Die zukünftigen deutschen Luftverteidigungsfregatten der Klasse 127 sollen zur Ballistic Missile Defence (BMD) befähigt werden und wesentliche Komponenten dafür aus den USA erhalten. Neben dem Führungs- und Waffeneinsatzsystem Aegis von Lockheed Martin und Flugkörpern wie der SM-2 und der SM-6 soll das Radar SPY-6 von Raytheon einen wesentlichen Baustein der neuen Fähigkeiten bilden.
Jennifer Gauthier, Vice President Naval Systems & Sustainment für den Bereich Naval Power bei Raytheon, einem Unternehmen der RTX-Gruppe, erläutert im Gespräch mit hartpunkt die Vorteile dieses Radars, seine Skalierbarkeit sowie seine Fähigkeiten zur Abwehr ballistischer Flugkörper.
Mit Blick auf die Auswahl des Radars für die F127 sieht Raytheon das SPY-6-Radar gegenüber konkurrierenden Angeboten im Vorteil. „Wir sind überzeugt, dass SPY-6 nicht nur hinsichtlich seiner Leistungsfähigkeit, sondern auch mit Blick auf die Wirtschaftlichkeit die beste Lösung darstellt. Das gilt sowohl für die anfängliche Beschaffung als auch für die langfristigen Kosten“, sagt Gauthier.
Bei dem Sensor handelt es sich um ein „Program of Record“ der U.S. Navy, das in den kommenden Jahren auf Dutzenden Schiffen installiert werden soll. Mit zunehmender Verbreitung von SPY-6 bei internationalen Partnern könnten die Kosten für Wartung, Obsoleszenzmanagement, Weiterentwicklungen, Instandhaltung und Ausbildung auf eine größere Zahl von Nutzern verteilt werden, führt die Managerin aus. Gegenwärtig befinde man sich in Gesprächen mit Japan über die Beschaffung für eine neue Schiffsklasse. Gauthier erwartet eine Entscheidung dazu im kommenden Frühjahr. Darüber hinaus gebe es Interesse in Europa und anderen Weltregionen.
„Dieses Radar wird bei der U.S. Navy voraussichtlich noch 40 Jahre lang im Einsatz sein. Jeder Partner, der sich für das SPY-6 entscheidet, profitiert deshalb von den kontinuierlichen Investitionen, die nicht nur die Vereinigten Staaten, sondern auch unsere internationalen Partner über diesen Zeitraum tätigen werden“, sagt die Managerin. Raytheon gehe davon aus, dass sich die anfängliche Einführung vergleichsweise unkompliziert umsetzen lasse.
Gegenwärtig arbeitet die A400 Frigate Company GmbH, die Projektgesellschaft von TKMS und Rheinmetall Naval für die neue Kampfschiffklasse, offenbar an einem Redesign der F127, um die Kosten pro Schiff zu reduzieren. Öffentlich waren Summen von 5 Milliarden Euro pro Einheit kolportiert worden, was von TKMS jedoch zurückgewiesen wurde. Nach Aussage von Gauthier könnte ihr Unternehmen die Anforderungen der Deutschen Marine auch dann erfüllen, wenn sich das Design der Fregatte noch einmal ändern sollte.
Sie weist in diesem Zusammenhang auf die modulare Architektur des Radars hin. Das SPY-6 bestehe aus einzelnen Bausteinen, den sogenannten Radar Modular Assemblies (RMA). Dabei handele es sich um eigenständige Radarmodule, die sich zu größeren Arrays zusammenfügen ließen. „Der große Vorteil von SPY-6 ist, dass sich das Radar praktisch auf jede benötigte Größe skalieren lässt.“
Die größte derzeit verwendete Ausführung ist die Variante SPY-6(V)1, die für die Zerstörer der Arleigh-Burke-Klasse Flight III der U.S. Navy konzipiert ist. Ein einzelnes Array besteht aus 37 RMAs. Da auf den Zerstörern vier solcher Radarflächen installiert sind, kommt ein Schiff insgesamt auf 148 RMAs. Gegenwärtig sind die beiden Arleigh-Burke-Zerstörer USS Jack Lucas (DDG 125) und USS Ted Stevens (DDG 128) mit dem Radar ausgestattet. Die USS Jack Lucas habe bereits mehrere scharfe Schießversuche einschließlich Tests gegen reale Ziele absolviert. Das Schiff befinde sich derzeit in der operationellen Erprobung, die bis Ende des kommenden Jahres abgeschlossen werden solle, sagt Gauthier. Bis dahin werde das SPY-6-System mehr als 60 Flugkörpertests mit scharfen Schüssen absolviert haben. Danach werde die USS Jack Lucas das erste Schiff der U.S. Navy sein, das mit der vollständig qualifizierten SPY-6(V)1-Konfiguration für die ballistische Flugkörperabwehr ausgestattet sei.
