WIWeB rüstet sich für neue Aufgaben

Bisher ist das Wehrwissenschaftliche Institut für Werk- und Betriebsstoffe (WIWeB) der Öffentlichkeit vor allem durch seine Arbeiten zum Thema Bekleidung und durch das Zentrum für 3D-Druck bekannt. In Zukunft könnte sich dies jedoch ändern. Denn die im bayerischen Erding nahe München beheimatete Einrichtung, die dem Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) untersteht, könnte eine wichtige Rolle bei der Entwicklung und Bewertung von so genannten Soldatensystemen erhalten.

Wie es aus gut informierten Kreisen heißt, laufen Planungen, dort in den kommenden Jahren ein Innovationslabor für das „System Soldat“ aufzubauen. Dabei könnten die für den Soldaten relevanten Einzelkomponenten, angefangen von Bekleidung und Trageausstattung über den Schutz, Funkausstattung und Energieversorgung bis zur Nutzung von Exoskeletten oder der Anbindung von Aufklärungs-UAVs an die Infanterie untersucht werden. Dem Vernehmen nach, soll dabei insbesondere vernetzte Ansätze und die Digitalisierung der Soldatenausstattung im Fokus stehen. Das WIWeB würde damit einen Beitrag leisten, Aufklärung, Wirkung, Schutz und Kommunikation des Infanteristen zu verbessern. Angestrebt wird offenbar auch, dass Wissenschaft, Industrie sowie Startups in die Arbeiten einbezogen werden.

In Fachreisen wird die Konzentration des Themas an einem Standort durchaus begrüßt. Denn gegenwärtig beschäftigen sich eine Vielzahl von Stellen im Planungsamt, dem Verteidigungsministerium, dem Amt für Heeresentwicklung, der Wissenschaft sowie weiterer Stellen der Bundeswehr mit Soldatensystemen – was die Abstimmung nicht unbedingt vereinfacht. Wie es aus gut informierten Kreisen heißt, ist die Finanzierung neuer Stellen für das Innovationslabor allerdings noch nicht sichergestellt. Die zukünftige Dienstpostenausstattung ist deshalb ungewiss.

Dagegen scheint es Fortschritte bei der Infrastrukturausstattung zu geben. So ist offenbar noch im Dezember vergangenen Jahres der Kauf einer großen Halle in unmittelbarer Nähe des WIWeB, die vom Technologie-Unternehmen IABG ursprünglich für Flugzeugversuche genutzt wurde, vollzogen worden. In dieser Liegenschaft soll dann ein Teil der Arbeiten zum System Soldat erfolgen.

Weder in der Bundeswehr noch in der NATO gibt es bislang eine einheitliche Definition, was Soldatensysteme umfassen müssen. Die NATO spricht in dem Zusammenhang von Dismounted Soldier Systems (DSS), also der Ausstattung für abgesessene Soldaten. Diese kann je nach Nation variieren aber auch im Zeitlauf innerhalb einer Armee umdefiniert werden. Neben Bekleidung und Waffen spielen dabei die Funkanbindung mittels Hard- und Software, Sensoren sowie die Energieversorgung eine wichtige Rolle. Schließlich werden die Infanteristen immer mehr in einen übergreifenden Informations- und Wirkverbund eingebunden, den die Digitalisierung möglich macht. Dabei sollen sie im Idealfall als Aufklärer fungieren und sogar direkt Feuerunterstützung anfordern und lenken können.

IDZ-ES mit Fokus auf Panzergrenadiere

Für die Bundeswehr stellt das System „Infanterist der Zukunft – Erweitertes System“ (IDZ-ES) das aktuellste aber auch offenbar einzige Soldatensystem dar, das mit großem Engagement vorangetrieben wird. Da es Bestandteil des übergeordneten Systems Panzergrenadier ist, zu dem auch die modernste Variante des Schützenpanzers Puma gehört, fokussiert der IDZ-ES besonders auf die Bedürfnisse dieser Waffengattung. Dagegen dürften Fallschirmjäger, Logistiker, Pioniere oder Sanitäter andere Anforderungen haben und mitunter auch mit weniger Technik und Ausstattung auskommen. Auch diese sollen im Rahmen der Digitalisierung landbasierter Operationen (D-LBO) informationstechnisch angebunden werden. Konkrete Konzepte wurden bislang jedoch noch nicht veröffentlicht. Wie aus Fachkreisen zu erfahren ist, arbeitet das Amt für Heeresentwicklung gegenwärtig an einem Papier zur nächsten Generation von Soldatensystemen, das bis Herbst 2022 fertiggestellt werden soll.

