Am 17. August vergab die US-Marine an Raytheon einen Auftrag im Wert von 22,9 Milliarden US-Dollar mit einer Laufzeit von sieben Jahren, um die Produktion der von Schiffen und U-Booten abgefeuerten Tomahawk-Marschflugkörper massiv auszuweiten. Die Mittel decken die Produktion, Neuzertifizierung und Modernisierung von mehr als 7.000 Flugkörpern ab und dienen dazu, die Jahresproduktion auf über 1.000 Flugkörper zu steigern, um die durch Angriffe auf den Iran erschöpften, kritisch niedrigen Tomahawk-Bestände wieder aufzufüllen.
In einigen Kreisen stieß der Vertragsabschluss auf Kritik. Schließlich haben die Vereinigten Staaten gerade eine groß angelegte Initiative gestartet, um die Produktion kostengünstiger Flugkörper anzukurbeln und auszuweiten, die pro Stück bis zu zehnmal weniger kosten und – zumindest nach Ansicht einiger – eine kosteneffizientere Alternative darstellen könnten. Warum Milliarden für ein veraltetes System ausgeben, wenn der Markt von günstigeren Optionen überschwemmt wird?
Ob diese Kritik berechtigt ist, hängt davon ab, was jeweils mit den einzelnen Flugkörperklassen tatsächlich beschafft wird und für wen. Dieser Beitrag gliedert moderne Lenkwaffenarsenale in drei Kategorien, von millionenschweren Systemen wie dem Tomahawk bis hin zu billigen Langstrecken-Drohnen und erläutert, was jede Kategorie leisten kann und was nicht.
Kategorie 1: Hochleistungs-Flugkörpersysteme
Die erste Kategorie umfasst Hochleistungs-Flugkörpersysteme, deren Stückpreis in der Regel mehrere Millionen US-Dollar beträgt. Dazu zählen schwere Marschflugkörper wie der AGM-158B JASSM-ER, der AGM-158C LRASM, der Taurus KEPD 350 und dessen Nachfolger Taurus Neo sowie moderne konventionelle ballistische Flugkörper wie die Precision Strike Missile. Zu dieser Stufe gehören auch sehr kostspielige Systeme wie das Hyperschall-Boost-Glide-Vehicle „Dark Eagle“, dessen Kosten derzeit auf mehrere zehn Millionen US-Dollar pro Stück geschätzt werden.
Doch diese hohen Kosten sind nicht immer ungerechtfertigt. Hohe Stückkosten können Zuverlässigkeit, Tarnkappeneigenschaften, Geschwindigkeit, Reichweite, Genauigkeit, Redundanz, Widerstandsfähigkeit, Manövrierfähigkeit und Durchschlagskraft gewährleisten. Das Wort „können“ ist dabei entscheidend: Nichts garantiert, dass ein Hersteller ein Design umsetzt, das die Kosten rechtfertigt, aber die Investition schafft zumindest die Aussicht auf eine fortschrittliche Systemarchitektur.
Das Tarnkappenprofil des LRASM beispielsweise ist nach wie vor unübertroffen. Der Taurus KEPD 350 verfügt trotz seines Alters über ein hochredundantes Leitsystem mit vier Mittelstrecken-Leitsystemen, die sich gegenseitig ergänzen und ersetzen können, falls eines ausfällt oder blockiert wird. Der JASSM-ER trägt einen 450-Kilogramm-Penetrator-Gefechtskopf, der dank seiner optimierten Geometrie und seines ausgeklügelten Zünders unterirdische, gehärtete und anderweitig hochkomplexe Ziele mit hoher Durchschlagskraft bekämpfen kann. Die neueste Tomahawk-Variante, der Block V, ist die einzige westliche Deep-Strike-Waffe mit einer störungsresistenten bidirektionalen Satelliten-Datenverbindung, die eine zuverlässige Kommunikation zwischen dem Flugkörper und dem Bediener über große Entfernungen ermöglicht. Dark Eagle ist derzeit das einzige amerikanische Raketensystem, das Hyperschallgeschwindigkeit mit hoher Manövrierfähigkeit kombiniert und damit grundsätzlich die höchste Ein-Schuss-Trefferwahrscheinlichkeit gegen stark verteidigte Ziele bietet.
Von Systemen der ersten Kategorie wird zudem erwartet, dass sie jahrelang gelagert werden, dann auf Abruf gestartet werden können und die anspruchsvollen Bedingungen eines Hochgeschwindigkeitsflugs in der Atmosphäre (manchmal sogar außerhalb der Atmosphäre) mit sehr geringen Ausfallraten überstehen. Dies erfordert hochwertige Komponenten, denen zivile Bauteile in der Regel nicht gewachsen sind, sowie regelmäßige Wartung und Instandhaltung, auch durch den Hersteller. All dies hat seinen Preis.