Neben den Radaren für die Zerstörer existieren kleinere Ausführungen mit 24 beziehungsweise neun RMAs. Die 24-RMA-Version wird als SPY-6(V)4 bezeichnet. Die U.S. Navy nutzt SPY-6 auch auf kleineren Schiffen, indem sie einfach weniger RMAs einsetzt, erläutert Gauthier das modulare Konzept.
Dabei bleibt ihrer Aussage zufolge die technische Basis weitgehend identisch. Hardware, Wartungskonzept, die unter Deck installierte Ausrüstung und die Ausbildung des Bordpersonals seien über die verschiedenen Varianten hinweg gleich. „Es ist dasselbe System. Lediglich die Größe und damit natürlich auch die Kosten unterscheiden sich entsprechend dem jeweiligen Bedarf.“
Kleinere Varianten ließen sich beispielsweise für die Luftraumüberwachung oder die Flugsicherung einsetzen. Die größeren Ausführungen seien hingegen insbesondere für die ballistische Flugkörperabwehr ausgelegt. Allerdings schließt Gauthier eine entsprechende BMD-Fähigkeit bei kleineren Varianten nicht aus. Damit hält Raytheon eine Anpassung des ursprünglich für Deutschland vorgesehenen Angebots für möglich, falls die Anforderungen oder das Design der F127 eine andere Konfiguration notwendig machen sollten.
SPY-6 profitiere von mehr als zehn Jahren Entwicklungs-, Integrations- und Erprobungsarbeit, sagte die Raytheon-Managerin. Das Radar befinde sich bereits in der Serienproduktion. Für potenzielle Kunden bedeute dies einen erheblichen Vorteil. „Man muss nicht erst 15 Jahre lang umfangreiche und sehr kostspielige Entwicklungs- und Integrationstests durchführen“, sagt Gauthier. Auch der Aufbau einer eigenen Fertigungsstätte und einer qualifizierten Zulieferbasis entfalle.
Integration europäischer Lenkflugkörper technisch möglich
Ein Diskussionspunkt bei der Auswahl des Radars war in der Vergangenheit die Integration europäischer Lenkflugkörper. In Deutschland war im Vorfeld der Beschaffungsentscheidung unter anderem argumentiert worden, dass das bei der F127 alternativ betrachtete Radar SPY-7 von Lockheed Martin Vorteile bieten könnte, weil sich europäische Effektoren möglicherweise einfacher integrieren ließen. Dagegen wurde beim SPY-6 als Program of Record eine Zustimmung der U.S. Navy als erforderlich angesehen. Die Integration europäischer Effektoren in SPY-6 und das FüWES Aegis der U.S. Navy wurde dabei mitunter als unwahrscheinlich bewertet.
Gauthier hält diese Einschätzung für ein Missverständnis. „Es ist ein weitverbreiteter Irrtum, dass SPY-6 ausschließlich mit Lenkflugkörpern oder anderen Effektoren zusammenarbeiten kann, die direkt über ein Gefechtsführungssystem integriert werden.“ Zwar werde SPY-6 auf den Arleigh-Burke-Zerstörern derzeit mit Aegis Baseline 10 eingesetzt. Der Sensor sei jedoch keineswegs auf diese Architektur angewiesen.
„SPY-6 braucht kein System wie Aegis, um zu funktionieren und seine Aufgaben zu erfüllen“, betont die Managerin. Das Radar könne Effektoren direkt ansteuern und ihnen Zieldaten zur Verfügung stellen, ohne dass dafür zwingend ein Führungs- und Waffeneinsatzsystem als Zwischeninstanz erforderlich sei.
Das SPY-6 sei hinsichtlich des Combat Management Systems agnostisch und könne auch mit anderen Systemen als Aegis funktionieren. Als Beleg verweist Gauthier auf einen Integrationsversuch, bei dem Raytheon innerhalb von nur sechs Wochen eine Anbindung des Radars an das Gefechtsführungssystem der US-amerikanischen Zumwalt-Klasse demonstriert habe. Dies sei ein „Durchbruch“ gewesen, weil dabei deutlich geworden sei, dass die Integration von SPY-6 in ein anderes Gefechtsführungssystem keinen besonders großen Aufwand erfordere. Im Wesentlichen gehe es um eine Schnittstelle und einige weitere technische Abstimmungen. Auch eine Integration in das für die F127 vorgesehene kanadische CMS 330, das neue Standard-FüWES der Deutschen Marine, hält sie grundsätzlich für möglich.