Eine Vorreiterrolle bei Soldatensystemen hat in Deutschland der Düsseldorfer Rheinmetall-Konzern übernommen, der für die Umsetzung des „IDZ-ES Konstruktionsstand VJTF 2023“ als Generalauftragnehmer verantwortlich ist. Nach einer verunglückten Einsatzprüfung im Sommer 2020 konnte das Unternehmen beim finalen Abschlusstest im Februar 2021 die Einsatztauglichkeit seines Anteils am System Panzergrenadier nachweisen. Der Schützenpanzer sowie das Soldatensystem erhielten nach umfangreichen Prüfungen das Prädikat „kriegstauglich“. Gegenwärtig gilt es noch, einige Nachprüfungen zu erfüllen. Wie es aus dem Kommando Heer heißt, wird im kommenden Jahr auf eine endgültige Zertifizierung des Systems Panzergrenadier hingearbeitet, um es bei der VJTF 2023 unter deutscher Führung einsetzen zu können.

Während im Rahmen des Digitalisierungsprojektes D-LBO auf der Führungsebene das Battle Management System (BMS) Sitaware Headquarters und auf Fahrzeugebene Sitaware Frontline gesetzt sind, steht die Ausschreibung eines BMS auf Soldatenebene noch aus. Beobachter rechnen damit, dass in diesem Tender, für den noch kein Termin festzustehen scheint, Rheinmetall mit dem eigenen Produkt Tacnet ins Rennen gehen dürfte. Tacnet wird auch beim VJTF-IDZ eingesetzt. Als weiteren Bewerber sehen Fachkreise den dänischen Sitaware-Hersteller Systematic.

Auch auf internationaler Ebene hat Rheinmetall bereits umfassende Erfahrungen gesammelt. So hat der Düsseldorfer Konzern die Forschungs- und Entwicklungsarbeiten im europäischen Projekt GOSSRA geleitet. GOSSRA steht für „Generic Open Soldier System Reference Architecture“ und soll laut eigenem Verständnis auf EU- und NATO-Level einen einheitlichen Standard schaffen, der offen zugänglich ist und kein geschütztes geistiges Eigentum beinhaltet.

Das Projekt GOSSRA war im Rahmen des EU Preparatory Action on Defence Research (PADR) aufgesetzt worden mit einer Laufzeit von 22 Monaten von Juli 2018 bis März 2020 und wurde mit etwa 1,5 Millionen Euro von der EU gefördert. Unter der Führung der Rheinmetall Electronics GmbH waren weitere acht Partner aus sieben Ländern beteiligt: Indra (Spanien), GMV (Spanien), iTTi (Polen), Tekever-ASDS (Portugal), Larimart (Italien), Leonardo (Italien), SAAB (Schweden), Indra (Spanien) und die TNO (Niederlande).

Erste Arbeiten durch GOSSRA

Nach Angaben der EU konzentriert sich die Referenzarchitektur von GOSSRA insbesondere auf die Bereiche Software, Elektronik, Sprach- und Datenkommunikation, Sensoren, Effektoren, Human Interfaces sowie C4I. Die Architektur stellt laut EU „beste Praktiken“, „zukünftige Trends und Entwicklungen“ dar und schlägt Standardschnittstellen vor. Sie diene als Referenz für die Ableitung der „Zielarchitektur“, das heißt der Architektur für ein zu beschaffendes Soldatensystem.

Die Referenzarchitektur wird gemäß dem NATO Architectural Framework (NAF) v3 formuliert und baut auf den bereits in den Studien der European Defence Agency (EDA) mit der Bezeichnung STASS I und STASS II durchgeführten Arbeiten auf. „Der geplante GOSSRA-Standard soll in einigen Jahren gültig und anwendbar sein. Es wurde eine umfassende Trend- und Marktanalyse durchgeführt, um künftige globale, operative und technologische Trends im Bereich der abgesessenen Soldatensysteme zu erfassen“, schreibt das Konsortium zu den Zielen des Projektes.

Fortführung im Rahmen des European Defence Fund

Wie bei anderen im Rahmen von PESCO oder PADR angestoßenen Vorhaben führt die EU das Thema Soldatensysteme auch im neu aufgesetzten und mit Milliardensummen hinterlegten European Defence Fund (EDF) weiter. So wurde auch bei zwei Ausschreibungen zur Vergabe von Subventionen für neue Verteidigungsprojekte mit der Bezeichnung „Development of a digital system fort he secure and quick exchange of information related to military mobility“ sowie „Devolopment of full-size demonstrators for soldier systems“ die Thematik aufgegriffen. Der EDF ist dem Aufgabenbereich des EU-Binnemarktkommissars Thierry Breton zugeordnet und kofinanziert Rüstungsprojekte mit mindestens 20 Prozent; Forschungsvorhaben werden sogar vollständig übernommen. Ziel des EDF ist es unter anderem, Systeme europaweit zu harmonisieren und die Technologieentwicklung voranzubringen.

