Radschützenpanzer auf der Ziellinie?

Waldemar Geiger

Bei der Aufstellung der neuen „Mittleren Kräfte“ ist es Absicht des deutschen Heeres, die darin abgebildete Kampftruppe – bestehend aus Jäger- und Grenadierverbänden – mit durchsetzungsfähigen Maschinenkanonenboxern auszustatten. Doch die finale Entscheidung darüber, ob beide Truppengattungen das gleiche Fahrzeug erhalten werden, oder unterschiedliche Systeme zu beschaffen sind, ist nach Informationen von hartpunkt noch nicht getroffen – auch wenn die Auswahlentscheidung für den „Radschützenpanzer“, so der bundeswehrinterne Projektname des zukünftigen Gefechtsfahrzeuges der Grenadiere, dem Vernehmen nach in Kürze erfolgen könnte. Dies wäre notwendig, damit der Beschaffungsvertrag noch in diesem Jahr geschlossen werden kann und die Fahrzeuge gemäß den vom Heer geplanten Zeitlinien rechtzeitig zulaufen.

Wie es heißt, stehen zudem die Chancen nicht schlecht, dass die Beschaffung des Radschützenpanzers über die europäische Rüstungsbehörde OCCAR erfolgen wird. Dies böte den Vorteil, dass sich auch andere Nationen dem Beschaffungsvorhaben anschließen könnten. Die dadurch realisierbaren größeren Stückzahlen könnten den Fahrzeugpreis senken und die Interoperabilität steigern.

Ein potenzieller Kandidat wäre Insidern zufolge die Niederlande, welches im November 2023 die Absicht bekanntgegeben hat, der OCCAR beitreten zu wollen. Der westliche Nachbar Deutschlands denkt seit geraumer Zeit darüber nach, die Durchsetzungsfähigkeit der eigenen Boxer-Verbände zu erhöhen. Mit Blick auf die tiefe Integration der niederländischen Landmacht in das Deutsche Heer wäre ein solcher Schritt nachvollziehbar und wurde in den vergangenen Jahren bereits in mehreren unterschiedlichen Projekten durchexerziert.

Bestätigen wollte dies jedoch weder das deutsche noch das niederländische Verteidigungsministerium. Auf eine Anfrage von hartpunkt antwortete ein Sprecher des Verteidigungsministeriums lediglich mit dem Verweis, dass man sich „zu möglichen Beschaffungsprojekten vor der parlamentarischen Befassung nicht äußern“ könne. „Dies schließt Informationen über Zeitlinien und (sofern zutreffend) vertraulichen Gesprächen mit Partnern mit ein“, so der Sprecher. Eine Anfrage beim niederländischen Verteidigungsministerium blieb gänzlich unbeantwortet. [Update: Defensie hat die Anfrage am 7. Februar 2024 beantwortet, der Inhalt der Antwort wurde in einem separaten Beitrag aufgegriffen: Niederländische Boxerverbände – NATO fordert mehr Feuerkraft]

Die Qual der Turmwahl beim Radschützenpanzer

Während bereits seit längerem klar ist, dass die Jägerbataillone mit dem sogenannten Schweren Waffenträger Infanterie einen Boxer mit einem bemannten 30-mm-Turm des Typs Lance Block II erhalten werden, steht die genaue Ausgestaltung des Radschützenpanzers, mit dem zwei Grenadierbataillone (Rad) ausgerüstet werden sollen, noch nicht final fest. Als gesichert gilt lediglich, dass das Heer einen Bedarf von 148 Radschützenpanzern hat und dass das Fahrzeug die gleiche 30-mm-Waffenanlage wie der Schützenpanzer Puma erhalten soll.

In der Vergangenheit deuteten viele Anzeichen darauf hin, dass der „Radschützenpanzer“ auf gleicher Basis wie der „Schwere Waffenträger Infanterie“ realisiert werden könnte, da dies unter Umständen die Beschaffung beschleunigen und die logistische Vielfalt in der Brigade verringern würde. Gegen eine solche Entscheidung sprechen allerdings die unterschiedlichen Nutzungsprofile der beiden Gefechtsfahrzeuge: Die primäre Rolle des Schweren Waffenträgers Infanterie liegt in der direkten taktischen Feuerunterstützung der vornehmlich abgesessen kämpfenden Jäger. Daher benötigen diese Fahrzeuge keine Absitzstärke. Der Radschützenpanzer soll hingegen „Mutterschiff“ und „Schlachtross“ der radbeweglichen Grenadiere werden, welche den Kampf sowohl auf- als auch abgesessen und in enger Anbindung an das Fahrzeug führen. Daher benötigt dieses Fahrzeug nicht nur Durchsetzungsfähigkeit, sondern auch entsprechenden Kampfraum, um die Grenadiere samt Ausrüstung aufnehmen zu können.

Seit kurzem verdichten sich nun die Hinweise, dass der Boxer RCT30 – ein Boxer mit dem gleichen unbemannten Turm wie der Schützenpanzer Puma – im Rennen um den Radschützenpanzer Boden gut gemacht hat. Insidern zufolge werden dem von KDNS (ehemals Krauss-Maffei Wegmann) angebotenen Fahrzeug, auch bekannt unter dem Namen „PuBo“, immer größere Chancen eingeräumt. Diese beruhen wohl darauf, dass der PuBo neben dem größeren Kampfraum – mehr Absitzstärke oder mehr Transportraum für Ausrüstung bei gleicher Absitzstärke wie beim Schweren Waffenträger Infanterie mit seinem platzraubenden Turmkorb – auch signifikant günstiger sein soll. Überdies ist aus Parlamentskreisen zu vernehmen, dass die Entscheidung der australischen Regierung, den südkoreanischen Schützenpanzer Redback anstatt des Lynx von Rheinmetall zu beschaffen, für Irritationen gesorgt hat. Die Bereitschaft, einen in Australien gefertigten Boxer-Radschützenpanzer zu kaufen, soll entsprechend gesunken sein.

Gut informierten Kreisen zufolge sind die unterschiedlichen Fahrzeugpreise dem Bund wohl bekannt. Denn der Schwere Waffenträger Infanterie befindet sich in der finalen Beschaffungsphase, eine 25-Mio-Vorlage wird in Kürze im Parlament erwartet. Somit stehen die Preise des Fahrzeuges fest. Und auch die aufgerufenen Preise für den PuBo von KNDS sind dem Bund wohl aus zweierlei Gründen bekannt: Gut unterrichteten Kreisen zufolge hat die Ukraine Interesse an dem marktverfügbaren Fahrzeug, weshalb der Bund offenbar eine Finanzierung prüft. Zudem gilt das Fahrzeug als markverfügbar, weil KNDS – dies wurde hartpunkt aus unterschiedlichen Quellen bestätigt – einen Auftrag für das Fahrzeug aus einem Land im Mittleren Osten erhalten hat.

Waldemar Geiger