Die sicherheitspolitische Lage in Europa und anderen Weltregionen ist derzeit so angespannt wie lange nicht mehr. Kriege und Konflikte – etwa in der Ukraine, im Nahen Osten oder im indopazifischen Raum – prägen die tägliche Berichterstattung. Nachrichtendienste warnen zudem, dass Russland unter Putin womöglich noch in diesem Jahrzehnt eine militärische Auseinandersetzung mit europäischen NATO-Staaten anstreben könnte, da im Kreml offenbar Zweifel an der Beistandspflicht des Bündnisses bestehen.
Vor dem Hintergrund der russischen Invasion in die Ukraine haben mehrere europäische Staaten begonnen, ihre Streitkräfte wieder aufzurüsten – auch Deutschland. Der politische Wille dafür zeigt sich an der Entkopplung der Verteidigungsausgaben von der Schuldenbremse sowie an den Haushaltsentwürfen für 2025 und 2026. Doch die Umsetzung wird schwierig: Die eh schon notorisch unter Preissteigerungen und Verzögerungen leidende Rüstungsbeschaffung wird fast zwangsläufig noch teurer werden und wahrscheinlich vermehrt von Liefer- oder Produktmängeln betroffen sein.
Die Gründe für diese Prognose sind vielschichtig, aber leicht erklärbar. Jeder Euro, der während der Friedensdividende nicht in die Verteidigung floss, führte dazu, dass Ausrüstung nicht modernisiert oder durch neue ersetzt wurde. Zugleich wurden Produktionskapazitäten der Rüstungsindustrie abgebaut, da die Nachfrage nach Kampfflugzeugen, -schiffen und -panzern stark zurückging. Nun, da Europa sich wieder verteidigen muss, ist der Bedarf an klassischen Waffensystemen und neuer Technologie groß – kann aber wegen fehlender Kapazitäten und Vorprodukte nicht gedeckt werden. In einer Marktwirtschaft führt das zwangsläufig zu Preissteigerungen, bei in- wie ausländischen Rüstungsgütern.
Diese Differenz zwischen Nachfrage und Angebot wird nicht kurzfristig abnehmen. Erst wenn die Hersteller ihre Produktionskapazitäten ausgebaut haben, werden sich Nachfrage und Angebot wieder auf einem ähnlichen Niveau einpendeln. Dieser Prozess wird einige Jahre dauern und zudem für weitere, qualitätsbedingte sowie terminbezogene Probleme in der Rüstungsbeschaffung führen. Denn bereits die Bemühungen der Rüstungsindustrie in den vergangenen drei Jahren führen jetzt schon dazu, dass praktisch jegliches vorhandene Personal- und Produktionspotenzial in der Branche ausgeschöpft wurde. Schon heute sind viele Unternehmen in der Situation, dass keine kurzfristigen Bestellungen und Entwicklungsdienstleistungen mehr angenommen werden können, ohne dass andere Vorhaben dafür geopfert werden müssen. Erfahrenes Personal – egal ob es sich dabei um Panzerschweißer, Entwicklungsingenieure oder Softwareentwickler handelt – ist ausgelastet. Abwerbungen von ganzen Kohorten erfahrenen Personals innerhalt der Branche sind keine Seltenheit mehr. Das Prinzip „Linke Tasche, rechte Tasche“ löst das Problem aber nicht, es verlagert es nur an andere Unternehmen innerhalb der selben Branche.
Die Einstellung von neuem Personal und die Qualifizierung zusätzlicher Zulieferbetriebe aus Gründen der Produktionserhöhung und der Risikomitigation in den Lieferketten wird sich, was den zusätzlichen Output betrifft, erst in den nächsten zwei bis drei Jahren richtig bemerkbar machen. Hier muss jedoch jedem Beobachter, Kommentator und Entscheidungsträger der deutschen Rüstungsbeschaffung bewusst sein, dass Meister nicht vom Himmel fallen. Dies betrifft sowohl „Rüstungshandwerker“ als auch Soft- oder Hardware-Ingenieure sowie Projektmanager. Bis aus neu eingestelltem Personal – egal ob Berufsanfänger oder Mitarbeiter mit verwandter Jobexpertise – Erfahrungsträger mit rüstungsspezifischer Expertise werden, wird einiges an Zeit vergehen und es werden auf dem Weg sicherlich auch Fehler passieren, die zu Mängeln und Zeitverzögerungen führen. Das gleiche gilt im Übrigen auch für die Einkäufer der Bundeswehr. Qualität braucht nun mal Zeit, ohne Erfahrung keine Expertise.
Es bleibt daher zu hoffen, dass die beschriebenen Mechanismen im Hinterkopf behalten werden, wenn zukünftig der ein oder andere Versuch gestartet wird, einen durch Preissteigerungen und Verzögerungen verursachten „Rüstungsskandal“ aufzudecken und im gleichen Atemzug nach den Schuldigen zu suchen.
Langfristig könnte sich die Situation dagegen merklich verbessern, nicht nur durch den Fähigkeitszuwachs der neuen Fachkräfte. Der allgemein gesellschaftliche Wandel in dem in den Streitkräften und der Rüstungsindustrie tätiges Personal nicht mehr als Paria betrachtet werden, könnte dazu führen, dass mehr „Virtuosen“ ihres Fachs sich für eine Karriere im Verteidigungsbereich – auf welcher Seite auch immer – entscheiden. Diese zusätzliche Expertise dürfte sich auch unmittelbar in einer höheren Innovationsfähigkeit des deutschen Verteidigungssektors niederschlagen.
Waldemar Geiger