Der entscheidende Punkt ist, dass den hohen Stückkosten durchaus ein Wert entgegensteht. Es ist daher sinnvoll, dass staatliche Akteure, insbesondere solche mit den entsprechenden finanziellen Mitteln, weiterhin in diese Klasse von Flugkörpersystemen investieren. In manchen Szenarien und gegen bestimmte Ziele können die Eigenschaften dieser Waffensystemkategorie den Unterschied zwischen Missionserfolg und -misserfolg ausmachen.
Kategorie 2: Kostengünstige Flugkörper
Die zweite Kategorie umfasst kostengünstige Flugkörpersysteme, vor allem boden- und luftgestützte kostengünstige Marschflugkörper, die aktuell in zunehmender Zahl auf den Markt kommen. Allerdings deutet „Blackbeard“ von Catellion, ein kostengünstiger aeroballistischer Flugkörper, der von den US-Streitkräften finanziert und beschafft wurde, darauf hin, dass sich diese Kategorie bereits auf andere Flugkörpertypen ausweitet.
Im Vergleich zu High-End-Systemen der Kategorie 1 bieten kostengünstige Flugkörper der Kategorie 2 zwei Vorteile und einen Kompromiss.
Erstens sind Systeme dieser Kategorie deutlich günstiger als ihre Pendants der Kategorie 1, wobei die Preise in einem heterogenen Feld stark variieren – von kleinen Mini-Marschflugkörpern mit kurzer Reichweite bis hin zu schweren Systemen mit großer Reichweite wie dem „Flamingo“ von FirePoint. Eine Preisuntergrenze von 150.000 USD und eine Obergrenze von bis zu 500.000 USD scheinen derzeit der Standard zu sein. Im Vergleich zu den Millionen-Dollar-Preisen für High-End-Systeme bedeutet dies erhebliche Einsparungen pro Einheit und ermöglicht bei ähnlichen Gesamtbudgets den Aufbau umfangreicherer Arsenale.
Zweitens lassen sich kostengünstige Flugkörpersysteme leichter in Serie produzieren. Sie verwenden oft einfachere Komponenten, von denen viele aus zivilen Bauteilen abgeleitet oder direkt übernommen wurden. Dies erweitert den potenziellen Lieferantenpool und erleichtert die Skalierung der Komponentenproduktion.
Gleichzeitig sind die heutigen kostengünstigen Flugkörper von vornherein für eine Massenfertigung ausgelegt. Anduril gibt beispielsweise an, dass seine kostengünstigen „Barracuda“-Marschflugkörper mit gängigen kommerziellen Fertigungswerkzeugen montiert werden können. CoAspire, dass die RAACM-Familie kostengünstiger Marschflugkörper herstellt, hat den 3D-Druck von Anfang an in seine Arbeitsabläufe integriert. Die Montagelinien für diese Flugkörper setzen zudem stärker auf Automatisierung als jene für viele Kategorie-1-Systeme, die oft zu einer Zeit konzipiert wurden, als die Massenproduktion noch keine Priorität hatte, oder deren Bestellmengen zu gering sind, um eine Automatisierung rentabel zu machen – selbst bei stark gestiegener Nachfrage.
Der Kompromiss liegt in der Leistungsfähigkeit pro Einheit. Manche Einsätze und Zieltypen sind so anspruchsvoll, dass der Abschuss einer viel größeren Anzahl von Flugkörpern dies nicht ausgleichen kann. Ein unterirdisches oder stark gepanzertes Ziel beispielsweise könnte zehn oder mehr Treffer der 50- bis 150-Kilogramm-Allzweck-Nutzlasten überstehen, die von den meisten heutigen kostengünstigen Marschflugkörpern getragen werden, und dennoch durch einen einzigen, gut platzierten Penetrator-Gefechtskopf eines Kategorie-1-Systems zerstört werden. Ebenso kann es vorkommen, dass 100 kostengünstige Marschflugkörper einen stark verteidigten Luftraum nicht durchdringen und ein Ziel nicht zerstören können, während dies einer Handvoll wendiger und widerstandsfähigerer Kategorie-1-Flugkörper mit Tarneigenschaften durchaus möglich sein kann.
Das Gegenteil trifft natürlich ebenfalls zu. Bei bestimmten Missionen und Zieltypen ist eine Kategorie-1-Fähigkeit überdimensioniert, beispielsweise bei weniger stark verteidigten oberirdischen Bauwerken wie Lagerhallen oder weniger gut geschützten Industrieanlagen. In solchen Fällen bieten kostengünstige Flugkörpersysteme eine weitaus kosteneffizientere Alternative.
