Die französisch-deutsche ArianeGroup – Hersteller sowohl der Trägerrakte Ariane 6 als auch der französischen Atomrakete M51 – denkt offenbar über die Herstellung von ballistischen Raketen für die Bundeswehr in Deutschland nach.
So führt der neue CEO des Unternehmens, Christophe Bruneau, in einem heute im „Handelsblatt“ veröffentlichten Interview aus, dass sein Unternehmen dazu Gespräche mit Frankreich und Deutschland führe. „Wir prüfen die Möglichkeit einer Produktion ballistischer Raketen jenseits des Rheins“, sagt der Manager, der über umfangreiche Deutschland-Erfahrung verfügt, laut Interview.
Ein solcher Ansatz dürfte über die bisherigen Absichten der AianeGroup hinausgehen. Gut informierten Kreisen zufolge plant das Unternehmen gegenwärtig den Aufbau einer Produktion von Raketentreibstoff in Deutschland. Die erwartete Nachfrage aus dem militärischen Bereich dürfte zu diesen Planungen beigetragen haben.
Das Unternehme betreibt bereits in der Lüneburger Heide nach eigenen Angaben ein europäisches Kompetenzzentrum für die Herstellung von Hydrazin, einem hochgiftigen Treibstoff für die Triebwerke von Satelliten und Raumfahrzeugen. Der niedersächsiche Ministerpräsident Olaf Lies hatte sich erst vor wenigen Tagen auf der Hannover-Messe für sein Bundesland als Standort für die Rüstungsindustrie stark gemacht.
Der Bau von ballistischen Raketen umfasst jedoch mehr als die Bereitstellung von Treibstoff. Den Ausführungen von Bruneau zufolge dürfte es um den Aufbau einer kompletten Fertigungslinie gehen, womit vermutlich auch die Entwicklung von Zulieferstrukturen in Deutschland verbunden wäre. Ein solcher Ansatz dürfte dem Verteidigungsministerium entgegenkommen, das bei Rüstungsbeschaffungen in letzter Zeit auf die Gewährleistung der nationalen Souveränität Wert legt, um nicht zu stark von anderen Ländern abhängig zu sein.
Voraussetzung dafür ist nach Einschätzung von Beobachtern, dass die franzöische Regierung bereit ist, die Fertigungstechnologie für Raketen nach Deutschland zu übertragen. Da die mehrheitlich in französischem Besitz befindliche ArianeGroup die Fertigung in Deuschland aufbauen würde, könnte dies eine Entscheidung erleichtern.
Gegenwärtig nutzt Frankreich ballistische Raketen nur für die nukleare Abschreckung, hat aber Interesse an einer solchen Waffe für eine konventionelle Anwendung. Erst gestern wurde in der vom BMVg vorgelegten Militärstrategie und weiteren Dokumenten die zukünftige Bedeutung von „Deep Strike“-Waffen für die Bundeswehr unterstrichen, wobei dem Vernehmen nach an Reichweiten jenseits der 2.000 Kilometer gedacht wird. Frankreich dagegen soll eher an ballistischen Raketen kürzerer Reichweite interessiert sein. Aufgrund dieser divergierenden Anforderungen könnte es also durchaus sinnvoll sein, zwei unterschiedliche Produktionslinien auf beiden Seiten des Rheins aufzubauen.
Insbesondere für Deutschland könnte die Entwicklung einer souveränen Produktionskapazität von ballistischen Raketen den Vorteil mit sich bringen, dass diese auch als Verbringungsmittel für Hyperschall-Gleitvehikel genutzt werden könnten – ebenfalls eine „Deep Strike“-Waffe.
Damit eine Fertigung hierzulande umgesetzt werden kann, müssten sich jedoch beide Länder zunächst auf ein gemeinsames Programm einigen. Dabei könnten die Parteien womöglich aus den Erfahrungen des FCAS-Vorhabens ihre Lehren ziehen, um diesmal zu einem Erfolg zu kommen.
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