Kauft Norwegen Raketenartillerie in Südkorea statt in Deutschland?

Lars Hoffmann

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Norwegen und Deutschland haben in den vergangenen Jahren ihre Rüstungskooperation umfassen ausgebaut. So wollen beide Länder unter anderem gemeinsam U-Boote der Klasse 212 CD beschaffen ebenso wie Kampfpanzer des Typs Leopard 2 A8. Das erste Fahrzeug dieses Typs wurde Mittwoch an die norwegischen und deutschen Streitkräfte in einer feierlichen Zeremonie beim Hersteller KNDS Deutschland in München übergeben. Bei der Veranstaltung wies der deutsche Verteidigungsminister Boris Pistorius noch auf die Möglichkeit für ein weiteres Kooperationsprojekt hin: Die gemeinsame Beschaffung von Raketenartillerie.

Wichtige Kooperationen sollten nicht auf den Leopard begrenzt bleiben, sagte der Minister. „Wir sehen, wie wichtig ein moderner und durchhaltefähiger Raketenartillerieverbund ist. Wir sollten daher in Europa gerade, auch mit Partnern wie Norwegen, mit denen wir traditionell und besonders eng zusammenarbeiten, weitere Projekte prüfen. Um auch bei zukünftigen Systemen wie EuroPULS oder den geplanten MARS 3 enger zusammenzufinden“, so Pistorius. „Das wäre ein Gewinn für beide Seiten, für die Interoperabilität, für die Versorgungssicherheit und für eine belastbare europäische Fähigkeit, in einem Bereich, in dem die Anforderungen ganz sicher weiter steigen werden.“

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Der Minister dürfte mit seinen Ausführungen indirekt einen wunden Punkt in den sonst sehr guten deutsch-norwegischen Beziehungen angesprochen haben, der auch ihm nicht verborgen geblieben sein dürfte.

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Norwegen hat im Wettbewerb für die Beschaffung eines neuen Raketenartilleriesystems KNDS Deutschland als einzigen rein europäischen Anbieter und damit das vorgeschlagene Raketenartilleriesystem EuroPULS bereits im Sommer vom Wettbewerb ausgeschlossen, wie aus gut informierten Kreisen zu vernehmen ist. Beobachter vermuten, dass die Entscheidung auf Kosten und Lieferzeiten zurückzuführen sein könnte, was aber nicht gesichert ist. Die norwegische Staatssekretärin im Verteidigungsministerium Marte Gerhardsen, die am Mittwoch am Roll-out der ersten Leopard 2 A8 teilnahm, wollte sich auf Nachfrage von hartpunkt nicht zum Beschaffungsprogramm äußern.

Nach Einschätzung norwegischer Beobachter verbleiben damit nur noch Lockheed Martin mit dem HIMARS-Raketensystem und die südkoreanische Firma Hanwha mit dem K239 Chunmoo im Rennen. Dem Vernehmen nach soll es zwischen Lockheed Martin und Norwegen auch einen Austausch über die Lieferung des GMARS-Mehrfachraketenwerfers gegeben haben, der zusammen mit Rheinmetall entwickelt wurde.

Bereits im vergangenen Jahr hatte die Defence Security Cooperation Agency der USA eine Anfrage Norwegens für den Kauf von 16 M142 High Mobility Artillery Rocket Systems (HIMARS) plus Ausrüstung und Munition im Wert von 580 Millionen Dollar veröffentlicht. Aus einer solchen Anfrage muss jedoch nicht zwangsläufig ein Geschäft resultieren. Zumal die USA Medienberichten zufolge dem norwegischen Wunsch nach einem Kauf von modernen Artillerieraketen des Typs GMLRS-ER sowie der Precision Strike Missile (PrSM) mit noch größerer Reichweite nicht zugestimmt hatten. Allerdings könnte die mittlerweile im Amt befindliche US-Regierung eine erneute Anfrage womöglich anders bewerten.

