreren bedeutenden Angriffen Russlands auf die ukrainische Verteidigungsindustrie zusammen, darunter vier Fabriken, die Drohnen und Drohnenkomponenten herstellen, sowie politisch sensible Ziele wie die EU-Vertretung in Kiew und das Gebäude des Ministerkabinetts, wo russische ballistische Raketen die ukrainische Verteidigung umgehen konnten.
Dieser Beitrag bietet einige Einblicke in die naheliegendsten Erklärungen für die nachlassende Leistungsfähigkeit der ukrainischen Raketenabwehr und untersucht mögliche Maßnahmen zur Behebung des Problems.
Die Bedrohung durch russische ballistische Raketen
Zwei Arten russischer konventioneller ballistischer Raketen werden gegen ukrainische Ziele eingesetzt: die bodengestützte Kurzstreckenrakete 9M723 und die luftgestützte Mittelstreckenrakete Kh-47M2 Kinzhal.
Die 9M723 wurde 2006 in Dienst gestellt und hat eine offizielle Reichweite von 500 Kilometern. Die Kh-47M2, die im Wesentlichen eine angepasste und leicht modifizierte Version der 9M723 für den luftgestützten Einsatz ist, wurde 2017 in Dienst gestellt und hat eine Reichweite von etwa 1.500 bis 2.000 Kilometern.
Beide ballistischen Raketen lassen sich genauer als „aeroballistische” oder „quasi-ballistische” Systeme beschreiben. Obwohl ihre Flugbahnen einem ballistischen Bogen ähneln, sind sie nicht perfekt ballistisch, und beide Raketen sind in der Lage, aggressive Endmanöver auszuführen, insbesondere entlang der lateralen Flugachse (d. h. seitliche Bewegung relativ zum Boden).
Diese Manöver sollen feindliche Abfangmaßnahmen erschweren und idealerweise vereiteln. Je unvorhersehbarer die Flugbahn, desto mehr kinetische Energie müssen Abfangraketen aufwenden, um auf Kurs zu bleiben, und desto schwieriger wird die Anwendung vorausschauender Steuerung. Das belastet die Steuerungsalgorithmen, verkürzt die Reaktionszeit und erhöht letztlich die Wahrscheinlichkeit eines Fehlschlags.
Die Fähigkeit russischer ballistischer Raketen, Endmanöver durchzuführen, ist weder neu noch überraschend. Die amerikanische MGM-140 ATACMS, die etwa 15 Jahre vor der 9M723 in Dienst gestellt wurde, ist zu solchen Manövern ebenso in der Lage. Darüber hinaus wurden westliche Abfangflugkörper zur Abwehr ballistischer Raketen – darunter die PAC-2 GEM-T, PAC-3 MSE und Aster-30B1/B1NG – speziell unter Berücksichtigung dieses Bedrohungsprofils entwickelt.
Dennoch ist es Russland laut Berichten der Financial Times gelungen, die Flugbahnen seiner ballistischen Raketen so anzupassen, dass ihre Abfangung und Bekämpfung noch schwieriger wird.
Anpassung der Flugbahnen
Ein Grund für den zunehmenden Erfolg beim Durchdringen der ukrainischen Raketenabwehr ist laut Berichten der Financial Times die Verwendung steilerer Endflugbahnen als bisher beobachtet.
Dies ist zumindest eine einigermaßen plausible Erklärung. Wie von dem Autor in dem FT-Artikel angemerkt wurde, lassen sich diese Flugbahnanpassungen relativ einfach über den Bordcomputer und die Missionsplanungssoftware umsetzen. Mit anderen Worten: Hardware-Modifikationen, die schwieriger durchzuführen sind und die Gefahr einer Disruption etablierter Lieferketten bergen, sind nicht erforderlich.
So wie westliche Hersteller kontinuierlich Daten aus der Ukraine auswerten, um ihre Algorithmen für die Raketenabwehr zu verbessern, tun russische Raketenentwickler wahrscheinlich dasselbe für ihre offensiven Systeme. Möglicherweise haben sie festgestellt, dass Raketen mit steileren Endflugbahnen höhere Durchdringungsraten erzielten als solche mit flacheren Flugprofilen und diesen Ansatz daraufhin systematisch umgesetzt.
