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tkMS möchte deutsche Werft übernehmen

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Die Auftragsbücher sind gut gefüllt und die Werftkapazitäten am Standort Kiel am Anschlag.  Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass sich der Schiffbauer thyssenkrupp Marine Systems (tkMS) nach zusätzlichen Werftstandorten umsieht.

Wie es aus gut informierten Kreisen heißt, hat tkMS Interesse, aus der Insolvenzmasse der MV Werften, den Standort Wismar ganz oder teilweise zu übernehmen. Offenbar hat das Unternehmen die Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern und mit ihr Ministerpräsidentin Manuela Schwesig bereits über diese Absicht informiert. Ein konkretes Angebot an den Insolvenzverwalter soll wohl in Kürze erfolgen.

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tkMS steht gegenwärtig vor der Herausforderung, neun High-Tech-U-Boote für Norwegen, Israel und Deutschland zu fertigen. Um den Standort Kiel zu entlasten, könnten deshalb womöglich Komponenten oder ganze Boote in Wismar gefertigt werden. Da in den kommenden Jahren irgendwann auch die grundlegende Modernisierung der deutschen U-Boote der Klasse U 212 A oder gar der Neubau als Ersatz anstehen dürfte, ist tkMS gut beraten, sich rechtzeitig Fertigungskapazitäten zu sichern. Dem Vernehmen nach will die Werft dem Bund auch ein entsprechendes Angebot über zusätzliche U-Boote der Klasse 212 CD vorlegen.

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Seit dem Verkauf eines Teils des Kieler Werftgeländes an GNYK verfügt TKMS dagegen über keine Fertigungskapazitäten mehr im Überwasserschiffbereich. Die Fregatten für Ägypten entstehen deshalb auf der Rönner-Werft. Auch deshalb dürfte Wismar für tkMS interessant sein. Zumal die Ausstattung der MV-Werften in Fachkreisen als modern gilt.

Da die Bundesregierung angekündigt hat, in Zukunft mehr als zwei Prozent des Bruttoinlandsproduktes für Verteidigung auszugeben – nach augenblicklichem Stand also rund 20 Milliarden Euro mehr pro Jahr – und gleichzeitig nationale Vergaben präferieren will, würde es nicht verwundern, wenn tkMS großes Interesse daran hätte, die Position als führender deutscher Marineschiffbauer auch im Überwassersegment wieder zu erlangen. Zumal die angestrebte Fusion mit der Lürssen-Marinesparte nicht zum Erfolg geführt hat und dem Vernehmen nach auch die Gespräche zum Zusammenschluss mit der italienischen Fincantieri-Werft kürzlich beendet wurden.

Vor dem Hintergrund der veränderten politischen Lage scheint es unwahrscheinlich, dass der Auftrag für die zukünftige Fregatte 127 nochmal ins Ausland vergeben wird, wie es bei der F126 der Fall war. Das macht das Vorgehen von tkMS umso logischer. Und im Gegensatz zu NVL (früher Lürssen) verfügt die Kieler Werft weiterhin über die Ingenieurskapazitäten, um Großkampfschiffe zu bauen. Nur ein geeigneter Baustandort fehlt noch.

Auch für Mecklenburg-Vorpommern dürfte das Engagement der größten deutschen Marine-Werft von Interesse sein, da auf diese Weise langfristig hochwertige Arbeitsplätze auf der Werft und bei den Zulieferern gesichert sowie Marine-Kompetenz aufgebaut werden könnte. Bereits in der Vergangenheit war tkMS eine Partnerschaft mit den MV Werften eingegangen und hatte im Wettbewerb um die neuen Marinetanker ein gemeinsames Angebot vorgelegt. Den Zuschlag erhielt dann allerdings Lürssen, wohl auch, weil es schon Solvenz-Probleme bei den MV Werften gab.

Sollte es tatsächlich zu einer Übernahme der MV Werft in Wismar kommen, müssten Land und Bund tkMS vermutlich beim Aufbau von Fertigungskapazitäten im U-Boot-Bau finanziell unterstützen, was allerdings keine unübliche Praxis ist, wie der Bau der  deutschen Tesla-Fabrik von Elon Musk zeigt. Schließlich geht es auch darum, die deutsche Souveränität im Rüstungsbereich zu sichern. Zunächst bleibt allerdings abzuwarten, wie Land und Bund reagieren und das Problem der insolventen MV Werften lösen wollen.
lah/18.3.2022