Verteidigungsminister Boris Pistorius hat im Rahmen seines heutigen Besuchs des KNDS-Werkes in Kassel indirekt den Einsatz der Radhaubitze RCH 155 in der Ukraine bestätigt. „Da, wo Sie jetzt stehen, meine Damen und Herren, stand, ich glaube zwei Jahre ist es her, die erste Radhaubitze, die in die Ukraine gegangen ist“, erklärte der Minister. „Die Radhaubitze findet große Zustimmung in der Ukraine, für die Fähigkeiten, die sie mitbringt“, so Pistorius weiter. Bis dato war die tatsächliche Lieferung des Systems in die Ukraine, weder durch die Bundeswehr noch den Hersteller oder die Ukraine öffentlich bestätigt worden.
Bekannt war lediglich die Übergabe erster Systeme an die ukrainischen Streitkräfte, die diese jedoch für die Ausbildung in Deutschland genutzt haben. Das erste dieser Systeme wurde Anfang 2025 feierlich in Kassel übergeben. Die Radhaubitze sollte ab April 2025 für die Ausbildung genutzt werden, hartpunkt berichtete. Dem Vernehmen nach soll die tatsächliche Überführung der ersten Systeme in das im Krieg befindliche Land erst vor wenigen Monaten erfolgt sein. Pistorius Andeutung, wonach das System in der Ukraine „große Zustimmung“ findet, könnte daher auch bedeuten, dass die Radhaubitze bereits im Kampfeinsatz genutzt wurde. Bestätigt ist dies hingegen nicht.
Die Ukraine soll insgesamt 54 Radhaubitzen des Typs RCH 155 erhalten, um damit drei Artilleriebataillone auszustatten. Die Bundesregierung hatte Medienberichten zufolge bereits im Sommer 2022 der Produktion und Lieferung von 18 Artilleriesystemen RCH 155 an die Ukraine zugestimmt. Mitte Februar 2024 erfolgte dann die Zusage über die Lieferung von 18 weiteren Radhaubitzen vom Typ RCH 155, deren Lieferung für den Zeitraum Ende 2025 bis ins Jahr 2027 angekündigt wurde. Mitte 2024 folgte dann die Bekanntgabe der Beschaffung eines dritten Loses mit ebenfalls 18 Radhaubitzen. Die Radhaubitzen werden dem Vernehmen nach im Verbund mit einer Feuerleitvariante des Maschinenkanonenboxers RCT-30 eingesetzt. Einer früheren Liste der Bundesregierung zufolge werden insgesamt neun als „AiTO30 FDC (Radschützenpanzer RCT-30 mit mobiler Feuerleitstelle)“ bezeichnete Systeme an die Ukraine geliefert. Somit dürfte jedes RCH-155-Artilleriebataillon der Ukraine über drei Feuerleitboxer sowie 18 Radhaubitzen verfügen.
Radhaubitze RCH 155
Bei der RCH 155 handelt es sich um eine Radhaubitze auf Basis einer Boxer-8×8-Plattform. Kernbestandteil der RCH 155 ist das sogenannte Artillery Gun Module, welches ein in Serienproduktion befindlicher, vollautomatischer Geschützturm mit einer aus der Panzerhaubitze 2000 bekannten 155 mm/L52-Waffenanlage von Rheinmetall ist.
In der Radhaubitzenvariante ist das AGM so ausgelegt, dass es im kompletten Wirk- und Richtbereich mit der höchsten Ladung uneingeschränkt schießen kann. Die Fähigkeit zum Feuern aus der Bewegung ist einzigartig auf der Welt und wurde seitens der KNDS-Ingenieure aus der Funktionsweise von Stabilisierungsanlagen, wie sie in Kampf- und Schützenpanzern verwendet werden, abgeleitet. Dabei kalkuliert ein Rechner ständig die aktuelle Lage des Fahrzeuges und des Rohres. Weicht die Rohrrichtung vom errechneten Zielpunkt ab, wird nachgesteuert. Nur wenn die Waffe exakt auf das Ziel gerichtet ist, löst der Rechner den Schuss aus.
Die Besatzung ist dafür verantwortlich, dem System nur dann einen Feuerauftrag zu erteilen, wenn in unmittelbarer Nähe keine Hindernisse sind, die die Flugbahn der Granate behindern könnten. Dabei wird die Besatzung, z.B. in der Variante der RCH 155 für die Ukraine, durch das von Hensoldt entwickelte 360-Grand-Rundumsichtsystem Setas unterstützt. Setas ermöglicht der Besatzung eine effektive Nahfeldbeobachtung. Hindernisse, Bedrohungen und andere Gefahren können schnell erkannt und Gegenmaßnahmen eingeleitet werden. Dies entlastet nicht nur die Besatzung, sondern trägt auch zu deren Überlebensfähigkeit in Duellsituationen bei.
Die Feuergeschwindigkeit des AGM beträgt mehr als acht Schuss pro Minute. In das AGM wurde ein vollautomatisches Ladesystem für Geschosse und modulare Treibladungen integriert. Die Zünder werden im Ladevorgang induktiv programmiert, die Waffenanlage elektrisch gerichtet. Die Kampfbeladung besteht aus maximal 30 bezünderten Geschossen und 144 modularen Treibladungen und damit rund 50 Prozent mehr, als es typische, auf LKW basierte und im Einsatz befindliche Artilleriesysteme haben. Der Feuerkampf wird durch einen Feuerleitrechner mit integriertem Ballistikrechner und Datenfunk-Anbindung zu einem Artillerieführungssystem unterstützt, der auf eine hochgenaue Navigationsanlage, mit oder ohne GPS-Unterstützung, zurückgreift. Der Turm kann ohne Fahrzeugabstützung um 360 Grad gedreht werden. Die Elevation des Rohres von -2,5 bis 65 Grad erlaubt den Feuerkampf sowohl auf große Entfernung als auch im direkten Richten auf nahe Ziele.
Mit einer Waffenstation ausgerüstete AGM verfügen zudem über eine sogenannte Hunter-Killer-Fähigkeit. Diese dient der Selbstverteidigung. Sie ermöglicht es der Besatzung, in Duellsituationen parallel erkannte Ziele zu bekämpfen und weitere, das Fahrzeug bedrohende Ziele aufzuklären. Während das Fahrzeug automatisiert eine vorher aufgeklärte Bedrohung bekämpft, kann der Kommandant bereits weitere Gegner aufklären und die Bekämpfung einleiten.
Waldemar Geiger