In der Ausschreibung zu den Soldatensystemen heißt es: „Das sich verändernde Einsatzumfeld erfordert die Entwicklung eines abgesessenen Soldatensystems der nächsten Generation, das in der Lage ist, die operativen Fähigkeiten im Nahkampf zu verbessern.“ Das System solle so konzipiert sein, dass es sich dank der Interoperabilitätsmerkmale mit den gepanzerten Land- und Luftfahrzeugen sowie mit künftigen unbemannten Fahrzeugen (UxVs) und den bereits eingesetzten Systemen der Soldaten leicht in ein digitales Gefechtsfeld integrieren lasse.

Konkret fordert der Defence Fund in seinem Tender für das mit 50 Millionen Euro dotierte Vorhaben, dass Anbieter in ihren Vorschlägen die Entwicklung eines individuellen, fortschrittlichen, standardisierten Kernsystems für Soldaten mit offener Architektur berücksichtigen, das die bei GOSSRA gewonnenen Erkenntnisse einbeziehen soll. Dieses Kernsystem solle in der Lage sein, Geräte, Fähigkeiten und Anwendungen zu integrieren, die diesem Standard entsprechen und einen agilen Prozess für eine rasche Weiterentwicklung der Einsatzfähigkeit des abgesessenen Soldaten in einem sich wandelnden Einsatzumfeld gewährleisten. Unter anderem bedeutet dies, dass das neue System mit kleinen Robotern und Drohnen der neuen Generation oder aufgerüsteten Robotern interagieren muss.

Genutzt werden soll innovative Technologie, die die Bereiche des Nahkampfes abdecken. Dabei zu berücksichtigen sind insbesondere: Überlebensfähigkeit, Nachhaltigkeit des Energiemanagements, Mobilität, Beobachtung, Letalität sowie wegagnostische Kommunikation.

Im Rahmen des Projektes verlangt der EDF die Entwicklung von Demonstratoren, die den operativen Nutzen und den Mehrwert der Harmonisierungsaktivitäten aufzeigen, sowie eine Durchführbarkeitsstudie für das Konzept des Soldatensystems und eine Auswahl von Geräten und Fähigkeitskonzepten, die mit dem Kernsystem des Soldaten verbunden sind und die vorgegebenen Anforderungen erfüllen.

Im Rahmen des Entwicklungsprozesses soll das Projekt in zwei Stufen geplant werden:  Eine zweijährige Phase der Anforderungsharmonisierung und Verbesserung der Technologiebereitschaft bis zur Erlangung der Reife für das Critical Design Review (CDR). Danach soll ein eine zweijährige Phase zur Entwicklung von Demonstratoren zum Zweck der operationellen Bewertung sowie der Entwicklung eines Verbreitungsprozesses folgen.

EU hat industriepolitische Ziele

Die EU verfolgt mit dem Vorhaben auch industriepolitische Ziele. So soll die EU-Industrie ihre Fähigkeiten zur Herstellung neuer hochinnovativer Soldatensysteme, -geräte und -fähigkeiten für europäische Soldaten verbessern. Außerdem soll ein europäisches Konsortium entstehen, das in der Lage ist, auf dem Weltmarkt wettbewerbsfähige europäische Lösungen anzubieten. Damit einher geht der Wunsch, die Abhängigkeit von Nicht-EU-Technologien und -Produkten zu verringern.

Wie Insider berichten, hatte sich für die Ausschreibung ein großes europäisches Konsortium zusammengefunden, das Unternehmen aus zahlreichen Ländern umfasst. Zu den Partnern sollen neben Safran und Rheinmetall auch Firmen wie FN Herstal, Thales, Beretta, Leonardo oder Indra gehören. Von deutscher Seite soll dem Vernehmen nach auch das WIWeB involviert sein. In Brüssel wird mit einer Auswahlentscheidung für die im Rahmen des EDF eingegangenen Bewerbungen bis Mitte 2022 gerechnet.

Sollte das geplante Forschungslabor „System Soldat“ in Erding tatsächlich umgesetzt werden, könnten dort womöglich auch Arbeiten im Rahmen des EDF-Vorhabens stattfinden. Die Bundeswehr würde mit einem solchen Zentrum überdies Kompetenz, die bislang bei der Industrie liegt, zurückholen und einen Schritt in Richtung der Sicherstellung ihrer digitalen Souveränität machen.
lah/17.1.2021