DND will Fähigkeiten der Waffe ausbauen

Der Hersteller von schultergestützten Waffen und Reaktivpanzerung, Dynamit Nobel Defence (DND), will das Potenzial für eine Weiterentwicklung des Wirkmittels 90 näher untersuchen. Wie DND-Geschäftsführer Michael Humbek am Donnerstag am Rande der offiziellen Übergabezeremonie des Wirkmittels an die Truppe in Burbach ausführte,  könnte die Waffe möglicherweise mit einem panzerbrechenden Gefechtskopf ausgestattet werden, der bis 1.200 Meter einzusetzen ist.

Gegenwärtig kann mit der nach dem Prinzip einer Panzerfaust  konzipierten Waffe ein leicht gepanzertes Ziel bis etwa 600 Meter bekämpft werden. Für Entfernungen darüber hinaus – bis zur Höchstschussweite von 1,2 km – wird aufgrund der geringeren Präzisionsanforderungen der Air-Burst-Modus verwendet. Laut Humbek denkt sein Unternehmen auch über eine weitere Gewichtsreduktion sowie eine Erhöhung der Präzision nach – etwa durch eine Kurskorrekturmöglichkeit kurz vor dem Ziel.

Humbek bezeichnete das Wirkmittel 90 als „Quantensprung bei schultergestützten Waffen“. Er leitet diese Aussage von der Reichweite und der Möglichkeit ab, einen Luftsprengpunkt mittels des Feuerleitvisiers festzulegen. Der ballistisch geschossene Flugkörper mit Raketenmotor detoniert dabei nicht nach Zeit, sondern misst exakt die zurückgelegte Strecke. Damit werden Fehler durch Rücken- oder Gegenwind vermieden.

Bislang 1.700 Einheiten ausgeliefert

Bislang wurden laut Hersteller in einem ersten Los 1.700 Einheiten mit Spreng/Splitter-Munition an das KSK und die Spezialkräfte der Marine ausgeliefert, für die das Wirkmittel auch entwickelt wurde. Weitere Lose – auch mit Leucht- und Übungs-Munition – seien vorsehen. Auch ausländische Kunden von DND interessieren sich laut Humbek für das Waffensystem.

Eine Kernkomponente des Wirkmittels ist das Feuerleitvisier (FLV), das von der Firma Hensoldt Optronics gefertigt wird. Dieses FLV, das auch einen Entfernungsmesser beinhaltet, kann die verwendete Munitionsart automatisch erkennen. Der Schütze programmiert mit dem FLV  den Gefechtskopf auf eine der Zündvarianten  Aufschlag, Verzögerung oder Luftsprengpunkt. Bei letzterem können auch Ziele hinter einer Deckung bekämpft werden. Der Zünder wurde von der Firma Junghans entwickelt.

Die Firma MBDA hat das Feuerleitvisier auch als Optik für den gegenwärtig in Entwicklung befindlichen gelenkten Flugkörper Enforcer mit einer Reichweite von rund 2.000 Metern ausgewählt. Nach Aussage von Andreas Hülle, Geschäftsführer der Hensoldt Optronics GmbH,  arbeitet sein Unternehmen daran, das Feuerleitvisier für größere Entfernungen weiterzuentwickeln.  Insider gehen davon aus, dass der Enforcer-Flugkörper dann womöglich auch auf Entfernungen bis 2.500 Meter eingesetzt werden könnte.

Leidenberger für breite Einführung

Der stellvertretende Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Frank Leidenberger, bezeichnete das Wirkmittel 90 während der Übergabezeremonie als High-Tech-Waffe, bei der das Prinzip „Sensor to Shooter“ verwirklicht sei. Dabei bleibe der hochwertige Sensor erhalten, während die billigere Waffe verbraucht werde. Ein Soldat brauche sich aufgrund der hohen Reichweite nicht zu exponieren.  Nach Aussage von Leidenberger sollte das Wirkmittel nicht auf die Nutzung bei den Spezialkräften beschränkt bleiben, sondern für die gesamte Bundeswehr aufgefächert werden.

Neben schultergestützten Waffen hat DND nach Aussage von Geschäftsführer Humbek seit einigen Jahren auch die Geschäftssparte Schutz mit einem Umsatzanteil von etwa 40 Prozent aufgebaut. So liefert das Unternehmen die reaktiven Schutzelemente für den Schützenpanzer Puma. Diese Elemente seien für 200 Fahrzeuge bereits ausgeliefert worden. Mit dem Puma-Hersteller PSM verhandle man über weitere 80 Sätze und rechne mit einer kurzfristigen Beauftragung, so Humbek. Darüber hinaus werden seinen Worten zufolge mehr als 200 Kampfpanzer des Typs Leclerc der Vereinigten Arabischen Emirate mit Reaktivpanzerung ausgestattet. Dieser Auftrag von Mitte 2016 im Wert von mehr als 100 Mio EUR werde in drei Jahren abgewickelt.

Um die Abhängigkeit vom volatilen Rüstungsbereich etwas zu reduzieren, möchte DND nach Aussage von Humbek den Vertrieb von Brennstoffzellen der israelischen Firma Gencell für Europa übernehmen und auch in die Fertigung einsteigen. Gencell bietet „kalte“ Brennstoffzellen in der Leistungsklasse um fünf Kilowatt, die für die Notstromversorgung von Rechenzentren oder Krankenhäusern eingesetzt werden. Diese Brennstoffzellen wären prinzipiell auch für den Einsatz in Feldlagern geeignet.
lah/22.9.2017