Die Bundeswehr verfügt im Augenblick über keine Fähigkeiten zum präzisen Wirken über Entfernungen jenseits von 1.000 km, dem Deep Precision Strike. Voraussichtlich erst im kommenden Jahrzehnt werden solche Waffen aus europäischer Produktion bereitstehen. So hatten Deutschland und Großbritannien im Rahmen der ELSA-Initiative (European Long Range Strike Approach) angekündigt, solche landgestützten Systeme mit Reichweiten von mehr als 2.000 Kilometern zu entwickeln. Laut britischem Verteidigungsministerium geht es um eine Familie von Stealth-Marschflugkörpern und Hyperschallwaffen.
Um die Zeit bis zur Einführung zu überbrücken, hat Verteidigungsminister Boris Pistorius im Juli vergangenen Jahres bei seinem Besuch in Washington den Kauf von Startgeräten des Typs Typhon angefragt, mit dem Tomahawk-Marschflugkörper von Land verschossen werden. Medienberichten zufolge soll Deutschland womöglich eine Beschaffung von bis zu 400 Tomahawks Block Vb für mehr als eine Milliarde Euro ins Auge gefasst haben.
Wie Pistorius im Juli im Anschluss an das Treffen mit seinem US-Counterpart ausführte, wurde der sogenannte Letter of Request für das System an die USA gestellt. Da die Beschaffung im Rahmen von Foreign Military Sales (FMS) erfolgen soll, warte man nun auf den „Letter of Offer and Acceptance“, so Pistorius.
Dieses Warten dauert an. Bislang habe man keine Rückmeldung erhalten, sagte eine Sprecherin des Verteidigungsministeriums auf Nachfrage von hartpunkt. Die Abstimmungen laufen ihren Aussagen zufolge weiter. Es sei jedoch offen, wann mit einer Antwort zu rechnen sei. Wie aus gut informierten Kreisen zu vernehmen ist, befindet sich die Anfrage zum Typhon-Launcher weiter in Prüfung, ein Ergebnis sei jedoch noch im Mai denkbar. In der Vergangenheit hieß es mitunter, dass die Lieferung von Tomahawks für den Einsatz von Schiffen einfacher zu genehmigen sei als die Lieferung für eine Anwendung von Land.
Seit der Anfrage im vergangenen Sommer hat sich die Lage bei den Marschflugkörpern deutlich verändert. So haben die USA beim Iran-Krieg nach Schätzungen von Experten mindestens eine hohe dreistellige, wenn nicht gar eine vierstellige Zahl von Tomahawks verschossen. Deshalb müssen die US-Streitkräfte ihre Bestände in den kommenden Jahren wieder auffüllen und dürften dabei als erste in der Schlange der Interessenten stehen. Ob dann noch Platz für eine Bestellung ohne lange Lieferzeiten für Deutschland besteht, ist fraglich.
Zumal das deutsch-amerikanische Verhältnis nach den Äußeren von Bundeskanzler Friedrich Merz zum Iran-Krieg und der heftigen Replik von US-Präsident Donald Trump darauf, mit der Ankündigung 5.000 Soldaten aus Deutschland abzuziehen, einen neuen Tiefpunkt erreicht hat. In Folge der Verstimmungen hat Kriegsminister Pete Hegseth am Wochenende überdies verkündet, dass die ab diesem Jahr geplante Stationierung von weitreichenden Waffensystemen des Typs Tomahawk, SM-6 und der Hyperschall-Rakete des Typs Dark Eagle in Deutschland nicht erfolgen wird.
Zwar hatte Pistoris nach seinem Besuch im Pentagon im Juli gesagt, dass diese noch unter der Biden-Administration getroffene Vereinbarung von Seiten der USA überprüft werde. Dennoch waren Beobachter davon ausgegangen, dass an der Verlegung nach Deutschland festgehalten wird.
Dass die USA noch von der Stationierung nun absehen, reiße die Fähigkeitslücke bis zur Einführung europäischer Systeme neu auf, sagte Pistorius heute vor Journalisten in Munster. „Wir müssen jetzt gucken, wie wir das ausgleichen können“, so der Minister. Er verwies auf die ELSA-Initiative mit Großbritannien, an der sich seiner Aussage zufolge nun auch die Franzosen beteiligen wollen, um schnellstmöglich europäische Deep-Precision-Strike-Fähigkeiten zu entwickeln. „Gleichzeitig brauchen wir ein Instrument, mit Hilfe der Amerikaner oder auf anderen Wegen“, die Fähigkeitslücke in der zeitlichen Brücke zu schließen, betonte der Minister. „Dafür gibt es Ideen, aber noch keine Lösungen.“
Lars Hoffmann

















