Bundeswehr: Raketenartilleriesystem PULS kommt wohl mit GMLRS-Raketen

Waldemar Geiger

Bereits im Oktober 2023 hat die Bundesregierung offiziell bestätigt, dass die fünf an die Ukraine abgegebenen Raketenartilleriesysteme vom Typ MARS II durch fünf PULS-Mehrfachraketenwerfer (Purpose Universal Launching System) des israelischen Rüstungskonzerns Elbit Systems ersetzt werden, welche über die Niederlande beschafft werden sollen.Nun hat die Bundesregierung weitere Details des Vorhabens sowie die Gründe für die Entscheidung zugunsten von PULS offengelegt.

Wie aus einer der hartpunkt-Redaktion vorliegenden Antwort der Bundesregierung vom 10. Januar 2024 auf eine Kleine Anfrage der CDU/CSU-Bundestagsfraktion mit dem Titel „Die Zukunft der Artillerie in der Bundeswehr“ hervorgeht, ist ein entsprechendes Memorandum of Understandig (MoU) mit den Niederlanden „endverhandelt und befindet sich bei beiden Nationen derzeit im Zeichnungsgang“. Eine entsprechende 25-Mio-Vorlage für die Beschaffung dieser Systeme soll gemäß der Antwort des Bundesministeriums für Verteidigung (BMVg) an das Parlament noch vor der Sommerpause 2024 vorgelegt werden. In einer  früheren Aussage des BMVg vom Oktober 2023 war noch vom 1. Quartal 2024 die Rede.

PULS

Der Mehrfachraketenwerfer PULS wird vom israelischen Rüstungsunternehmen Elbit Systems produziert und ist laut Hersteller in der Lage, zahlreiche Typen von Artillerieraketen verschießen. Die Reichweite wird mit maximal 300 km angegeben. Das System soll überdies Loitering Munition einsetzen können und auf verschieden Trägerplattformen – sowohl auf Ketten- als auch auf Radbasis – integrierbar sein.

Der israelische Konzern hat als kleinste Bewaffnung für das System die Rakete „Accular“ im Kaliber 122 mm im Angebot. Die Reichweite wird mit 35 km angegeben. Für Bekämpfungsreichweiten von mehr als 100 km biete das Unternehmen die Rakete „Extra“ an, die eine Zielabweichung von 10 m aufweisen soll und einen Gefechtskopf von 120 kg tragen kann.

Die Wahl auf den Mehrfachraketenwerfer PULS fiel dem Ministerium zufolge im Anschluss auf eine Abwägung von Möglichkeiten, wo „zwischen der Nachbeschaffung einer obsoleszenzbereinigten Version des MARS II und den marktverfügbaren Systemen PULS und HIMARS eine Bewertung durchgeführt“ wurde. Die Einschränkung auf marktverfügbare Systeme erfolgte mit Blick auf eine beschleunigte Beschaffung. „Die Bewertung möglicher Kandidaten erfolgte unter den Kriterien Erfüllung der Forderungen, Zulaufszeitachsen, Kooperation bei der Beschaffung und Interoperabilität mit Bündnispartnern“, heißt es zudem in der Antwort.

Die Auswahl des PULS

Das BMVg-Schreiben führt mehrere Vorteile des PULS gegenüber dem HIMARS auf. Zum einen „verfügt der HIMARS lediglich über einen Raketenstartbehälter, wohingegen der PULS über zwei Raketenstartbehälter verfügt. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass zum Erlangen der gleichen Feuerkraft die doppelte Menge an HIMARS beschafft werden müsste.“ Offenbar wurde auch über die Möglichkeit der GMARS-Beschaffung nachgedacht, einem Vorschlag von Rheinmetall und dem US-Rüstungskonzern und HIMARS-Hersteller Lockheed Martin. Diese wurde jedoch nicht weiter betrachtet. „Die mit der Entwicklung des GMARS in Aussicht gestellte Möglichkeit zur Aufnahme von zwei Raketenstartbehältern ist nicht marktverfügbar und damit keine Alternative“, schreibt das BMVg.

Darüber hinaus ist in dem Schreiben zu lesen, dass der PULS Vorteile in puncto Interoperabilität bietet. Zwar hätte auch das HIMARS-System interoperabel mit Bündnispartnern eingesetzt werden können, schließlich gibt es mehrere NATO-Nutzerstaaten dieses Systems. Für den PULS sprach jedoch die tiefe Integration der Landmacht in die Strukturen des deutschen Heeres „und damit die Notwendigkeit der Interoperabilität mit den Niederlanden“. Der westliche Nachbar Deutschlands hat sich im April 2023 für eine PULS-Beschaffung mittels eines Regierungsgeschäftes mit Israel entschieden, um die Fähigkeit der Raketenartillerie im niederländischen Heer wieder aufzubauen. Gut informierten Kreisen zufolge war bereits damals eine Option im Vertrag enthalten, die den Kauf zusätzlicher Systeme für Bündnispartner erlauben würde. Auch Spanien und Dänemark haben sich für die PULS-Beschaffung entschieden.

