Im Fokus: Russlands militärische Zukunft nach dem Krieg in der Ukraine

Kristóf Nagy

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Wie wird sich Russlands Militär nach dem Krieg gegen die Ukraine entwickeln? Dieser Frage widmet sich der von Pentti Forsström herausgegebene Sammelband „Russia’s War Against Ukraine – Russia’s Future Military Development“ der finnischen National Defence University. Die Publikation geht dabei bewusst über eine Betrachtung von Waffen, Truppenstärken und Rüstungsproduktion hinaus. Im Mittelpunkt stehen die politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, technologischen und militärischen Faktoren, die Russlands künftige militärische Leistungsfähigkeit bestimmen können.

Ausgangspunkt ist die Unterscheidung zwischen militärischem Potenzial und militärischer Macht. Forsström versteht den Wiederaufbau der russischen Streitkräfte als langfristigen Prozess, der neben Organisation, Ausbildung, Personal und Material auch Reserven, Infrastruktur, wirtschaftliche und demografische Ressourcen sowie die Entwicklung künftiger Formen der Kriegführung umfasst.

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Mehrere Beiträge beschäftigen sich zunächst mit den unmittelbaren Folgen des Ukraine-Krieges. Tor Bukkvoll untersucht die Voraussetzungen für einen Wiederaufbau der russischen Streitkräfte. Russland dürfte demnach wesentliche materielle Fähigkeiten wiederherstellen können und nach dem Krieg über umfangreiche Kampferfahrung verfügen. Gleichzeitig bestehen erhebliche Herausforderungen, insbesondere bei Wirtschaft, Rüstungsindustrie, Personal, technologischer Innovation und der institutionellen Verarbeitung der Kriegserfahrungen. Damit verschiebt sich die Perspektive von der Frage, wie groß beispielsweise die Anzahl künftig vorhandener Waffensysteme Russlands sein wird, hin zu der Betrachtung, wie erfolgreich das Land seine vorhandenen Ressourcen in militärische Wirkung umsetzen kann.

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Ein zweiter Schwerpunkt des Bandes liegt auf den Voraussetzungen, die außerhalb der Streitkräfte selbst liegen. Die Beiträge betrachten unter anderem die politischen Entscheidungsstrukturen, die Organisation des russischen Staates, die Rüstungswirtschaft sowie die Verfügbarkeit von Fachkräften. Dabei wird deutlich, dass Russlands militärische Entwicklung eng mit der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung verbunden ist. Beiträge zu Personalengpässen in der Rüstungsindustrie, zur gesellschaftlichen Unterstützung des militärisch-industriellen Komplexes sowie zur Mobilisierung zeigen, dass die Fähigkeit zur langfristigen Kriegsführung naturgemäß nicht allein eine Frage industrieller Produktionskapazitäten ist.

Auch die russische Gesellschaft wird als Ressource und zugleich als möglicher begrenzender Faktor betrachtet. Migration, Mobilisierung, gesellschaftliche Reaktionen auf den Krieg und die Beziehungen zwischen Staat, Militär und Gesellschaft bilden deshalb einen eigenen Themenkomplex der Publikation.

Besonders relevant für die militärische Fachdiskussion sind die Kapitel zur technologischen und operationellen Entwicklung. Behandelt werden unter anderem Führungs- und Aufklärungsstrukturen (C2/C4ISR), unbemannte Systeme, Elektronischen Kampf, Präzisionswaffen sowie die russische Fähigkeit, unterschiedliche Wirkmittel auf dem Gefechtsfeld im Verbund einzusetzen. Der Ukraine-Krieg erscheint dabei als umfassendes Erprobungsfeld. Russische Streitkräfte sammeln Erfahrungen mit Drohnen, Aufklärung, Feuerunterstützung und elektronischer Kriegführung, müssen aber zugleich auf die hohe Transparenz des modernen Gefechtsfeldes reagieren, um die Überlebensfähigkeit eigener Kräfte zu gewährleisten.

Die Beiträge zur russischen Militärwissenschaft gehen deshalb der Frage nach, wie Kriegserfahrungen in Doktrin, Ausbildung und Streitkräfteentwicklung übersetzt werden. Dabei wird auch auf das Spannungsfeld zwischen theoretischen Konzepten und den tatsächlich beobachtbaren Fähigkeiten auf dem Gefechtsfeld hingewiesen. Mehrere Kapitel widmen sich dem russischen strategischen Denken. Themen sind unter anderem die russische Vorstellung von Krieg und Frieden, die Entwicklung militärwissenschaftlicher Konzepte sowie die Bedeutung historischer Erfahrungen für die Streitkräfteentwicklung.

Weitere Beiträge untersuchen Russlands Verhältnis zum Westen, hybride Einflussinstrumente, Cyberoperationen und die Rolle nuklearer Fähigkeiten. Der Band betrachtet diese Instrumente nicht isoliert, sondern als Bestandteile eines umfassenderen russischen Machtansatzes. Historische Rückblicke, angefangen bei früheren Reformprozessen bis zur Entwicklung russischer Strategie seit den Tschetschenienkriegen, ergänzen diese Perspektive. Sie verdeutlichen, dass Anpassung und Reform der russischen Streitkräfte wiederkehrende Prozesse sind und nicht erst mit dem Ukraine-Krieg begonnen haben.

Im letzten Teil richtet sich der Blick auf mögliche zukünftige Konfliktformen und sicherheitspolitische Herausforderungen. Behandelt werden unter anderem die weitere Entwicklung russischer Strategie, hybride und cybergestützte Aktivitäten sowie maritime und gesamteuropäische Sicherheitsfragen. Die Publikation versucht dabei ausdrücklich nicht, eine abgeschlossene Prognose über die russischen Streitkräfte der Zukunft zu liefern. Vielmehr werden die Faktoren beschrieben, die deren Entwicklung beeinflussen können. Das entspricht auch dem Fazit des Herausgebers: Der militärische Wiederaufbau Russlands ist ein laufender und noch nicht abgeschlossener Prozess.

Fazit

Russia’s War Against Ukraine – Russia’s Future Military Development ist vor allem als analytischer Rahmen für die Beurteilung künftiger russischer Militärmacht und der Fähigkeit, diese zu projizieren, von Interesse. Der Sammelband zeigt, dass die Entwicklung der russischen Streitkräfte nicht isoliert von Wirtschaft, Rüstungsindustrie, Personal, Gesellschaft, Technologie und politischer Steuerung betrachtet werden kann. Für die militärische Fachdiskussion liegt der Wert der Publikation deshalb weniger in einer konkreten Vorhersage als in der Zusammenführung dieser unterschiedlichen Faktoren.

Der Ukraine-Krieg liefert Russland umfangreiche Erfahrungen. Zugleich offenbart er aber auch deutlich strukturelle Grenzen und Anpassungsprobleme. Wie daraus langfristig eine veränderte russische Militärmacht entsteht, bleibt offen. Der Band liefert damit keine einfache Antwort auf die Frage, wie stark Russland nach dem Krieg sein wird. Er zeigt vielmehr, welche Entwicklungen beobachtet werden müssen, um diese Frage künftig belastbarer beantworten zu können.

Der Sammelband kann hier kostenlos heruntergeladen werden: Russia’s War Against Ukraine – Russia’s Future Military Development

Kristóf Nagy