Umfassende Planänderung beim Seezielflugkörper erwartet

Norwegen und Deutschland arbeiten seit Jahren am Ausbau ihrer militärischen und industriellen Zusammenarbeit. So  will die Regierung in Oslo mindestens vier U-Boote in Deutschland kaufen und der staatlich kontrollierte Kongsberg-Konzern hat mit thyssenkrupp Marine Systems das Joint Venture kta Naval Systems zur Entwicklung von Combat Management Systemen für U-Boote gegründet. Die deutsche Marine wiederum sollte mit Unterstützung der deutschen Industrie weiterentwickelte Seezielflugkörper des Typs Naval Strike Missile (NSM) bei Kongsberg einkaufen.

Nachdem Kongsberg vor einigen Monaten die Aufforderung zur Angebotsabgabe für eine modernisierte NSM erhalten und dieses offenbar auch eingereicht hat, haben sich womöglich vor kurzem gravierende Planänderungen ergeben. Wie es aus gut unterrichteten Kreisen heißt, wollen die beiden Verteidigungsministerien wahrscheinlich nicht mehr eine modifizierte Variante des NSM einführen, sondern in den kommenden Jahren einen völlig neuen Seezielflugkörper gemeinsam von Grund auf entwickeln.  Beide Länder würden  sich offenbar im Verhältnis 50:50 an dem neuen Vorhaben beteiligen. Wann der neue Flugkörper serienreif sein könnte und wie umfangreich die Entwicklungsarbeiten ausfallen, scheint jedoch unklar zu sein. Insider gehen jedoch davon aus, dass 2035 eine realistische Prognose ist.

Während in Norwegen Kongsberg als Industriepartner gesetzt sein dürfte, ist dies in Deutschland nicht so eindeutig. Über Kompetenzen im Flugkörperbereich verfügen vor allem die beiden Unternehmen MBDA Deutschland und Diehl. Diehl ist jedoch bislang vertraglich an den schwedischen Rüstungskonzern Saab gebunden. Beide Firmen bauen und vermarkten gemeinsam den  Seezielflugkörper RBS 15, der auf den deutschen Korvetten der Klasse K130 zum Einsatz kommt. Die Bestellung neuer Flugkörper dieses Typs für das zweite Los Korvetten soll bereits fest eingeplant sein.

Beobachter gehen davon aus, dass im Fall der Neuentwicklung eines Seezielflugkörpers eine speziell auf diesen Zweck ausgerichtete Industrie-Kooperation gewählt werden müsste – etwa in Form eines Joint Ventures. Mit Blick auf zukünftige Einsatzszenarien und Bedrohungen – wobei auch das Thema Hyperschall eine Rolle spielen dürfte – erwarten Insider eine vorgeschaltete Studienphase.

Während ein noch zu entwickelnder Flugkörper der dritten Generation also erst weit nach 2030 zur Verfügung stehen würde, muss die deutsche Marine dringend ihre veralteten Schiff-Schiff-Flugkörper des Typs Harpoon ersetzen. Die weiterentwickelte NSM Block 2, für die bisher offenbar lediglich Studienmittel vergeben wurden,  sollte eigentlich als Harpoon-Ersatz beschafft und  im ersten Schritt  auf  dem Mehrzweckkampfschiff 180 eingerüstet werden.

Den Kreisen zufolge soll das BMVg jetzt jedoch an dem konkreten Plan arbeiten,  die modernste Variante der NSM, wie sie etwa für die US Navy vorgesehen ist und bei der bereits  verschiedene  Obsoleszenzbereinigungen erfolgt sind, zu ordern. Da sowohl die deutschen Fregatten der Klassen F-124 als auch F-125  noch mit Harpoon ausgerüstet sind und auch für die MKS 180 ein Seezielflugkörper benötigt wird, könnte sich der Bedarf womöglich auf über 100 Stück addieren.

Die Beschaffung der aktuellen NSM  statt einer modernisierten Version mit erweiterten Fähigkeiten dürfte sich dabei zeitlich positiv für die Marine auswirken. Denn die Entwicklung einer Block-2-Variante  dürfte erst nach dem offiziellen Vertragsschluss, der wiederum  an den U-Boot-Kontrakt gebunden ist, beginnen. Und die Finalisierung des Vertrages zwischen dem U-Boot-Bauer tkMS und den beiden Verteidigungsministerien für die sechs oder sieben Boote der Klasse 212CD wird  sich entgegen den ursprünglichen Planungen in das kommende Jahr verschieben. Beobachter gehen im Augenblick von einer Endverhandlung in der ersten sechs Monaten und einer parlamentarischen Befassung nach der Sommerpause aus.

Damit würde sich auch der Zulauf einer  fertig entwickelten und nach umfangreichen Tests durch den deutschen Auftraggeber akzeptierten – und damit sehr teuren – NSM Block 2 weiter verzögeren.  Überdies ist selbst eine Weiterentwicklung, die einen zweiten Suchkopf, einen schlankeren Rumpf oder einen neuen Raketenmotor beinhaltet,  mit Risiken behaftet.

Beobachter gehen davon aus, dass die NSM bei Kontrahierung im kommenden Jahr wahrscheinlich ab 2023 geliefert werden könnte.  Auch wenn der Flugkörper bereits international zahlreiche Kunden gefunden hat, ist es nicht auszuschließen, dass die Bundeswehr eine zusätzliche Qualifizierung für die eigenen Schiffe verlangt. Negative Erfahrungen mit anderen Seezielflugkörpern sowie  eine nicht optimal verlaufene  Vorstellung der NSM im scharfen Schuss könnten dafür Gründe sein.
lah/18.12.2019