Kategorie 3: Kostengünstige Drohnen
Die dritte Kategorie besteht aus Langstrecken-Drohnen. Im Vergleich zu kostengünstigen Flugkörpern der Kategorie 2 weisen Langstrecken-Drohnen in der Regel eine noch einfachere Systemarchitektur auf. Pro Stück sind sie günstiger (in der Regel 30.000 bis 70.000 USD) und noch einfacher herzustellen, da sie Komponenten geringerer Qualität enthalten, die problemlos durch kommerziell in großer Stückzahl verfügbare Komponenten ersetzt werden können. Gleichzeitig sind ihre Zuverlässigkeit, Überlebensfähigkeit und Durchschlagskraft eingeschränkter.
Dennoch können Langstrecken-Drohnen in der modernen Kriegsführung äußerst effektiv sein, wie die Ukraine, Russland und der Iran gezeigt haben. Werden sie in ausreichender Masse eingesetzt – idealerweise verteilt auf verschiedene Startvektoren und Flugrouten –, können sie erheblichen Schaden anrichten, insbesondere bei weichen und brennbaren Zielen wie Radaranlagen, Lagerhallen und Ölinfrastruktur. Gegen diese Ziele können selbst ihre relativ leichten Nutzlasten beträchtlichen Schaden anrichten (und die Nutzlastkapazität von Langstrecken-Drohnen hat in letzter Zeit zugenommen).
Langstrecken-Drohnen bieten derzeit zudem die effektivste Möglichkeit, integrierte Luftverteidigungs- und Raketenabwehrsysteme durch schiere Menge zu übersättigen. Gleichzeitig können fehlgeschlagene Angriffe, bei denen Dutzende oder sogar Hunderte von Drohnen auf einmal abgefangen werden, für den Angreifer sehr kostspielig sein – wahrscheinlich ein Grund, warum Russland bei massierten Langstreckenangriffen offenbar immer stärker auf die Tier-2-Kategorie umsteigt.
Aus industrieller Sicht sind die einzigen Länder, die derzeit Langstreckendrohnen in Serie produzieren, diejenigen, die sich aktiv im Krieg befinden: die Ukraine, Russland und der Iran. Die Vereinigten Staaten produzieren eine kleinere, aber offenbar wachsende Anzahl von sogenannten LUCAS-Drohnen.
Alle anderen Staaten, die an einer kostengünstigeren Fähigkeit zum Wirken in der Tiefe interessiert sind, scheinen sich in erster Linie an der zweiten Kategorie zu orientieren. Wieder andere Staaten, wie Frankreich, haben sich darauf vorbereitet, Langstrecken-Drohnen im Krieg in großen Stückzahlen zu produzieren, lehnen es jedoch ausdrücklich ab, sie in Friedenszeiten zu horten – mit der Begründung, dass Systeme der aktuellen Generation schnell veralten würden.
Dennoch werden Langstrecken-Drohnen wahrscheinlich weiterhin von Nutzen sein, insbesondere für Akteure, die im Kriegsfall kostengünstige, massenproduzierbare Fähigkeiten zum präzisen Wirken auf große Distanzen benötigen. Sie könnten besonders attraktive Alternativen für Staaten darstellen, die sich die Waffensysteme der Kategorie 1 und 2 nicht leisten können, aber dennoch nach tieferen Reserven streben.
Schlussbetrachtung
Flugkörpersysteme und Arsenale diversifizieren sich. Kostengünstige Flugkörper und Langstrecken-Drohnen tragen wesentlich zur Größe künftiger Arsenale bei, ergänzen jedoch High-End-Systeme, anstatt sie zu ersetzen. Staaten, die sich Fähigkeiten der ersten Kategorie leisten können, werden diese wahrscheinlich weiterhin erwerben, auch in größeren Stückzahlen. Aus dieser Perspektive ist das große Bestreben der USA, ihr Tomahawk-Arsenal wieder aufzufüllen und zu erweitern – bei gleichzeitiger Investition in ergänzende, kostengünstigere Systeme – nicht überraschend.
Autor: Dr. Fabian Hoffmann ist Senior Research Fellow am Norwegian Defence University College. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Verteidigungspolitik, Flugkörpertechnologie und Nuklearstrategie. Der Beitrag ist ein Auszugs eines Artikels der erstmalig am 30. August 2026 in englischer Sprache im „Missile Matters“ Newsletter auf Substack erschien.

