Für die Integration eines neuen europäischen Lenkflugkörpers seien selbstverständlich weitere Arbeiten notwendig. Die technischen Fähigkeiten des Radars stünden einer solchen Integration aber nicht entgegen. Ob die U.S. Navy beziehungsweise die US-Regierung einer solchen Integration im Rahmen eines „Foreign Military Sales“ (FMS)-Geschäfts zustimmen müsste, konnte die Managerin nicht beantworten.
SPY-6 kann die Reichweite vorhandener Effektoren erhöhen
Gauthier betont die große Leistungsfähigkeit des Radars. SPY-6 könne die Wirksamkeit bereits vorhandener Effektoren steigern, indem es Ziele auf größere Entfernungen erfasse und damit deren Einsatzmöglichkeiten erweitere. So sei kürzlich bei einem Test mit dem Lenkflugkörper SM-3 die bislang größte Abfanghöhe und Abfangentfernung mit dieser Waffe erreicht worden, was sie auf die große Radarreichweite zurückführe.
Gegenwärtig baut RTX seine Produktionskapazitäten für den Sensor deutlich aus. Aktuell werde ungefähr ein Radararray pro Monat gefertigt, sagt Gauthier. Im Laufe des kommenden Jahres solle die Produktionsleistung mehr als verdoppelt werden. Dafür seien zusätzliche Investitionen vorgesehen, die über die bereits investierten 800 Millionen US-Dollar hinausgingen. „Wir sehen die Nachfrage und wollen unsere Produktionskapazitäten so ausbauen, dass wir den Bedarf an Radarsystemen decken können, ohne dass es zu längeren Wartezeiten kommt.“ Dabei seien die Produktionskapazitäten so ausgelegt, dass auch zusätzliche Aufträge internationaler Kunden berücksichtigt werden könnten.
Einbindung der deutschen Industrie
Ein wichtiger Aspekt bei der deutschen Beschaffung ist die industrielle Beteiligung. Gauthier verweist in diesem Zusammenhang auf die langjährige Zusammenarbeit zwischen RTX und deutschen Unternehmen. Ein Beispiel sei das Gemeinschaftsunternehmen COMLOG mit MBDA, das derzeit Patriot-Flugkörper des Typs PAC-2 GEM-T baut. Im Rahmen des Rolling-Airframe-Missile-Programms (RAM) für die Marine arbeite ihr Unternehmen mit Diehl Defence zusammen.
Auch für SPY-6 suche RTX nach Möglichkeiten, deutsche Unternehmen einzubinden. Mit Hensoldt gebe es Gespräche und ein grundsätzliches Interesse an einer Zusammenarbeit. Eine konkrete Vereinbarung sei allerdings noch nicht getroffen worden. Weitere deutsche Unternehmen würden ebenfalls geprüft. Namen wollte Gauthier zum gegenwärtigen Zeitpunkt allerdings nicht nennen.
Entscheidend sei, welche Technologien und Komponenten im Rahmen der US-amerikanischen Export- und Freigabebestimmungen für eine internationale Fertigung zugänglich gemacht werden könnten, sagte sie. RTX führe dazu Gespräche mit den zuständigen Stellen in den Vereinigten Staaten. Aus Sicht von Raytheon könne eine Erweiterung der globalen Zulieferbasis für SPY-6 nur Vorteile bringen.
Munitionsproduktion wird ausgeweitet
Vor dem Hintergrund der jüngsten Erfahrungen aus den Kriegen in der Ukraine und im Nahen Osten gewinnt die Verfügbarkeit von Lenkflugkörpern zunehmend an Bedeutung. Gauthier verweist vor diesem Hintergrund auf die erheblichen Anstrengungen, die RTX derzeit beim Ausbau seiner Munitionsproduktion unternimmt.
Bei einigen der wichtigsten Effektoren arbeite Raytheon daran, „die derzeitige Produktionsleistung auf das Drei- bis Vierfache zu steigern“. Grundsätzlich bestehe ein Interesse daran, die internationale industrielle Zulieferbasis auszubauen. Dies müsse allerdings im Einklang mit den politischen Vorgaben der Vereinigten Staaten geschehen.
