Anzeige

Deutsch-französisches Panzerprojekt in der Krise

Bei der Entwicklung eines neuen deutsch-französischen Gefechtssystems, das die Kampfpanzer Leopard 2 und Leclerc ersetzen soll, scheint sich die Stimmung weiter zu verschlechtern. So stellen deutsche Industrie- und Regierungskreise den Erfolg des sogenannten Main Ground Combat Systems (MGCS) mittlerweile in Frage, wie das Handelsblatt am Montag berichtet. Hintergrund sind die dauernden Querelen der beiden Partner-Nationen über die Entwicklungspakete, das industrielle Setup und die Leitung. Während Frankreich beim Luftwaffenprojekt Future Combat Air System (FCAS) die Führung innehat, liegt diese für das MGCS bei Deutschland.

Der SPD-Berichterstatter für Verteidigung im Haushaltsausschuss des Bundestages, Andreas Schwarz, kann nicht nachvollziehen, warum es sechs Jahre gedauert hat, MGCS nur bis zum jetzigen frühen Projektstatus zu bringen.  Aufgrund der weiter bestehenden Diskussionen zwischen Deutschland und Frankreich – etwa über die Arbeitspakete der drei Unternehmen Nexter, KMW und Rheinmetall – fordert er, notfalls „den Stecker zu ziehen“. Man könne das Projekt nicht so weiterlaufen lassen. So seien bislang die Maßgabebeschlüsse des Bundestages, die Herstellung einer zeitlichen Parallelität zwischen dem Future Combat Air System und MGCS fordern, nicht erfüllt worden. FCAS sei dem Panzerprojekt weiter deutlich voraus.

Anstatt Steuerzahlergeld für ein nicht funktionierendes Vorhaben zu versenken, sollten jetzt schnell Lösungen gefunden werden, fordert der SPD-Verteidigungsexperte. Deutschland verfüge über die technologischen Voraussetzungen dafür. Er schlägt vor, den erprobten Leopard 2, gegebenenfalls zusammen mit anderen Nutzerländern, auf die nächste Stufe weiterzuentwickeln. Dies hält er für besser, als einen „Wunschpanzer“ zu kreieren, ähnlich wie dies beim Schützenpanzer Puma geschehen sei. Dieser sei so hochgezüchtet worden, dass er erhebliche Probleme in der Nutzung aufweise und noch immer nicht voll einsatzbereit sei.

Medienberichte, wonach Frankreich nun vorschlägt, Italien als weiteren Partner mit ins MGCS-Team zu holen, kommentiert Schwarz mit den Worten: „Wenn man etwas zum Platzen bringen will, pumpt man es auf.“

Französische Medien hatten in der vergangenen Woche geschrieben, dass Frankreich und Italien im Bereich der Rüstung ihre Kooperation, etwa beim Luftverteidigungssystem Aster und den Fregatten der Horizon-Klasse, ausbauen und den italienischen Rüstungskonzern Leonardo an MGCS beteiligen wollen. Vereinfachen dürfte ein Einstieg des italienischen Branchen-Riesen das MGCS-Projekt sicherlich nicht, da sich bereits Nexter, KMW und Rheinmetall nicht auf eine industrielle und technologische Aufgabenteilung einigen können.

Industrievertreter wundern sich unterdessen, dass nun Frankreich angeblich an einer Erweiterung von MGCS interessiert sein soll. In der Vergangenheit sei es in der Regel die Regierung in Paris gewesen, die sich gegen eine Aufnahme weiterer Partner gesträubt habe, um nicht an Gewicht zu verlieren, heißt es hinter vorgehaltener Hand. Ähnliches ist von FCAS bekannt, wo Deutschland sich für die Aufnahme Spaniens als dritten Partner stark gemacht hatte.

Dem Vernehmen nach verhandeln Leonardo und KMW gegenwärtig über die Einzelheiten, wie die über 100 Leopard 2 A8, die Italien beschaffen möchte, produziert werden sollen. Dabei kursieren Zahlen zwischen 125 bis 184 Fahrzeugen, die Rom auf dem Einkaufszettel haben soll. Beobachter gehen davon aus, dass die Endfertigung in Italien stattfinden wird, um eine Wertschöpfung in dem Land zu generieren. Überdies müssen die italienischen Streitkräfte eine Logistik- und Wartungskette aufbauen.

Zu einem Eklat in Panzerfragen ist es offenbar vor wenigen Monaten bei einem anderen Panzerprojekt zwischen Deutschland und Frankreich gekommen. Dabei geht es um die Entwicklung eines Kampfpanzers (Main Battle Tank, MBT) im Rahmen des European Defence Fund (EDF). Das Projekt wird von der EU-Kommission mit 20 Millionen Euro bezuschusst. Wie es heißt, mussten sich die interessierten französischen Unternehmen auf Anordnung der nationalen Beschaffungsbehörde DGA zurückziehen, weil die von Deutschland beanspruchte Führung des Vorhabens von der französischen Amtsseite nicht akzeptiert wurde.

Dabei wurde das Vorhaben dem Vernehmen nach von Frankreich Anfang des Jahres auf die Ausschreibungsliste der EDF-Vorhaben gebracht. Die deutsche Seite soll zunächst verwundert gewesen sein über diese Positionierung, weil man sein Augenmerk in erster Linie auf MGCS gerichtet hatte. Auch gelten die im „Call“ des EDF aufgeführten funktionalen Forderungen an den neuen europäischen Main Battle Tank als sehr ambitioniert. So wird eine Mindestgeschwindigkeit auf geteerter Straße von 80 km/h gefordert. Der direkte Feuerkampf mit dem Gegner soll auf größere Entfernungen als gegenwärtig möglich sein und gleichzeitig soll auch die Bekämpfung gegnerischer Panzer außerhalb der Sichtlinie implementiert werden. Das Gewicht darf 70 Tonnen nicht überschreiten und die Besatzung bei maximal drei Personen liegen. Ob diese Forderungen überhaupt gleichzeitig umsetzbar wären, bleibt abzuwarten.

Vermutlich wird das Thema der bilateralen Verstimmungen auch beim nächsten Treffen zwischen dem französischen und deutschen Verteidigungsminister besprochen, das bis vor kurzem für den 22. September auf der Luftwaffenbasis in Evreux terminiert war.  Gegenstand der Diskussionen dort sollte auch ein Grundlagenpapier zu MGCS sein, das im Auftrag der Streitkräfte beider Länder erarbeitet wird.
lah/4.9.2023

.i.td-icon-menu-up { display: none; }