Warum könnten steilere Flugbahnen erfolgreicher sein? Eine Erklärung ist, dass eine steilere Flugbahn die vertikale Geschwindigkeit der ankommenden Rakete erhöht und damit das Zeitfenster für den Abschuss während des Endanflugs der Rakete verkürzt. Dadurch verringert sich die Zeit, die Abfangraketen zur Erkennung, Erfassung und Anpassung ihres vertikalen Impulses zur Verfügung steht, insbesondere wenn sie zuvor eher für flachere Flugbahnen optimiert waren.
Während flachere Flugbahnen grundsätzlich eine größere seitliche Manövrierfähigkeit ermöglichen sollten, ist dieser Vorteil gegenüber Abfangraketen wie der PAC-3 MSE, die für ihre hohe Agilität bekannt sind, möglicherweise weniger relevant. Es ist daher plausibel, dass russische Raketenkonstrukteure zu dem Schluss gekommen sind – und dies empirisch bestätigt gesehen haben –, dass, wenn seitliche Manöver konterkariert werden können, eine Verkürzung der Reaktionszeiten durch steilere Flugbahnen eine bessere Erfolgschance bietet, selbst auf Kosten einer eingeschränkteren seitlichen Manövrierfähigkeit.
Alternative Erklärungen für sinkende Abfangraten
Zwei weitere mögliche Erklärungen für die geringeren Erfolgsraten der ukrainischen Raketenabwehr fallen besonders ins Auge.
Erstens könnte Russland seine ballistischen Raketen zunehmend außerhalb der von Patriot oder SAMP/T verteidigten Gebiete einsetzen. Mit anderen Worten: Anstatt zu versuchen, die Raketenabwehr der Ukraine zu überwältigen, entscheiden sich die russischen Entscheidungsträger dafür, dort zuzuschlagen, wo die Ukraine aufgrund fehlender verfügbarer Systeme bekanntermaßen keine Raketenabwehr einsetzt.
So wurden in den letzten Monaten vermehrt ballistische Raketen gegen Ziele an der Front und in unmittelbarem Hinterland eingesetzt. Sofern die Ukraine nicht aktiv Patriot- oder vergleichbare Systeme in diesen Gebieten für SAMbush-Angriffe (Einsatz von Langstrecken- Luftverteidigungssystemen, um feindliche Flugzeuge in Frontnähe zu überraschen) einsetzt, zwingt sie der Mangel an Raketenabwehrsystemen dazu, Einsatzgebiete weit hinter der Front zu priorisieren. In diesem Fall bleiben russische ballistische Raketen, die Ziele an der Front treffen, natürlich außerhalb der Reichweite.
Ebenso ist bekannt, dass die Ukraine nur wenige Großstädte und kritische Infrastruktureinrichtungen schützt, während viele andere ungeschützt bleiben. Dies ist ein Grund, warum die Ukraine einen nominalen Bedarf von mindestens zehn zusätzlichen Patriot-Feuereinheiten angegeben hat, um eine minimale landesweite Abdeckung zu erreichen (zusätzlich zu den sieben bis acht, die bereits im Einsatz sind).
Um eine klarere Einschätzung der Leistung der Raketenabwehr zu erhalten, müsste die Ukraine nicht nur Daten darüber veröffentlichen, wie viele ballistische Raketen Russland abgefeuert hat und wie viele davon abgefangen wurden, sondern auch darüber, wie viele Abfangversuche unternommen wurden. Diese Daten werden jedoch nicht bereitgestellt, was ein Grund dafür ist, dass die quantitativen Zahlen ohne zusätzlichen Kontext und qualitative Erkenntnisse, die sie untermauern, nur von begrenztem Nutzen sind.