Instandsetzung einfach möglich
Bei der langfristigen Nutzung eines Radarsystems spielen die Instandhaltung und die Versorgung mit Ersatzteilen eine wesentliche Rolle. Im Vergleich zu älteren Radarsystemen bringe die Modularität einen erheblichen Fortschritt. So sei SPY-6 im Gegensatz zum älteren SPY-1-Radar ein vollständig digitales Antennensystem. „Die wesentlichen Leistungssteigerungen über die Lebensdauer des Systems werden deshalb vor allem durch Software und Firmware ermöglicht.“
Auch die Wartung an Bord sei deutlich einfacher. Für die routinemäßige Instandhaltung durch die Besatzung seien im Wesentlichen nur zwei Werkzeuge erforderlich: ein Schraubendreher und ein Spannungsmessgerät. Besonders wichtig sei dabei die Austauschbarkeit der sogenannten Transmit-Receive Modules (TRM). Diese könnten bei einem Defekt relativ einfach ausgebaut und ersetzt werden. „Das Radar muss anschließend nicht neu kalibriert werden. Es kalibriert sich selbst, weil die entsprechende Softwaredatenbank während der gesamten Lebensdauer des Systems im Radar hinterlegt ist“, betont die Managerin. Die ausgebauten Module müssten zur Reparatur allerdings weiterhin an RTX in den Vereinigten Staaten zurückgeschickt werden.
Ein weiterer Vorteil bestehe darin, dass der Ausfall einzelner Module nicht zum Ausfall des gesamten Radars führe. SPY-6 verfügt über eine sogenannte Graceful Degradation. Selbst wenn einzelne Module ausfielen, bleibe das Radar grundsätzlich funktionsfähig und könne weiterhin ein vollständiges Lagebild bereitstellen.
Nach Aussage von Gauthier nutzt SPY-6 Galliumnitrid (GaN) in seinen Halbleiterbauelementen. Dieses Material ermögliche eine hohe Ausgangsleistung bei gleichzeitig effizientem Wärmemanagement. Die Fähigkeit, Wärme effizient abzuführen, sei ein wesentlicher Faktor für die Leistungsfähigkeit moderner Radarsysteme.
Raytheon verfügt über eine eigene Fertigung für diese Halbleitertechnologie. Gauthier bezeichnet die entsprechende Fertigungsstätte als einzige für Systeme des US-Verteidigungsministeriums zugelassene Foundry.
Anpassungen kommen über die Software
Bei zukünftigen Softwareanpassungen könne Deutschland nach Aussage von Gauthier auch eigene Bedrohungsdaten und Erkenntnisse in die Weiterentwicklung einbringen. Sie verweist dabei auf das Patriot-Programm, das auf diese Weise von einer internationalen Nutzer- und Entwicklungsgemeinschaft profitiere. Dadurch könnten Verbesserungen für mehrere Nutzer gemeinsam umgesetzt und die Kosten verteilt werden. Ihr Unternehmen erhalte Zugriff auf reale Bedrohungsdaten aus aktuellen Konflikten. „Diese Erkenntnisse nutzen wir, um unsere Systeme kontinuierlich weiterzuentwickeln und an neue Bedrohungen anzupassen.“
Ihr Unternehmen arbeite kontinuierlich mit seinen Lieferanten an aktualisierten Preisen und langfristigen Preisvereinbarungen, sagt Gauthier. Sobald eine Bestellung über die U.S. Navy vorliege, könne die Materialbeschaffung eingeleitet werden. Im derzeitigen Ansatz würden Bestellungen internationaler Partner im Rahmen der jeweiligen FMS-Verfahren mit den Bestellungen der U.S. Navy aus demselben Jahr gebündelt. Das habe gleich mehrere Vorteile: Zum einen könnten die benötigten Komponenten gemeinsam beschafft und die deutschen Radaranlagen in die laufende Produktionsplanung aufgenommen werden. Zum anderen werde der Preis des jeweiligen Beschaffungsjahres festgeschrieben. Die Bündelung mit den größeren Bestellmengen der U.S. Navy könne außerdem zu günstigeren Konditionen führen.
Bei einer möglichen Änderung am Design der F127 könne RTX Unterstützung leisten, auch innerhalb eines sehr kurzen Zeitraums. Deutschland sei ein wichtiger Partner, und RTX wolle die deutsche Beschaffung eng begleiten und alle erforderlichen Informationen bereitstellen, sagt die Raytheon-Managerin.
Lars Hoffmann

















