Ist die Marine fit für zukünftige Stabilisierungsoperationen?

Waldemar Geiger

Die aktuellen Geschehnisse im Roten Meer zeigen deutlich, dass sich der Charakter von maritimen Stabilisierungsoperationen zu wandeln scheint. Die Proliferation der Raketen- und Drohnentechnologie hat dazu geführt, dass das Bedrohungsszenario, dem die internationale Schifffahrt ausgesetzt ist, erheblich an Komplexität gewonnen hat. Eine Komplexität, mit der die internationale Handelsschifffahrt nicht allein fertig werden kann und die zudem auch die Seestreitkräfte vieler Nationen zu überfordern droht.

Im Gegensatz zur Piraterie, gegen die sich die Handelsschiffe mit Schutzmannschaften und begrenzten Abwehrmitteln auch allein zur Wehr setzen konnten, kann das neue Bedrohungspotenzial, das zeigen die Raketen- und Drohnenangriffe der Huthi-Rebellen im Roten Meer, ausschließlich durch dafür ausgerüstete Kriegsschiffe abgewehrt werden. Nur auf Luftverteidigung spezialisierte Schiffe sind in der Lage, die anfliegenden Raketen und Drohnen rechtzeitig zu orten und abzuwehren, wie insbesondere der Einsatz der U.S. Navy im Roten Meer seit Wochen zeigt.

Der damit einhergehende Verbrauch an Abwehrflugkörpern ist unerwartet hoch, wie man der diesjährigen Rede des Inspekteurs der Deutschen Marine auf der Historisch-Taktischen-Tagung am 11. Januar 2024 entnehmen kann. „Auch im Bereich der Beschaffung von Munition sind wir leider noch nicht da, wo wir hinmüssen. Allein mit Blick auf die aktuellen Munitionsverbräuche unserer Partner bei der Operation Prosperity Guardian mache ich mir große Sorgen um die Durchhaltefähigkeit unserer Einheiten – und bei den Aktivitäten im Roten Meer sprechen wir noch nicht von LV/BV!“, sagte Vizeadmiral Jan Christian Kaack.

Mit dem anstehenden Beschluss der EU, eine maritime Mission im Roten Meer zu etablieren, könnten die Sorgen des deutschen Marinechefs bald Realität werden. Denn die auf Flugabwehr spezialisierte Fregatte Hessen der Klasse F124 soll bereits in Kürze in Richtung des Roten Meeres auslaufen, um dort dann im Falle einer für Ende Februar 2024 erwarteten Mandatierung durch den Bundestag sofort im Einsatzraum zu sein. Die Radare der vom Inspekteur jüngst als „Goldstandard“ bezeichneten 124er sind in der Lage, Ziele in einer Entfernung von etwa 400 km aufzuklären. In die 32 Zellen der Senkrechtstartanlage Mk 41 VLS des Schiffes passen wahlweise 32 Abwehrflugkörper höherer Reichweite des Typs SM-2 (Reichweite 160 km+) oder 128 Abwehrflugkörper mittlerer Reichweite des Typs ESSM (Reichweite rund 50 km) bzw. eine Mixbewaffnung beider Flugkörper. Wenn man bedenkt, dass teilweise mehrere Abwehrflugkörper pro anfliegendes Ziel benötigt werden und allein der US-Zerstörer Carney nach Angaben der U.S. Navy bis zum 30. Januar 33 Drohnen, einen Antischiffsflugkörper sowie vier Marschflugkörper abwehren musste, versteht man sofort, woher die Sorgen des Marineinspekteurs kommen.

Selbst die Schiffe der Sachsen-Klasse, die aktuell leistungsfähigsten Flugabwehrfregatten der Deutschen Marine, kommen da schnell an ihre Grenzen. Ist dies der Fall, müsste ein Schiff zügig den Einsatzraum verlassen und einen entsprechend ausgerüsteten Hafen zum Aufmunitionieren ansteuern. Der durch die Fregatte gewährleistete Raumschutz würde dann entweder für die Dauer der Abwesenheit aufgegeben oder durch ein anderes Schiff übernommen werden.

Nun mag man anmerken, dass die Carney ein Ausnahmefall darstellt, da der Rest der US-Flotte im Roten Meer geringere Abschüsse verzeichnet hat. Dieser Punkt ist sicherlich nicht von der Hand zu weisen, stimmt aber nur bedingt. Die Gefahr ist nämlich groß, dass die Huthi-Angriffe „Schule machen“ und ähnlich wie im Bereich der handelsüblichen „Kleinstkampfdrohnen“ bei Landkonflikten auch auf See zukünftig in allen Konfliktregionen ähnliche Bedrohungen wie im Roten Meer entstehen. Die eigentliche Frage ist also nicht, ob die Marine genug Schiffe und Flugkörper hat, um eine Mission im Roten Meer erfolgreich zu bestehen, sondern ob die Flotte, deren primäre Aufgabe in der Landes- und Bündnisverteidigung (LV/BV) liegt, sowohl hinsichtlich ihrer Schiffe als auch ihrer Munitionsvorräte fit genug ist, um neben dem Primärauftrag auch zukünftige Stabilisierungsoperationen meistern zu können.

Nach aktueller Lage muss man die Frage eindeutig mit nein beantworten. Die Munitionsvorräte der gesamten Bundeswehr sind bekanntermaßen extrem gering. Zudem führt der sich verändernde Bedrohungscharakter von Stabilisierungsoperationen dazu, dass der Plan der Marine kaum aufgehen wird, zukünftige Stabilisierungsoperationen mit Fregatten der Klasse F125 bestücken zu können, während der Rest der Flotte sich auf LV/BV konzentrieren kann. Die als Stabilisierungsfregatte bezeichneten 125er bieten zwar eine lange Stehzeit im Einsatzraum und sind exzellent dazu geeignet, „klassische“ Bedrohungen in Konfliktgebieten niedriger Intensität – wie beispielsweise Piratenangriffe – abzuwehren. Die Schiffe sind jedoch gänzlich ungeeignet, um die Handelsschifffahrt vor Angriffen aus der Luft zu schützen.

In der Annahme, dass die Huthi-Angriffe kein Einzelfall bleiben werden, muss die Bundeswehr schnell Maßnahmen ergreifen, wenn die Marine nicht überfordert werden soll. Es müssen logistische Fähigkeiten auf- und ausgebaut werden, um Schiffe auch im Einsatzraum mit allem, was notwendig ist – dazu zählt auch Munition – versorgen zu können. Insbesondere dann, wenn die Munitionskapazität der Schiffe begrenzt ist. Weiterhin müsste dringend geprüft werden, inwieweit die vier Fregatten vom Typ F125 modifiziert werden können, um sich auch im neuen Bedrohungsumfeld behaupten zu können. Die Wehrindustrie hat in diesem Zusammenhang sicherlich unterschiedliche Lösungen im Angebot, wie Schiffe nachträglich mit Abwehrflugkörpern – containerbasiert oder mittels Deckaufbauten – nachgerüstet werden können. Andernfalls müsste die Marine sonst regelmäßig ihre kampfstärksten Schiffe für Stabilisierungsoperationen einsetzen, welche dann im Falle des Falles nicht unmittelbar für die Wahrnehmung von Aufgaben im Rahmen von LV/BV zur Verfügung stehen würden.

Waldemar Geiger