Während Europa über eine industrielle Basis zum Bau eigener Militärsatelliten verfügt, gelten die Startkapazitäten zum Verbringen dieser Satelliten ins All als der eigentliche Engpassfaktor. Neben den dafür benötigten Trägerraketen geht aus auch um Startplätze. Deutschland benötige mehr Diversifizierung und eine strategische Verteilung dieser Startplätze, um das Risiko eines Ausfalls so weit wie möglich zu minimieren, sagte Verteidigungsminister Boris Pistorius heute bei seinem Besuch beim Raketen-Start-up Isar Aerospace in Ottobrunn.
„Und deswegen denken wir aktuell auch über einen bundeswehreigenen Startplatz nach. Denn unsere nationale Sicherheit darf eben am Ende nicht im Stau, nenne ich es mal, kommerzieller Warteschlangen hängen bleiben“, sagte der Minister. Weitere Details wollte er zu den Planungen nicht geben. Neben den elf Ländern, die bisher eigene Weltraumstarts durchgeführt haben, könnten womöglich auch andere Staaten in Frage kommen, sagte er, räumte jedoch ein, dass sich die Überlegungen noch in einer frühen Phase befinden.
Pistorius zufolge soll für den Launch auch weiterhin die Trägerrakete Ariane 6 genutzt werden. Diese könne jedoch nur wenige schwere Satelliten ins All transportieren, bleibe aber unerlässlich. „Deswegen arbeiten wir intensiv mit unseren französischen Partnern daran, die Kapazitäten auszubauen, auch gerade in diesem großen Bereich.“
Gleichzeitig benötige die Bundeswehr auch Mikrolauncher wie die Spectrum-Rakete von Isar Aerospace. Diese gehöre im militärischen Jargon zur „schnellen Eingreiftruppe“ im Rahmen von Responsive Space, also im Sinne einer schnellen Weltraumoperation. Der erste erfolgreiche Test dieser Rakete steht allerdings noch aus.
Genauso entscheidend sei der Ausbau von Startplätzen, den sogenannten Launchpads, sagte Pistorius. „Starts von den Spaceports auf Andoya oder auf Saxavord in Großbritannien werden in der Zukunft schlicht und ergreifend nicht ausreichen, um reaktionsschnell zu sein“, mahnte der Minister. Um handlungsfähig zu sein, brauche die Bundeswehr einen Pool von Launchmöglichkeiten und nicht erst in fünf, sechs oder sieben Jahren. „Auch daran arbeiten wir jetzt sehr intensiv mit Kanada.“ Ebenso mit Norwegen.
Isar Aerospace plant, auf Nova Scotia in Kanada seinen zweiten eigenen Startkomplex zu errichten. Dieser Weltraumbahnhof in Canso liegt etwa auf der Höhe von Mailand und bietet damit für das Erreichen bestimmter Orbits bessere Voraussetzungen als Andoya. Gleichzeitig akzeptiert Kanada die Investition als Offset-Leistung für die Beschaffung von bis zu 12 U-Booten in Deutschland.
Mit den NATO-Partnern auf der einen Seite und mit der Industrie wie Isar Aerospace auf der anderen Seite baue die Bundeswehr eine vollvernetzte Sicherheitsarchitektur auf, sagte Pistorius. Man werde 35 Milliarden Euro in den Weltraum investieren, weil Weltraumsicherheit alternativlos sei und nicht durch etwas anderes ersetzt werden könne, betonte der Minister.
Nach Aussage von Daniel Metzler, CEO von Isar Aerospace, sind die ohnehin knappen Startkapazitäten bis 2029 weltweit beinahe ausgebucht. Deshalb müssten mehr Startkapazitäten entstehen. Sein Unternehmen stehe der Bundesregierung als Partner zur Seite, um diese Fähigkeitslücke souverän zu schließen.
Isar Aerospace bilde die gesamte Wertschöpfungskette ab, sagte Metzler. „Wir entwickeln und bauen die Trägerrakete in Serienproduktion, und nur wenige Kilometer von hier entsteht die größte vollintegrierte Raketenfabrik Europas. Eine Verzehnfachung dessen, was Sie auch heute bereits hier sehen.“
Metzler kündigte an, pro Jahr an dem Standort 40 Trägerraketen pro Jahr zu produzieren. Überdies baue und betreibe sein Unternehmen die kritische Infrastruktur dahinter. „In Norwegen haben wir den ersten Weltraumbahnhof in Kontinentaleuropa errichtet“. Jetzt folge der nächste in Kanada. „In den kommenden Jahren planen wir ein strategisches Netzwerk aus Weltraumbahnhöfen mit weiteren Partnernationen.“ Damit werde Deutschland auch zur führenden Exportnation für Weltraumzugang, sagte der Manager. „Unsere Fähigkeiten im Weltraum werden über unsere glaubwürdigen Abschreckungs- und Verteidigungsfähigkeiten und damit auch über unseren Wohlstand entscheiden“, so Metzler.
Lars Hoffmann















