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Raytheon stellt sein Angebot in Menzingen vor

Der US-Rüstungskonzern Raytheon hat am Mittwoch in  der alten Raketenstellung Gubel bei Menzingen im Kanton Zug sein Angebot für das zukünftige Luftverteidigungssystem großer Reichweite der Schweizer Armee vor Medienvertretern präsentiert.

Das Unternehmen tritt gemeinsam mit den Partnern Mercury Mission Systems International und Rheinmetall Air Defence bei der Ausschreibung für die bodengebundene Luftverteidigung (Bodluv) im Rahmen des Vorhabens Air2030 an. Die drei Unternehmen hatten ihre Kooperation beim Angebot des Patriot-Luftverteidigungssystems an die Schweizer Regierung  bereits vor rund zwei  Monaten angekündigt. Raytheon hat mit den beiden Unternehmen in der französischsprachigen und deutschsprachigen Schweiz Partner, um die geforderten Offset-Leistungen zu erfüllen.

Der US-Konzern bietet der Schweiz neben dem kombinierten Patriot-Überwachungs- und Feuerleitradar auf der Effektor-Seite die neueste Variante der GEM-T-Abwehrrakete an.  Den Angaben zufolge kann die Lenkwaffe gegen taktische ballistische Raketen und Luft atmende Bedrohungen wie Flugzeuge oder Cruise Missiles eingesetzt werden. Laut Hersteller wird die Waffe vom größten einstufigen Raketenmotor seiner Klasse angetrieben. Aufgrund des Verzichts auf einen Booster, entfalle das Risiko, das von herabfallenden Raketenteilen ausgehe. Die Lenkwaffe wird laut Raytheon für einen Zeitraum von 45 Jahren zertifiziert und nutzt moderne Gallium-Nitrit-Technologie.

In Fachkreisen gilt die GEM-T als leistungsfähige Waffe, die deutlich günstiger als die von Lockheed Martin hergestellte PAC-3 MSE sein soll. Dem Vernehmen nach strebt auch die Bundeswehr an, eine große Zahl der eingeführten Patriot-Abfangraketen auf  den Standard GEM-T hochzurüsten.

Die schweizerische Beschaffungsbehörde armasuisse erprobt noch bis Ende August die Sensoreinheit des Patriot-Systems in einer alten Stellung des ausgemusterten Bloodhound-Raketensystems in der Nähe von Menzingen. Vom 16. bis 27. September werden dann die Sensoren des französischen Konsortiums und Raytheon-Konkurrenten Eurosam mit seinem Samp/T-System an gleicher  Stelle getestet.

Untersucht wird dabei unter anderem die Leistungsfähigkeit und die Verträglichkeit der Sensoren mit dem Frequenzspektrum vor Ort. Dazu sind jeweils zehn Zielflugmissionen vorgesehen. Die Radare müssen dabei unter anderem Flugzeuge der schweizerischen Luftwaffe detektieren.  Die Tests und Audits sollen eine Datenbasis liefern, die in den späteren Auswahlprozess einfließen wird. Im Rahmen der Auswahl der Systeme ist  kein scharfes Schießen vorgesehen. Es bestehe jedoch die Option eines Verifikationsschießens in der Zukunft, hieß es bei einer Pressekonferenz der armasuisse Anfang des Monats.  Die Fähigkeiten der beiden Anbieter werden auch durch Visiten in deren Heimatländern evaluiert. Es seien bereits rund 25 Vertreter des schweizerischen Verteidigungsministeriums VBS zu Besuchen bei den Herstellern im Ausland gewesen, hieß es während der Pressekonferenz.

Laut Raytheon waren Abgesandte aus der Schweiz für fast zwei Wochen in Massachusetts zu Besuch.  Nach Aussage von Joseph DeAntona, Raytheon-Executive für den Bereich Air & Missile Defense, während der Paris Air Show, könnte sich der hohe Detailgrad der Fragen der Schweizer Beschaffer womöglich als Vorteil für sein Unternehmen erweisen. Denn aufgrund der mehr als dreißigjährigen Erfahrung habe man die Kenntnis und harten Daten, um nicht nur hypothetische Antworten darauf  zu geben. So wurden Patriot-Einheiten laut Hersteller in mehr als 250 Fällen im scharfen Kampfeinsatz. Insgesamt 17 Länder nutzen insgesamt mehr 220 Feuereinheiten. Obwohl Patriot bereits in den 80er Jahren in die Truppe kam, wurde das System seitdem kontinuierlich modernisiert. DeAntona vertrat Raytheon auch in Menzingen. Wie er im Gespräch mit dem Schweizer Fernsehen sagte, stecke im Inneren des Patriot-Systems die „beste Technologie auf dem Planeten Erde“.

Die Schweiz will im Rahmen der Initiative Air2030 sechs Mrd CHF für die Beschaffung von neuen Kampfflugzeugen und zwei Mrd CHF für Bodluv ausgeben. Die Kosten sollen sich dabei auf einen Nutzungszeitraum von 30 Jahren beziehen.  Eine wichtige Anforderung für Bodluv ist dabei die Integration in das Führungssystem der Schweizer Luftwaffe. Dieses als Florako bezeichnete System soll im Rahmen von Air2030 – allerdings außerhalb des Budgets – ebenfalls modernisiert werden. Als Anbieter sind hier Thales, Raytheon und Saab im Wettbewerb.

Eine Patriot-Feuereinheit besteht aus Radar, Führungs- und Leitsystem sowie Abfangsystem.  Rheinmetall sieht das Patriot-and-Below-Concept, bei dem Effektoren geringer Reichweite in Patriot integriert werden, als Lösung für die umfassende zukünftige Luftabwehr in der Schweiz. Wie Christian Catrina, Delegierter des VBS für die Erneuerung der Mittel zum Schutz des Luftraums auf der Pressekonferenz zu Monatsbeginn sagte, steht die Erneuerung der Luftverteidigung kürzerer Reichweite jedoch erst in einem Zeitraum von etwa zehn Jahren an. Solange muss die Schweizer Armee offenbar noch mit seinen veralteten Rapier-Flugabwehrraketen und den gezogenen 35mm-Kanonen auskommen.
lah/22.08.2019