Die U.S. Army hat Ende Juli ein umfangreiches und durchaus streitbares Dokument mit dem Titel „How Russia Fights: A Compendium of Troika Observations on Russia’s Special Military Operations“ veröffentlicht. Das sich selbst als Troika bezeichnende Autorenteam, welches aus ehemaligen Stabsoffizieren der Army mit tief reichenden Kenntnissen der russischen Streitkräfte verfügen, haben auf 330 Seiten eine umfangreiche Analyse der Gefechtsführung verfasst. Die Beobachtungen beinhalten den Zeitraum vom Beginn der Vollinvasion in der Ukraine am 24. Februar 2022 bis zum 30. Juni 2024. Eine zeitlich weiterführende Analyse ist laut dem Dokument bereits in Vorbereitung.
Das Papier gliedert sich in sieben Kapitel und einem Anhang und behandelt die Schwerpunkte Führung, Manöver, Aufklärung, Wirkung, strategische Nachhaltigkeit, Schutz und eine zusammenfassende Analyse. Basierend auf über 200 Berichten hat das Autorenteam eigener Aussage nach die Entwicklung der einzelnen russischen Teilstreitkräfte analysiert. Der Schwerpunkt dabei lag, bedingt durch die Natur des Krieges, auf den Landstreitkräften, auch wenn etwa Verbesserungen der Leistungsfähigkeit in einigen Teilbereichen der russischen Luftwaffe durchaus Erwähnung finden. Fokus der Analyse ist dabei der Vergleich zwischen der Doktrin der russischen Streitkräfte und der tatsächlich zu beobachtenden Umsetzung auf dem Gefechtsfeld. Dabei widersprechen die Autoren der durch Medienberichte geprägten öffentlichen Wahrnehmung mehrfach ausdrücklich.
Eines der sicherlich herausstechenden Aspekte der Analyse ist das Aufräumen mit der Vorstellung von infanteristischen Massenangriffen, welche in den Median als Meat Waves (Fleischwellen) bezeichnet werden. Diese zu Beginn des Konfliktes tatsächlich durchgeführten, massierten Vorstöße mit teilweise gewaltigen Verlustzahlen seien bereits Mitte 2024 nicht mehr zu beobachten gewesen. Stattdessen hätten die russischen Streitkräfte auf flexiblere und angepasste Vorgehensweisen umgestellt und ihre Angriffsverbände der jeweiligen Aufgabe entsprechend kurzfristig zusammengestellt. Eng verbunden sei damit das Narrativ vom langsamen, verlustreichen Vorrücken unter gewaltigen Opfern. Auch dies sei den Autoren zufolge einem gezielten Vorgehen mit klar definierten taktischen und strategischen Zielen gewichen, um die Ukraine in der Tiefe zu treffen und die Führbarkeit, logistische Versorgung und den Zusammenhalt der ukrainischen Streitkräfte zu schwächen.
Spezialkräfte, elektronische Kriegsführung und die Zukunft des Kampfpanzers
Den methodischen Stoß in die Tiefe zeige laut dem Autorenteam auch die russische Nutzung von Spezialkräften. Diese seien ebenfalls deutlich weniger statisch als erwartet und würden über die Grenzen der einzelnen Gefechtsstreifen von Großverbänden unabhängig operieren. Ihr Ziel sei die Lähmung und Vernichtung von Hochwertzielen im Bereich ukrainischer Führungs- und Logistikkräfte und das Generieren von Aufklärungsergebnissen. Ihre Führung und Missionsplanung erfolgen mitunter auf Ebene der einzelnen Armeen.
Dies gelte auch für den Einsatz elektronischer Kampfmittel. Komplexe mit weitreichender Wirkung würden Brigade-übergreifend eingesetzt und koordiniert. Letzterer Aspekt ist insbesondere für den Einsatz eigener Aufklärungs- und Wirkmitteln von Relevanz, wie etwa Drohnen in der Tiefe des Raumes. Die russische Seite vermag demnach auch komplexe Operationen im elektromagnetischen Spektrum wirksam in Bezug auf Zeit und gestörte Frequenzen durchzuführen, koordiniert mit den eigenen Bedarfen an sicherer Telemetrieübertagung. So sei Zielaufklärung und das Generieren eines Echtzeitlagebildes bis zu 70 km und tiefer hinter den ukrainischen Linien immer öfter möglich, was in der zeitnahen Bekämpfung von Zielen etwa durch ballistische Raketen resultiere.
Auch den immer wieder vernehmbaren Schwanengesang auf den Kampfpanzer teilt die Troika mit Nichten. Die ursprünglich konzeptionell vorgesehene Gefechtsführung Panzer gegen Panzer finde in der Ukraine nur überaus selten statt. Der Kampfpanzer sei demnach eher in der Rolle eines die Infanterie unterstützenden Sturmgeschützes zu finden, welches auch als mobiler Bunker in der Verteidigung oder für lokale Gegenstöße genutzt werden kann. Zusätzliche Schutzelemente, wie Drohnenabwehrkäfige im Verbund mit reaktiver Panzerung und weiteren Maßnahmen der Drohnenabwehr wären jedoch so weit gereift, dass die Wirksamkeit von FPV-Drohnen und Loitering Munition in Relation zum Beginn des Konfliktes, respektive dem Auftauchen der Systeme auf dem Gefechtsfeld drastisch zurückgegangen seien.
How Russia Fights zeichnet ein abweichendes und teilweise überaus ernüchterndes Bild von dem, was westliche Berichterstatter seit Kriegsbeginn mantraartig wiederholen. Demnach hätten die ukrainischen Streitkräfte häufiger auf politischen Druck symbolhafte Angriffe durchgeführt, als das die russische Seite aktuell im fortschreitenden Konflikt tue. Auch sei das russische Vorgehen systematisch und methodisch und dem Ziel unterworfen den vollständigen Kollaps der ukrainischen Streitkräfte herbeizuführen.
Das vollständige PDF-Dokument (11 MB) ist in englischer Sprache und kann unter folgendem Link kostenlos heruntergeladen werden: How Russia Fights: A Compendium of Troika Observations on Russia’s Special Military Operations
Kristóf Nagy


















