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MBDA und Lockheed Martin gründen Joint Venture

Der Lenkflugkörperhersteller MBDA Deutschland und Lockheed Martin haben  ein Joint Venture für das zukünftige Taktische Luftverteidigungssystem (TLVS) der  Bundeswehr gegründet. Wie MBDA weiter mitteilte, soll das  als TLVS GmbH registrierte Gemeinschaftsunternehmen Hauptauftragnehmer für das neue System werden, über das gegenwärtig mit Bundeswehr-Beschaffungsamt (BAAINBw) Vertragsverhandlungen geführt werden.

Dietmar Thelen für MBDA und Gregory Kee für Lockheed Martin werden das Unternehmen mit Sitz am MBDA-Standort Schrobenhausen geschäftsführend leiten, wie es weiter heißt.  Die beiden sollen offenbar weitgehend gleichgestellt sein. Darüber hinaus würden betriebliche Einrichtungen in Deutschland und in den USA genutzt. Nach Angaben von MBDA sollen in Zukunft mehrere Hundert Mitarbeiter für das Joint Venture tätig werden, darunter auch solche von MBDA Italien.

Thelen und  Kee haben laut  MBDA bei den Streitkräften, der NATO und im militärischen Beschaffungswesen umfassende Erfahrungen gesammelt und verfügen über einen langjährigen militärischen, industriellen und internationalen Hintergrund.

60 Prozent der Anteile liegen bei MBDA

Bereits im vergangenen Jahr war bekanntgeworden, dass die beiden Manager das Joint Venture leiten sollen. Offenbar haben sich die Vertragsverhandlungen zwischen den beiden Industriepartnern jedoch länger als erwartet hingezogen. Nach Angaben eines MBDA-Sprechers werden 60 Prozent der Kapitalanteile an dem Gemeinschaftsunternehmen von MBDA gehalten, 40 Prozent von Lockheed Martin. Wie die zukünftige Arbeits-  und Risikoverteilung aussehen sollen, ist im Augenblick dem Vernehmen nach noch nicht eindeutig festgelegt. Hier dürfte spätestens bei  Vertragsunterzeichnung Klarheit herrschen. Wie es heißt,  will das BAAINBw das Konsortium Ende März zur erneuten Angebotsabgabe auffordern. Die Verträge sollen bis Ende des Jahres abschließend verhandelt sein.

Mit TLVS würden die Ergebnisse und Erfahrungen aus der 4 Mrd USD teuren Investition in das trilaterale MEADS-Programm der USA, Deutschland und Italiens genutzt und die amerikanisch-europäische Partnerschaft mit der gemeinsamen Verpflichtung für Sicherheit und Verteidigung vertieft und fortgeführt, teilte MBDA mit.

„Dieses Joint Venture ermöglicht uns, in einem integrierten Umfeld flexibel und zügig Entscheidungen zu treffen. Zudem verfügen wir über uneingeschränkten Zugang zu modernsten Test- und Simulationseinrichtungen und können mit den gebündelten Erfahrungen und gemeinsamen Ressourcen von MBDA und Lockheed Martin agieren. Damit werden wir dieses wichtige Verteidigungsprogramm für Deutschland und die NATO zum Erfolg führen“, wird Thomas Gottschild, Geschäftsführer von MBDA Deutschland, zitiert.

„Wir arbeiten seit über 15 Jahren in enger Partnerschaft mit MBDA Deutschland zusammen, um das Luftverteidigungssystem der Zukunft zu entwickeln. Mit diesem Joint Venture erreichen wir die nächste Stufe unserer Partnerschaft und werden gemeinsam in Deutschland moderne Lenkflugkörpertechnologie zur Abwehr aktueller und zukünftiger Bedrohungen anbieten“, sagte laut Mitteilung Frank A. St. John, Vizepräsident Missiles and Fire Control bei Lockheed Martin. „Wir unterstützen die Rolle Deutschlands als führende Nation für Luftverteidigung und Raketenabwehr innerhalb der NATO. Das MEADS-basierte TLVS ist das System der nächsten Generation. TLVS schließt die Lücke zum überfälligen, mobilen Luftverteidigungssystem mit 360°-Rundum-Verteidigungsfähigkeit und deckt den Bedarf zur präzisen Identifikation und Bekämpfung von Bedrohungen.“

Interesse an Exportmärkten

Lockheed Martins Interesse an TLVS bezieht sich gut informierten Kreisen zufolge allerdings nicht nur auf Deutschland. Das Unternehmen  hofft auch auf Exportmärkten mit dem neuen Luftverteidigungssystem punkten zu können. Die jahrelange Verzögerung beim deutschen TLVS-Projekt verschlechtert jedoch  die Chancen auf dem europäischen Markt: Polen, Rumänien sowie Schweden haben sich mittlerweile für die Beschaffung des Patriot-Luftverteidigungssystems aus dem Hause Raytheon entschieden. Ob diese negative Entwicklung der Absatzperspektiven zu den Verzögerungen bei den Vertragsverhandlungen zwischen MBDA und Lockheed Martin beigetragen hat, kann nicht belegt werden.

Das Verteidigungsministerium dürfte die Gründung des Joint Ventures vermutlich begrüßen, weil mit Lockheed Martin ein potenter Industriepartner an dem Projekt beteiligt und das Risiko breiter verteilt wird. In der Vergangenheit hatten Mitarbeiter des BMVg hinter vorgehaltener Hand immer wieder Zweifel daran geäußert, ob MBDA Deutschland mit seiner eher mittelständischen Struktur überhaupt in der Lage sein würde, ein derartiges Milliardenprojekt umzusetzen.

In den kommenden Monaten wird es vermutlich auch darauf ankommen, dass das Angebot des Konsortiums neben den technischen Spezifika einen für den Auftraggeber akzeptablen preislichen Rahmen einhält. Erst letzte Woche hat das BMVg – überraschend für die meisten Beobachter – das einzige rein deutsche Konsortium von TKMS und Lürssen aus dem Wettbewerb um die neuen Mehrzweckkampfschiffe der Marine ausgeschlossen. Offenbar lag das Angebot der beiden Unternehmen preislich über der gesetzten Obergrenze. Beim Ausschluss spielte die im Koalitionsvertrag vorgenommene Einstufung des Überwasser-Schiffbaus als nationale Schlüsseltechnologie  anscheinend keine Rolle.

Zwar ist das Ausschreibungsverfahren für MKS 180 mit zuletzt drei Anbietern nicht mit dem TLVS-Projekt zu vergleichen. Allerdings hält sich auch hier das Verteidigungsministerium mit Patriot und Raytheon eine Rückfalloption offen. Und wie die Luftwaffe bestätigt, wird die Einbindung des für TLVS vorgesehenen Zweitflugkörpers Iris-T SL  in das Patriot-System gegenwärtig bereits untersucht.
lah/12/7.3.2018