Beobachter räumen mittlerweile Hanwha die besten Chancen ein. Das Unternehmen hat die norwegischen Streitkräfte bereits mit Panzerhaubitzen des Typs K9 Vidar und zugehörigen Munitionsfahrzeugen K10 beliefert.

Der Mehrfachraketenwerfer Purpose Universal Launching System (PULS), von dem der EuroPULS abgeleitet ist, mit dem KNDS ins Rennen gegangen war, wurde ursprünglich vom israelischen Rüstungskonzern Elbit Systems entwickelt und kann eine breite Palette von Artillerieraketen mit einer Reichweite von 12 bis 300 km verschießen. In Mitteleuropa haben sich bisher Deutschland, die Niederlande und Dänemark zur Beschaffung des EuroPULS entschieden. In der Bundeswehr erhält das System die Bezeichnung MARS 3. Raketen für das Waffensystem sollen lokal gefertigt werden, etwa von Diehl Defence, um so die Versorgung sicherzustellen. Dazu kommen weitere wesentliche Komponenten aus europäischer Fertigung.

In diesem Jahr hatten KNDS Deutschland, Elbit Systems und der norwegische Rüstungskonzern Kongsberg erstmals einen von Kongsberg entwickelten Seezielflugkörper des Typs Naval Strike Missile (NSM) aus einem EuroPULS-Launcher erfolgreichen verschossen. Mit einer solchen Konfiguration könnten unter anderem Küstenartillerieeinheiten ausgestattet werden. Wie es in Fachkreisen heißt, sind überdies die technischen Parameter gegeben, um langfristig auch den von Norwegen und Deutschland entwickelten Seezielflugkörper großer Reichweite mit der Bezeichnung 3SM Tyrfing in das System zu integrieren. Kommt die Beschaffung von EuroPULS durch die norwegischen Streitkräfte jedoch nicht in Frage, dürfte sich dies auf die Attraktivität einer solchen Lösung auswirken.

Ob ein Kauf von Raketenartilleriesystemen in Korea für Norwegen die richtige Wahl ist, scheint indes auch in dem skandinavischen Land umstritten zu sein. So veröffentlichte die größte norwegische Wirtschaftszeitung Dagens Næringsliv just am vergangenen Mittwoch, passend zur Übergabe der neuen Leoparden an Bundeswehr und norwegische Streitkräfte, einen Artikel, wonach Kongsberg und Aker – einer der wichtigsten norwegischen Industriekonzerne – dem norwegischen Premierminister und weiteren Regierungsmitgliedern in der Angelegenheit geschrieben haben. Wie es heißt, empfehlen die Konzerne den Kauf von EuroPULS, auch um die nationale Verteidigungsindustrie zu stärken. Bei einer Beschaffung könnte Kongsberg womöglich Raketen und Feuerleitlösungen liefern und Aker den Launcher bauen und sich um die Wartung kümmern – insgesamt ein großes Paket für die norwegische Industrie.

Norwegischen Medienberichten zufolge hat sich das Verteidigungsministerium bislang nicht zu dem Beschaffungsprogramm und den Teilnehmern geäußert. Wie es aus gut informierten Kreisen in Norwegen heißt, ist im Budgetvorschlag für das kommende Jahr das Thema Raketenartillerie nicht enthalten. Dies könnte jedoch bei der Vorlage des überarbeiteten langfristigen Verteidigungsplans der Fall sein. Dieser wird in den ersten Monaten des kommenden Jahres erwartet. Hintergrund der Neufassung ist offenbar, dass nicht genügend Finanzmittel für die ambitionierten Rüstungspläne hinterlegt wurden.

Jetzt bleibt abzuwarten, ob es beim Ausschluss von KNDS Deutschland aus dem Verfahren bleibt oder doch noch auf die europäische Karte gesetzt wird. Deutschland hat daran offenbar großes Interesse, wie Verteidigungsminister Pistorius deutlich gemacht hat.

Lars Hoffmann