Die Entwicklungen des Ukrainekrieges werden von der Inselnation Taiwan mit Aufmerksamkeit verfolgt. Daraus resultierende Schlüsse für die eigene Verteidigung gegen eine mögliche chinesische Invasion sind die logische Konsequenz. Ein prägnantes Beispiel für die Umsetzung und Anpassung ukrainischer Technologie an die eigenen Herausforderungen ist die angestrebte Indienststellung einer großen Flotte unbemannter Überwassersysteme (Unmanned Surface Vehicles, USV).
Die kompakten und schwer detektierbaren Fahrzeuge haben wie alle anderen unbemannten Systeme auch während des Krieges in der Ukraine eine bemerkenswerte Entwicklung durchlaufen. Große öffentliche Bekanntheit erreichte das ukrainische USV-Programm im Oktober 2022, als mehrere Systeme der Bezeichnung „Mykola” den Hafen des russischen Hauptquartiers der Schwarzmeerflotte in Sewastopol angriffen.
Die agilen Systeme mit geringer Signatur und zunehmender Reichweite haben sich in den letzten drei Jahren zudem zu Trägern unterschiedlicher, weitreichender Wirkmittel entwickelt. Dazu zählen ferngesteuerte Waffenanlagen, Boden-Luft-Flugkörper und FPV-Drohnen. Wenn nötig, übernehmen die Systeme auch Relaisfunktionen. Genau wie die Ukraine steht auch Taiwan in einem geografisch relativ eng definierten, maritimen Raum einer um ein Vielfaches überlegenen Seestreitmacht gegenüber, sodass die Nutzung von USV eine naheliegende Schlussfolgerung ist.
Kuai Chi USV
Obwohl die hochentwickelte Industrie des Inselstaates mehrere USV-Systeme hervorgebracht hat, wurde Ende August aus Medienberichten bekannt, dass Taiwan bis 2030 über 1.300 USV des Typs „Kuai Chi” in Dienst stellen will und somit den Fokus auf diesen Typ zu legen scheint. Die Kuai Chi wurde vom staatlichen Chungshan Institute of Science and Technology (NCSIST) entwickelt. Es handelt sich um eine schnelle, kostengünstige und agile Plattform mit einem schlanken Rumpf für den Einsatz in küstennahen und flachen Gewässern.
Ursprünglich als „Black Tide” bezeichnet, wurde das System im Sommer 2025 erstmals im Rahmen einer Vorführung des NCSIST der Öffentlichkeit präsentiert. Das etwa 8,6 Meter lange Fahrzeug wird von Zwillingsdieselmotoren angetrieben. Diese ermöglichen Geschwindigkeiten von rund 80 km/h (ca. 43 Knoten), wie Beobachter berichten. Die Nutzung von Dieselmotoren anstelle der weiterverbreiteten Benziner ist bemerkenswert und kann langfristig zu einer höheren Reichweite und Zuverlässigkeit beitragen.
Dank des modularen Nutzlastkonzepts ist die Kuai Chi vielseitig einsetzbar. Neben einer Wirkmittelladung für Rammeinsätze im Bug verfügt sie über einen optionalen Hangar für Quadrotor- bzw. FPV-Drohnen (vergleichbar mit den ukrainischen Konzepten) sowie über sechs Startrohre für die lokal gefertigte „Jing Feng Loitering Munition”. Diese ähnelt in ihrer Auslegung stark der Switchblade des US-amerikanischen Herstellers AeroVironment. Eine integrierte Satellitenkommunikation sowie autonome Navigations- und Kollisionsvermeidungssysteme sollen den Betrieb auch unter komplexen elektronischen Gegenmaßnahmen ermöglichen. Durch die konsequente Verwendung spezieller Materialien und die Ausgestaltung der Oberfläche soll zudem die Radar- und Infrarotsignatur äußerst gering sein.
Einsatz im Schwarm und bei mehreren Truppengattungen
Laut NCSIST ist eine besondere Stärke der Kuai Chi die Fähigkeit, komplexe Schwärme zu bilden und koordinierte Angriffe durchzuführen. Neben der Sättigung der gegnerischen Abwehr können die USV auch zur Täuschung genutzt werden, um anderen Waffensystemen einen Vorteil zu verschaffen. Durch die Integration von FPV-Drohnen und Loitering Munition können die USV ihren Angriff zudem bereits aus der Distanz beginnen und anschließend das Ziel als Ladungsträger angreifen. Hierzu soll neben einer robusten Kommunikationsarchitektur auch eine weitreichende Autonomie auf Basis künstlicher Intelligenz Teil des Systems sein.
Durch die vielfältige Einsetzbarkeit sollen zukünftig die Bedarfe unterschiedlicher Nutzer abgedeckt werden. So wurde bekannt, dass das USV neben den für die Abwehr von Ladungsoperationen Verantwortlichen des Küstenkommandos auch bei der Marineinfanterie und den Spezialkräften eingeführt werden soll.
Kristóf Nagy















