Deutschland befindet sich derzeit in einer sicherheitspolitischen Systemtransformation. Nachdem 2024 erstmals zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) für Verteidigung erreicht wurden, verpflichtet sich die Bundesregierung nun zu deutlich weitergehenden Zielen. Der NATO‑Gipfel in Den Haag im Juni 2025 vereinbarte einen mehrstufigen Rahmen: Bis 2035 sollen NATO-Mitglieder 5 Prozent ihres BIP für Verteidigung und Sicherheit aufbringen – darunter 3,5 Prozent für harte militärische Ausgaben und weitere 1,5 Prozent für Sicherheit und Resilienz.
Die Bundesrepublik will in dieser neuen Realität offenbar mehr Verantwortung übernehmen. Die Verteidigungsausgaben sollen bereits bis 2029 auf 3,5 Prozent des BIP erhöhen werden – ein deutlicher Sprung gegenüber dem bisherigen Zweiprozentziel. Finanziert wird dies unter anderem durch die Aussetzung der Schuldenbremse für Verteidigungsausgaben oberhalb von 1 Prozent des BIP – beschlossen im März 2025 – sowie einem Dotierungsrahmen für Verteidigungsschulden von insgesamt rund 378 Milliarden Euro bis zum Ende des Jahrzehnts, um die Bundeswehr nachhaltig zu stärken.
Grenzen überwinden, Tempo gewinnen
Vor diesem Hintergrund stellen sich deutsch‑israelische Kooperationen als sowohl technisch wie politisch sinnvoll dar. Israelische Startups bieten erprobte Lösungen in Bereichen wie Drohnentechnologie, Konnektivität, Künstliche Intelligenz sowie Cyberabwehr und -aufklärung. Deutschland bringt hierfür Kapital, industrielle Kapazitäten und eine politische Zielsetzung. Die jüngste Reform der Schuldenbremse belegt, dass die Bundesregierung entschlossen ist, die Ordnungspolitik der letzten Jahre zugunsten zügiger Modernisierung zu verändern.
Bereits laufende Kooperationen wie Arrow 3 und die Heron‑TP‑Drohne sind beispielgebend. Deutschland muss verstärkt auf ausreichend gute statt vermeintlich perfekte Goldrandlösungen setzen, um die notwendige Beschleunigungs-Agenda erfolgreich umzusetzen. Deutsche Behörden sowie die Industrie sollten verstärkt Partnerschaften mit israelischen Defense Tech Startups wagen – pragmatisch, ergebnisorientiert und eben beschleunigt. So kann die Verteidigungswende in der benötigten Zeit gelingen.
Um einem umfassenden sicherheits- und verteidigungspolitischen Erfahrungsaustausch sowie zukünftigen Kooperationen zwischen Deutschland und Israel eine nachhaltige Plattform zu geben, begründete das European Leadership Network (ELNET) im Juli 2025 die ELNET Security & Defense Initiative (ESDI).
ELNET engagiert sich bereits seit 2007 für starke und nachhaltige europäisch‑israelische Beziehungen. Die unabhängige Denkfabrik fokussiert sich mit Büros in Berlin, Brüssel, Jerusalem, London, Paris, Rom und Warschau auf Außen‑ und Sicherheitspolitik, die Bekämpfung von Antisemitismus sowie die Förderung von Innovation – stets überparteilich und auf Basis gemeinsamer demokratischer Werte und strategischer Interessen.
Der ESDI-Kickoff wurde am 10. Juli in der Landesvertretung der Freien und Hansestadt Hamburg ausgerichtet. Mit einer Keynote von Generalinspekteur Carsten Breuer, sowie Impulsen Prof. Dr. Carlo Masala, dem ehemaligen israelischen Luftwaffenchef MajGen. (ret.) Amikam Norkin, Hamburgs Erstem Bürgermeister Dr. Peter Tschentscher und Thomas Röwekamp MdB, Vorsitzender des Verteidigungsausschusses im Deutschen Bundestag, nahm die neue Initiative ihre Arbeit auf. Sie wird ab sofort relevante Entscheidungsträger und Experten aus beiden Ländern vernetzen und ganz konkret die bilaterale Zusammenarbeit fördern – von der strategischen Diskussion bis zu gemeinsamen Projekten.
ESDI: Ein neues Kapitel beginnt
Deutschland versteht sich zunehmend als gestaltenden Akteur der europäischen Sicherheitsarchitektur und hat die Zeitenwende bereits in Gesetze, Budgets und internationale Zusagen gegossen. Vor diesem Hintergrund und im 60. Jahr der bilateralen diplomatischen Beziehungen eröffnet sich nunmehr die historische Chance für eine neue deutsch‑israelische Innovations‑ und Verteidigungsagenda. Dazu könnten beispielsweise spezialisierte German Israeli Defense Tech Hubs oder auch ein bilateraler Innovationsrat zählen. Das politische Interesse daran hat in den vergangenen Jahren bereits zugenommen, wie die Daten des Israel Survey 2024 verdeutlichen.
Die ESDI wird zukünftig die entsprechende Plattform bieten. Gemeinsam mit den finanzpolitischen Reformen und den aktualisierten Nato‑Zielen wird ein Rahmen geschaffen, in dem Startups und Industrien beider Länder gemeinsam modernste Fähigkeiten entwickeln können – zum Vorteil beider Länder und zur Stärkung der europäischen Sicherheit.
Über den Autor: Carsten Ovens ist CEO des European Leadership Network (ELNET) und verantwortet die Aktivitäten der Denkfabrik in Deutschland, Österreich und der Schweiz.













