Die Bundeswehr hat den deutschen Spezialisten für unbemannte Systeme Quantum Systems mit der Entwicklung und Erprobung unbemannter Konvoilösungen für die militärische Logistik beauftragt. Wie aus einer Mitteilung des Unternehmens hervorgeht, erfolgt die Beauftragung im Rahmen des im Rahmen des Forschungsvorhabens „Interoperable Robotic Convoy (InterRoC)“.
Ziel des Vorhabens ist die Entwicklung einer „elektronischen Deichsel“, die eine Zulassung für den öffentlichen Straßenverkehr erhält und gleichzeitig zuverlässig im Gelände funktioniert. Als elektronische Deichsel wird im deutschen Sprachgebrauch ein aus mehreren Fahrzeugen bestehender Konvoi bezeichnet, bei dem nur eines der Fahrzeuge durch einen menschlichen Kraftfahrer gesteuert wird, und die restlichen, hochautomatisierten Lkws unbemannt betrieben werden. Ein Kraftfahrer kann somit mehrere Lkws gleichzeitig von A nach B führen.
Der Ansatz an sich ist nicht neu und wird sowohl im militärischen als auch nicht-militärischen Kontext seit geraumer Zeit untersucht. FERNRIDE, seit Ende 2025 Bestandteil von Quantum Systems, ist es 2025 in Europa als erstem Unternehmen gelungen, einen europaweit ersten, TÜV-zertifizierten autonomen Lkw auszuliefern. Diese Expertise will sich die Bundeswehr nun offenbar zunutze machen. „Ziel des Projektes ist es, hochautomatisierte Lkw-Konvois für den Einsatz in anspruchsvollen militärischen Szenarien zu ermöglichen und gleichzeitig die Grundlagen für einen einheitlichen Zulassungsprozess autonomer Transportfahrzeuge innerhalb der Bundeswehr zu untersuchen“, heißt es dazu in der Mitteilung von Quantum Systems. „Die im Rahmen von InterRoC gewonnenen Erkenntnisse sollen in Zusammenarbeit mit dem Zentrum Kraftfahrwesen der Bundeswehr (ZKfWBw), als Grundlage für zukünftige autonome Fahrzeugprogramme der Bundeswehr dienen“, schreibt das Unternehmen weiter.
Wie Hendrik Kramer, Vice President Land Domain bei Quantum Systems, auf Nachfrage von hartpunkt erklärt, liegt der Fokus bei der Entwicklung der hochautomatisierten Konvois dabei nicht nur auf der Zulassungsfähigkeit für den Straßenverkehr. Die Systeme sollen gleichzeitig in der Lage sein, die Funktionsfähigkeit abseits des geregelten Straßenverkehrs aufrechtzuerhalten, so dass eine mittels eines solchen Konvois eingerichtete logistische Kette auch dann zuverlässig betrieben werden kann, wenn ein Teil des Weges im Gelände zurückgelegt werden muss. Die Autonomielösung muss somit nicht nur die Straßenführung bzw. andere Verkehrsteilnehmer beachten sowie Straßenschilder und mögliche Gefahren erkennen, sondern auch mit Vegetation und Geländehindernissen zurechtkommen, um nur einen Teil der Herausforderungen zu beschreiben.
Quantum Systems gibt an im Rahmen von InterRoC KI- und Autonomielösungen des Unternehmens auf militärischen Fahrzeugplattformen von Daimler Truck integrieren zu wollen. Damit soll es zukünftig möglich sein, Konvoifahrten automatisiert oder teleoperiert durchzuführen, „auch unter schwierigen Einsatzbedingungen und bei eingeschränkter Kommunikationsinfrastruktur“. Die beiden Unternehmen sind dazu bereits im März dieses Jahres eine Partnerschaft eingegangen, hartpunkt berichtete. Mittels des von Quantum Systems entwickelten „MOSAIC Ground Autonomy Kit“ sollen Daimler-Lkw des Typs Arocs teleoperiert betrieben werden können. Die Führung der Systeme erfolgt dabei mittels der „MOSAIC UXS“-Software-Suite von Quantum Systems, einem Führungs- und Einsatzplanungssystem für unbemannte Systeme.
Gegenüber hartpunkt bestätigt Kramer zudem, dass die Nutzung von MOSAIC UXS in diesem Fall weitere Vorteile für den militärischen Einsatz bietet. Schließlich sind auch die von der Bundeswehr beschafften Aufklärungsdrohnen des Unternehmens in MOSAIC UXS eingebunden. Ein militärischer Konvoiführer, der den Konvoi nach Angaben von Kramer nicht zwingendermaßen aus dem ersten Fahrzeug führen muss, kann somit neben den Konvoi-Lkws auch Aufklärungsdrohnen über ein und dasselbe System befehligen. Die Drohne könnte somit dem Konvoi voraus eingesetzt werden, um Wege zu erkunden oder potenzielle Hinterhalte aufzuklären.
Der Quantum Systems Manager gibt zudem an, dass die Zulassungsfähigkeit 2027 erreicht werden soll. Das Autonomie-Kit ist zudem plattformunabhängig ausgelegt, so dass es auch auf die Bestands-Lkw-Flotte der Bundeswehr ausgerollt werden könnte. Das Ergebnis für die Streitkräfte wäre dann eine schnelle Aufwuchsfähigkeit der Logistik im Rahmen der Landes- und Bündnisverteidigung. Eine Fahrzeugbesatzung wäre dann in der Lage Gütermengen von einem Ort an den anderen zu bewegen, für die sonst ganze Gruppen oder Züge notwendig wären. Die Notwendigkeit einer Abstützung auf zivile Logistik oder die Reserve wäre somit signifikant geringer. Weitere Vorteile ergeben sich zudem auf mehreren Ebenen der Durchhaltefähigkeit. Einerseits könnten sich Besatzungen bei der Führung des Konvois abwechseln, so dass lange Wegstrecken ohne Rastpausen zurückgelegt werden können, weil ein Teil der Besatzungen bei Bedarf während der Fahrt ruhen kann. Andererseits wäre auch die Durchhaltefähigkeit der Kriegslogistik gestärkt, da Angriffe auf den Konvoi nicht zwangsläufig im Verlust von Personal enden müssten, selbst wenn ein Materialverlust eintreten würde.
Waldemar Geiger

















