Elektronischer Kampf – eine Fähigkeit zur Abwehr russischer ballistischer Raketen?

Fabian Hoffmann

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Im Verlauf des Krieges in der Ukraine sind wiederholt Berichte erschienen, wonach ukrainische Systeme zur elektronischen Kampfführung russische ballistische Raketen erfolgreich gestört und dadurch zur Zielabweichung gebracht hätten.

Zuletzt berichtete der Kyiv Independent, ein Projekt zur elektronischen Kampfführung habe 58 von 59 luftgestützten ballistischen Raketen des Typs Kh-47M2 Kinzhal abgeschossen. „Abgeschossen“ ist dabei eine ungenaue Bezeichnung; gemeint ist wohl, dass das System die Navigation der Raketen dermaßen degradiert hat, dass sie militärisch wirkungslos wurden.

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Diese Behauptungen verdienen eine kritische Prüfung. Dieser Beitrag erläutert, wie ein System zur elektronischen Kampfführung beschaffen sein müsste, um eingehende ballistische Raketen zu bekämpfen. Darüber hinaus werden die damit verbundenen technischen und operativen Herausforderungen sowie die sich daraus ergebenden Implikationen für den laufenden Krieg erörtert.

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Ansatzpunkte des Elektronischen Kampfes im Rahmen der Raketenabwehr

Konventionelle ballistische Kurz- und Mittelstreckenraketen – darunter jene, die Russland gegen die Ukraine einsetzt – stützen sich typischerweise auf eine Navigationsarchitektur, die eine Inertialnavigationseinheit (IMU) mit einem Empfänger für globale Navigationssatellitensysteme (GNSS) kombiniert.

Die IMU ist ein autonomes Navigationssystem, das Bewegungen und Ausrichtung der ballistischen Rakete vom Start an erfasst, um ihre Position während des Fluges zu berechnen. Ihr wesentlicher Vorteil liegt darin, dass sie keine externen Signale benötigt und damit weder für externe Störungen anfällig noch für den Gegner erkennbar ist. Ihr wesentlicher Nachteil ist der sogenannte Integrationsdrift: kleine Messfehler, die sich im Zeitverlauf akkumulieren und zu zunehmend größeren Positionsfehlern führen, die die Zielgenauigkeit verschlechtern.

Eine Quelle schätzt beispielsweise, dass die ballistische Kurzstreckenrakete 9M720 – die Exportversion der 9M723, die Russland im Iskander-M-System einsetzt – bei einer Reichweite von 300 Kilometern, allein auf ihre Inertialnavigationseinheit gestützt, einen CEP von bis zu 200 Metern hat.

Um die Integrationsdrift zu kompensieren und auf größere Distanzen eine höhere Genauigkeit zu gewährleisten, stützen sich ballistische Raketen – wie auch andere Typen weitreichender Präzisionswaffen – auf GNSS-Korrekturen, die die IMU regelmäßig mit satellitengestützten Positionsdaten aktualisieren. Die Kombination beider Systeme kann den CEP einer Rakete erheblich reduzieren. Moderne konventionelle ballistische Kurzstreckenraketen können Ziele glaubwürdig innerhalb von fünf bis zehn Metern bekämpfen; bei hochentwickelten Systemen sind noch kleinere Abweichungen möglich.

Bekämpfung ballistischer Raketen durch elektronische Kriegsführung

Elektronische Kampfführung kann die Abhängigkeit ballistischer Raketen von GNSS für eine hohe Zielgenauigkeit ausnutzen. Russland nutzt seine GLONASS-Konstellation für Positionskorrekturen seiner Flugkörpersysteme. Wie GPS sendet GLONASS gleichzeitig auf zwei Frequenzbändern – L1 (mit Mittenfrequenz um 1.602 MHz) und L2 (mit Mittenfrequenz um 1.246 MHz) –, was eine Korrektur ionosphärischer Signalverzögerungen und damit eine verbesserte Positionsgenauigkeit ermöglicht.

Dieses Zwei-Band-Design definiert zugleich die Aufgabe des Störsystems. Sofern bodengebundene Störsender das Satellitensignal auf beiden Bändern am Empfänger der Rakete überlagern können, ist das Navigationssystem gezwungen, für den weiteren Flugverlauf allein auf die Inertialnavigation zurückzugreifen – zumindest so lange, bis das Satellitensignal wieder empfangen werden kann. Aufgrund des Integrationsdrifts verschlechtert sich die Zielgenauigkeit dabei umso stärker, je länger die Rakete ohne GNSS-Positionskorrektur fliegt.

Das eine ballistische Rakete erreichende Satellitensignal ist generell schwach. GPS- und GLONASS-Signale treffen an der Erdoberfläche mit etwa -130 dBm ein. In größerer Höhe sind die Signale aufgrund der geringeren atmosphärischen Dämpfung etwas stärker, doch der Störsender profitiert von einem erheblichen Leistungsvorteil, da er sich in weit geringerem Abstand zur Rakete befindet als die Satelliten in der Erdumlaufbahn.

Die ballistische Kurzstreckenrakete 9M723 erreicht auf einer Standardtrajektorie im Mittelflug eine Flughöhe von 50 bis 60 Kilometern, auf einer angehobenen Trajektorie bis zu 100 Kilometern. Die GLONASS-Konstellation operiert demgegenüber in einer Höhe von 19.140 Kilometern. Hochleistungsfähige bodengebundene Störsysteme, wie sie von der Ukraine und Russland bereits eingesetzt werden, können im Prinzip, wenn sie innerhalb einiger hundert Kilometer der Flugbahn der Rakete positioniert sind, die für die Signalunterdrückung erforderlichen Jamming-to-Signal-Verhältnisse erzielen.