Zweitens wird die Ukraine aufgrund ihres gravierenden Mangels an Abfangraketen wahrscheinlich nur eine Abfangflugkörper pro anfliegender ballistischer Rakete einsetzen. Im Gegensatz dazu startete die ukrainische Armee, als sie erstmals Patriot erhielt, oft zwei oder sogar drei Abfangflugkörper pro Ziel, wie mindestens ein Video zeigt, das in den sozialen Medien aufgetaucht ist.
Unabhängig von der Erfolgsquote der einzelnen Abfangflugkörper erhöht der Abschuss mehrerer Abfangflugkörper die Gesamtwahrscheinlichkeit einer Abfangaktion erheblich. Wenn die Ukraine auf einen Abfangflugkörper pro Ziel beschränkt ist, sinkt naturgemäß die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Abfangaktion.
Zugegebenermaßen erklärt dies möglicherweise nicht den jüngsten Rückgang, da der Mangel an Abfangflugkörpern seit Monaten besteht und bereits im August, als die Abfangraten Berichten zufolge höher waren, eine Rolle spielte. Dennoch bleibt dies ein wichtiger Faktor bei der Bewertung der aktuellen und zukünftigen Wirksamkeit der ukrainischen Raketenabwehr.
Letztendlich sind die sinkenden Abfangraten wahrscheinlich das Ergebnis einer Vielzahl von Faktoren, von denen nur einige von außen und ohne Zugang zu geheimen Quellen beobachtbar sind.
Lehren und Auswirkungen für die Ukraine und Europa
Diese Episode veranschaulicht den fortwährenden Kreislauf von Anpassung und Gegenanpassung, der nach wie vor von zentraler Bedeutung für die Kriegsführung ist, auch im Bereich der konventionellen Flugkörpertechnologie. So wie Russland wahrscheinlich Abfangdaten genutzt hat, um die Durchschlagskraft seiner Raketensysteme zu verbessern, analysieren westliche Hersteller derzeit mit ziemlicher Sicherheit dieselben Daten, um den vorübergehenden Vorteil Russlands zunichte zu machen und die Abfangraten wieder zu erhöhen.
Allerdings gibt es klare Grenzen für das, was Raketenabwehr – insbesondere gegen ballistische Raketen – leisten kann. Selbst wenn es Lockheed Martin und Raytheon gelingt, die Einzelabfangrate des PAC-3 MSE gegen russische ballistische Raketen wieder auf etwa 60 bis 70 Prozent zu steigern, wo sie Berichten zufolge vor dem jüngsten Rückgang lag, bleibt das Kostenverhältnis zwischen Angriff und Verteidigung von Natur aus zu Ungunsten der Verteidiger verschoben.
Die offensiven Raketenfähigkeiten der Ukraine müssen daher parallel zu den Bemühungen zur Stärkung ihrer Raketenabwehr beschleunigt werden. Es sollte vorrangig sein, die Ukraine in die Lage zu versetzen, die Lieferkette für ballistische Raketen und die Produktionsstätten in Russland anzugreifen, soweit dies möglich ist.
Dies ist auch eine wichtige Lehre für die europäischen Staaten, die sich auf einen möglichen Krieg gegen Russland vorbereiten wollen. Es ist wohl ein Punkt erreicht, an dem weitere europäische Investitionen in eine unvollkommene Raketenabwehrarchitektur nur noch marginale Gewinne zu hohen Kosten bringen. Stattdessen müssen sich die europäischen Staaten endlich zu einer groß angelegten Produktion und Beschaffung von konventionellen Gegenschlagkapazitäten verpflichten, die russische Vorstöße verhindern und glaubwürdig mit Vergeltungsmaßnahmen drohen können.
Autor: Fabian Hoffmann ist Doktorand am Oslo Nuclear Project an der Universität Oslo. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Verteidigungspolitik, Flugkörpertechnologie und Nuklearstrategie. Der aktualisierte Beitrag erschien erstmalig am 7.10.2025 in englischer Sprache im „Missile Matters“ Newsletter auf Substack.


















