Thales liefert neun Mehrzweckradare

Die niederländischen Streitkräfte wollen ihre Aufklärungsfähigkeiten modernisieren und haben dazu Thales Nederland mit der Lieferung von neun so genannten Multi Mission Radaren (MMR) beauftragt. Sechs dieser neuen Mittelbereichssensoren sollen für die Detektion von Raketen, Artilleriefeuer und Mörsern im Heer verwendet werden, während drei Einheiten für die bodengebundene Luftverteidigung vorgesehen sind.

Ein entsprechender Liefervertrag wurde am gestrigen Montag zwischen einem Vertreter der niederländischen Beschaffungsorganisation DMO als „Launch-Kunde“ und Thales Nederland in der Militärbasis von Vredepeel unterschrieben. An dem Standort sind alle bodengebundenen Luftverteidigungseinheiten der niederländischen Streitkräfte mit Stinger, Nasams sowie Patriot stationiert. Dem in Vredepeel ansässigen bodengebundenen Luftverteidigungskommando der Koninklijke Landmacht ist überdies die deutsche FlaRak-Gruppe 61 im Rahmen der bilateralen Kooperation unterstellt.

Der stellvertretende Direktor der niederländischen Beschaffungsbehörde DMO, Generalmajor Ivo de Jong, und Geert van der Molen, Vizepräsident Naval Thales NL, bei der Vertragsunterzeichnung in Vredepeel. Im  Hintergrund der Versuchsträger für das MMR. Foto: lah

Nach Angaben des Herstellers wurde das MMR zusammen mit Spezialisten und nach den Bedürfnissen der niederländischen Streitkräfte entwickelt. Über das Geschäftsvolumen für die neun Sensoren, die ab Mitte 2021 – zunächst für  die Artillerie – zulaufen sollen, machte Thales keine Angaben. Das MMR sei die jüngste Version der Thales 4D-AESA-Radarfamilie, zu der die Sensoren  NS100 / NS200 / SM400 / SMART-L MM gehören.

Nach Aussage des Unternehmens zeichnet sich das MMR durch eine hohe Mobilität und die schnelle Verlegbarkeit binnen weniger Minuten aus. Sei eine  waagerechte Aufstellungsposition nicht zu gewährleisten, könne dies elektronisch kompensiert werden. Gerade als Artilleriebeobachtungsradar sei oftmals eine kurzfristige Verlegbarkeit erforderlich, da ein Sensor nur wenige Minuten im aktiven Einsatz ist, um nicht selbst zum Ziel von gegnerischer Artillerie zu werden. Die Niederlande wollen mit dem MMR ihre alten Geräte des Typs TPQ-36 ersetzen. Laut Thales wurden mit dem Radar unter anderem bei Tests in Deutschland Artilleriemunition der Kaliber 120mm, 81mm sowie von Apache-Kampfhubschraubern abgefeuerte 70mm-Raketen erkannt.

Für die Luftverteidigung wurde das 4D-MMR laut Thales auf die Detektion, Tracking und Klassifizierung von kleinen Drohnen optimiert. So sei es möglich, bis zu 1.000 Ziele gleichzeitig zu verfolgen. Vögel und Windräder werden laut Hersteller in der Darstellung unterdrückt, da das Gerät im Hintergrund bis zu 3.000 Objekte bearbeiten könne. Die Reichweite wird mit bis zu 400 km angegeben.

International soll das MMR als GM200 MM Compact und Teil der Ground-Master-200-Familie vermarktet werden. Geert van der Molen, Vice President Naval von Thales Netherlands, sieht eine wachsende Nachfrage für den Sensor bei europäischen NATO-Partnern.  Wie er am Rande der Vertragsunterzeichnung sagte, hat sein Unternehmen das MMR für das deutsche TLVS-Programm angeboten und werde es möglicherweise später auch im Rahmen des NNbS-Projektes einbringen. Van der Molen führte die führende Position der Niederlande im Bereich Radare unter anderem auf die Gründung der Plattform „Nederland Radarland“ im Jahr 2002 zurück, an der neben Thales auch die Streitkräfte und die Forschungsinstitution TNO beteiligt sind.

Das MMR wird laut Planungen zum Rückgrat der bodengebundenen Luftverteidigung unterhalb von Patriot in den Niederlanden. Während die Streitkräfte des Nachbarlandes im Augenblick noch mit Stinger und Nasams ausgerüstet sind, müssen sie diese Systeme in der kommenden Dekade ersetzen. Wie es aus gut informierten Kreisen heißt, sind die Zeitlinien dabei ähnlich wie die für die Einführung von NNbS in Deutschland. Die Niederländer schauen deshalb mit Interesse auf das deutsche Projekt, zumal beide Länder über das Projekt Apollo in der Luftverteidigung miteinander verbunden sind. Wie es heißt, kommt die von Diehl gefertigte Boden-Luft-Rakete Iris-T SL womöglich auch für den Ersatz von Nasams in Frage. Eine Entscheidung darüber, ob die von Kongsberg gelieferte Nasams durch eine moderne Version oder den deutschen Flugkörper ersetzt werden soll, sei eventuell sogar im laufenden Jahr denkbar.

Da die Niederlande sich dazu entschlossen haben, weiterhin Patriot zu verwenden, verfolgen die Streitkräfte des Nachbarlandes auch die von Raytheon und der deutschen Amtsseite betriebene Studie zur Integration der Iris-T SL in das deutsche Patriot-System genau. Denn womöglich könnten sich daraus  auch Optionen für niederländische Luftverteidigung ergeben. Wobei die Iris-T SL für ihren Einsatz dann einen Mittelbereichssensor zur Feuerleitung benötigen würde.
lah/12.2.2019