Die Wirksamkeit des Störsignals hängt jedoch auch von weiteren Faktoren ab – insbesondere vom Antennendesign der ballistischen Rakete, d. h. von ihrer Richtwirkung und ihrer Ausrichtung relativ zum Störsender, sowie davon, ob der GNSS-Empfänger Maßnahmen zur Störunterdrückung integriert, etwa Null-Steering-Antennen, die Signale aus der Richtung des Störsenders unterdrücken, während sie weiterhin Satellitensignale von oben empfangen können.

Operative Überlegungen

Mehrere operative Voraussetzungen müssen für einen hinreichend erfolgversprechenden Störangriff auf eingehende russische ballistische Raketen durch elektronische Kampfführung wahrscheinlich gleichzeitig erfüllt sein.

Erstens muss der Störsender Sichtverbindung zur Rakete unter hohem Elevationswinkel herstellen können. Die Mittelflugphase ballistischer Raketen findet in Höhen statt, in denen Geländemaskierung kein Hindernis darstellt. Allerdings sind konventionelle bodengebundene Störantennen – die in der Regel für die Störung tieffliegender Luftfahrzeuge ausgelegt sind – auf nahezu horizontale Abstrahlgeometrien optimiert, was die Bekämpfung von Zielen unter steilem Elevationswinkel erheblich erschwert. Eine wirksame GNSS-Störung ballistischer Raketen erfordert daher eine Phased-Array-Antenne, die ihre Abstrahlung elektronisch auf hohe Elevationswinkel ausrichten kann. Alternativ käme eine in großer Höhe operierende Plattform wie ein Flugzeug oder ein unbemanntes System in Betracht, was im ukrainischen Kontext jedoch weniger wahrscheinlich ist.

Zweitens muss der Störsender vor Abschluss der Mittelflugphase aktiv und in effektiver Reichweite sein. Die 9M723 und die Kh-47M2 Kinzhal erreichen im Mittelflug Geschwindigkeiten im niedrigen Hyperschallbereich, woraus Flugzeiten von nur wenigen Minuten resultieren. Das Zeitfenster, in dem die Satellitenkorrektur am kritischsten ist, ist nur ein Teil des gesamten Fluges, was hohe Anforderungen an die Frühwarnung stellt und zudem erfordert, dass der Störsender bereits vor dem Raketenstart in Position gebracht wurde, da eine Verlegung nach dem Start nicht möglich ist.

Drittens muss die Störung lange genug aufrechterhalten werden, um eine frühzeitige Signalwiederherstellung zu verhindern. Eine kurze Unterbrechung, auf die eine rasche Signalwiederaufnahme folgt, könnte der ballistischen Rakete noch ermöglichen, ihre Position vor dem Einschlag ausreichend zu korrigieren. Die Störoperation muss daher einen hinreichend großen Anteil der Mittelflugphase abdecken, damit sich Inertialnavigationsfehler so weit akkumulieren, dass die ballistische Rakete sie in den späteren Flugphasen nicht mehr ausgleichen kann.

Viertens erfordert eine ausreichende Störleistung zur Unterdrückung der Satellitennavigation gegenüber einem gehärteten militärischen Empfänger erhebliche Infrastruktur: einen Hochleistungssender, ein dediziertes Radarverfolgungssystem zur kontinuierlichen Strahlführung auf ein sich schnell bewegendes Ziel, leistungsfähige Stromerzeugungsanlagen und ein großes Antennenfeld. Diese Komponenten erzeugen zusammen einen erheblichen physischen und elektronischen Fußabdruck, der das System auch anfällig für Gegenangriffe macht.

Implikationen für den Krieg

Da der Krieg im Nahen Osten den globalen Engpass bei Abfangraketen verschärft und damit die Fähigkeit der Ukraine, eine wirksame ballistische Raketenabwehr aufrechtzuerhalten, weiter einschränkt, könnte ein System zur elektronischen Kampfführung, das diese Abwehr ergänzt, kaum aktueller sein. Ob die Ukraine ein solches System tatsächlich einsetzt, lässt sich auf Basis offener Quellen nicht klären. Wie oben dargelegt, erscheint es jedoch zumindest als realisierbar, auch wenn dies erhebliche technische und operative Herausforderungen mit sich bringen würde.

Es ist zudem – wenngleich spekulativ – erwähnenswert, dass eine effektivere Durchsetzung westlicher Sanktionen ukrainische elektronische Kampfführungsoperationen begünstigt haben könnte. Es ist gut belegt, dass Russland trotz erheblicher Bemühungen um eine Importsubstitution bislang nicht in der Lage war, westliche Hightech-Komponenten in seinen Langstreckenwaffen wirksam zu ersetzen. Dies ist insbesondere bei Navigationssystemen der Fall, die nach wie vor in hohem Maße auf westliche Elektronik angewiesen sind, die in der Regel über Drittländer beschafft wird. Sofern die Sanktionsdurchsetzung verschärft und damit diese Versorgung weiter eingeschränkt wurde, könnten russische IMUs zunehmend ungenauer werden, während GNSS-Empfänger anfälliger für ukrainische Störmaßnahmen werden könnten – was die Erfolgsaussichten ukrainischer elektronischer Kampfführung verbessern würde.

Autor: Fabian Hoffmann ist Senior Research Fellow am Norwegian Defence University College. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Verteidigungspolitik, Flugkörpertechnologie und Nuklearstrategie. Der Beitrag erschien erstmalig am 3. Mai 2026 in englischer Sprache im „Missile Matters“ Newsletter auf Substack.