PULS gleich „Zukünftiges System Indirektes Feuer großer Reichweite“?

Mit dem „Zukünftigen System Indirektes Feuer großer Reichweite“ plant das deutsche Heer bereits seit längerem, ein Nachfolgesystem für den Raketenwerfer MARS II zu beschaffen, welcher langsam, aber sicher in die Obsoleszenz läuft und in der jetzigen Form weder quantitativ noch qualitativ ausreicht, um die Forderungen des deutschen Heeres an das zukünftige Hauptwaffensystem der Raketenartillerietruppe auf Divisions- und Korpsebene zu erfüllen, welches im Entfernungsband von 10 bis 300 Kilometern wirken soll. Ob PULS dieses System sein wird, ist derzeit noch nicht abschließend entschieden, auch wenn die Auswahl des PULS als Ersatz für die abgegebenen MARS II mehrere Vorteile mit sich bringt.

Die Beschaffung des PULS „erlaubt die Anpassentwicklung und Qualifikation des Systems. Die fünf Systeme können somit als Einstieg in die Realisierung des Zukünftigen Systems Indirektes Feuer großer Reichweite (ZukSysIndFgRw) dienen, welches die zwingende Interoperabilität der Systeme inklusive der Munition mit den niederländischen Raketenartilleriekräften vorsieht“, heißt es in der BMVg-Antwort. Mit der Wahl des Wortes „können“ möchte das BMVg offensichtlich eine Festlegung zum aktuellen Zeitpunkt vermeiden. Zudem ist aus Industriekreisen zu vernehmen, dass die PULS-Konkurrenz die Segel noch nicht gestrichen hat und weiterhin kämpfen wird. „Der Wettbewerb ist erst final entschieden, wenn die Systeme auf dem Hof stehen“, so ein Industrievertreter gegenüber hartpunkt.

Zudem ist die PULS-Beschaffung, ähnlich wie jedes andere Rüstungsprojekt, nicht ohne Risiken. Deutschland beabsichtig der Antwort zufolge keine Komplettsysteme – Fahrzeug, Werfer, Führungs- und Waffeneinsatzsystems (FüWES) und Bewaffnung – zu beschaffen, sondern lediglich Werfer und ein zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abschließend geklärtes Munitionspaket. Seitens des BMVg werden die Risiken aber wohl als beherrschbar eingestuft. „Der Hersteller hat bereits nachgewiesen, dass die Integration auf verschiedene Lkw-Plattformen technisch beherrschbar ist. Die Notwendigkeit der Integration in das FüWES sowie die Nachweisführung der einzelnen Munitionssorten würden auch für andere Systeme gelten“, ist in der Antwort nachzulesen.

PULS und GMLRS-Raketen

Bleibt somit nur noch die – besonders in Fachkreisen – heiß diskutierte Frage, ob der PULS GMLRS-Raketen, die Hauptbewaffnung des aktuellen Raketenwerfers der Bundeswehr, verschießen kann. Insider verweisen schon seit längerem darauf, dass dies eher eine juristische als eine technische Hürde sei. Dies sieht man wohl auch im Bendlerblock ähnlich. „Ein Verschuss von GMLRS-Raketen ist grundsätzlich technisch möglich. Der Verschuss erfordert die Anpassung des Feuerleitsystems sowie die Integration eines entsprechenden GPS-Empfängers“, schreibt das BMVg.

Nicht abschließend geklärt war wohl längere Zeit die Frage, ob bzw. wer alles zustimmen muss, damit die Raketen auf den PULS integriert werden können. Hersteller der Raketen ist der US-Rüstungskonzern Lockheed Martin, dieser hat die GMLRS aber im Auftrag der US-Streitkräfte entwickelt. Da die Bundeswehr die Entwicklung damals mitfinanziert hat, verweisen einzelne Akteure darauf, dass die Entscheidung hier – ohne Einbeziehung der US-Seite – getroffen werden könnte. Schlussendlich wurde wohl der Weg gewählt eine Zustimmung jenseits des Atlantiks einzuholen.

Das BMVg verweist in seiner Antwort darauf, dass für die Integration der Raketen „die Genehmigung der US-Regierung zur Nutzung der militärischen GPS-Frequenzen und -empfänger und die Nutzungsfreigabe der Schnittstellendokumente des GMLRS-Herstellers“ benötigt wird, was offenbar im Bereich des Möglichen liegt. „Im Rahmen eines Gespräches der Rüstungsdirektoren Deutschlands und der USA wurde hierzu die grundsätzliche Bereitschaft signalisiert“, heißt es dazu in dem Schreiben des Ministeriums.

Waldemar Geiger